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StartseiteMusikjournalPolitik und Biertischgelaber zur Jubiläumsausgabe20.11.2017

Festival "Wien Modern"Politik und Biertischgelaber zur Jubiläumsausgabe

Vor 30 Jahren gründete der italienische Dirigent Claudio Abbado das Festival "Wien Modern", das sich der Aufführung von zeitgenössischer Musik verschrieben hat. Die Jubiläumsausgabe stand unter dem Motto "Bilder im Kopf", blickte zwar auch auf die Erfolgsgeschichte des Festivals, aber noch mehr in die Zukunft.

Von Reinhard Kager

Der Dirigent Claudio Abbado (dpa / picture alliance / Hermann Wöstmann)
1988 gründete Abbado das Festival Wien Modern. (dpa / picture alliance / Hermann Wöstmann)
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Musik: Iris ter Schiphorst, "Das Imaginäre nach Lacan"

Ein aktuelles politisches Statement würde man unter dem Motto "Bilder im Kopf" eher nicht erwarten. Und erst recht nicht von altarabischen Texten, die Salome Kammer in einer deutschen Übersetzung spricht. Und doch gelingt es der niederländischen Komponistin Iris ter Schiphorst, Zeitgemäßes aus den alten Schriften herauszulesen. Zur Hälfte ihres neuen Orchesterstücks "Das Imaginäre nach Lacan" schlüpft dessen Solistin in den Tschador einer arabischen Frau, um denselben Text nochmals zu rezitieren: Verändern die Bilder, die wir uns von der Interpretin machen, womöglich die Wahrnehmung der gesellschaftskritischen Inhalte, die sie uns vermittelt?

Mit Hans Werner Henzes selten gespieltem Oratorium "Das Floß der Medusa" stand noch ein zweites explizit politisch gedachtes Werk am Beginn von "Wien Modern", das – auf 1968 noch nicht zu erahnende Weise – gleichfalls unsere Perspektiven verdreht: In der von Henze geschilderten historisch verbürgten Begebenheit aus der Kolonialzeit treiben nämlich europäische Soldaten auf einem Floß hilflos nach Afrika.

Musik: Hans Werner Henze, "Das Floß der Medusa"

Bilder im Kopf

Abgesehen von immanent theatralischer Musik, wozu neben Hans Werner Henzes "Floß der Medusa" etwa auch Peter Eötvös' rein instrumentale "Chinese Opera" mit dem Klangforum Wien zählte, setzt Festivalkurator Bernhard Günther aber auch auf assoziativ-farbenreiche Kompositionen, um sein Motto der "Bilder im Kopf" einzulösen.

"Musik setzt die Imagination in Gang, und das kann die unterschiedlichste Musik sein. Jetzt ist es aber doch so, dass das jahrzehntelang so ein bisschen gegen den Willen der Komponistinnen und Komponisten passiert ist. Die haben sich ja geradezu dagegen gewehrt. Inzwischen haben wir da mehrere Revolutionen der Musik hinter uns, beispielsweise der Musique spectrale, der Spektralmusik, die den 70er-Jahren in Paris entstanden ist, die ganz bewusst wieder mit diesen Bilder arbeitet."

Hugues Dufourt, einer der Spektralisten der ersten Stunde, versucht in seinem imposanten, vom "ensemble recherche" glänzend interpretierten Zyklus "Apollon et les continents" ein Deckenfresko des italienischen Malers Tiepolo in der Würzburger Residenz musikalisch farbenreich nachzuempfinden.

Tristan Murail gewinnt in seinem "Liber fulguralis" aus der spektralen Analyse der Geräusche von Gewittern das musikalische Material seiner halbstündigen Komposition, die vom Ensemble PHACE beeindruckend räumlich wiedergegeben wurde.

Musik: Tristan Murail, "Liber fulguralis"

Musiktheater überzeugt nur mäßig

So stark "Wien Modern" mit Musik der "Ecole spectrale" punkten konnte, wozu auch Gérard Griseys "Les espaces acoustiques" zählen, so wenig vermochten die theatralischen Aktionen des Festivals zu überzeugen: Nicht mehr als arrangierte Turnübungen und Biertischgelaber präsentierte die Gruppe "netzzeit" bei ihrem Stationentheater "An die Grenze"; unter der brachialen Lautstärke, die der Dirigent Walter Kobéra von der koproduzierenden Neuen Oper Wien entfachte, litt wiederum Johannes Maria Stauds polystilistisches Musiktheater "Die Antilope". Einigen Charme entwickelten nur die "Wasserwege", die Carola Bauckholts Linzer Kompositionsklasse mit Natursounds und räumlichen Instrumentalstücken durch die Praterauen legte.

"Ein Festival wie 'Wien Modern' ist ja eine eierlegende Wollmilchsau"

Da für professionelles Musiktheater das Budget fehlt, wäre Kurator Bernhard Günther gut beraten, sich auf zeitgenössische Instrumentalmusik in hochwertigen Interpretationen zu konzentrieren. Sein klares Bekenntnis, auch weiterhin Uraufführungen in Auftrag zu geben, macht einige Hoffnung:

"Ein Festival wie 'Wien Modern' ist ja eine eierlegende Wollmilchsau. Das soll alles können einen Monat lang: Die großen Säle in der Stadt bespielen und andererseits einen Einblick in die aktuelle Werkstatt geben; es soll international sein, es soll österreichisch sein; das heißt, diese Vision, die sich ja seit Abbado sehr entwickelt hat, die ist ein bisschen ein Zauberkunststück. Die liegt mir trotzdem extrem am Herzen. Denn man kann heute ja kein retrospektives Festival mehr machen, sondern man muss auch den Blick in die Zukunft richten."

Musik: Hannes Kerschbaumer, "geschiebe"

Musikalische Hochgebirgsluft in 3D

So war es denn auch das vermeintlich Kleine, das viel stärker beeindruckte als die Musiktheaterprojekte. Wie etwa ein dramaturgisch klug gebautes, intimes Konzert des ungewöhnlichen Duos "Two Whiskas" der Geigerin Ivanka Pristašová und der Blockflötistin Caroline Mayrhofer, die komplexe Uraufführungen von Hannes Kerschbaumer, Wolfram Schurig und Judith Unterpertinger spielten.

Kerschbaumer, dessen "geschiebe" für Violine und Tenorblockflöte durchaus wörtlich zu nehmen ist, wird für seine gleichsam skulptural angelegten Kompositionen kommenden Mittwoch mit dem Erste-Bank-Kompositionspreis ausgezeichnet werden. Zweifellos ein würdiger Preisträger, meint auch Kurator Bernhard Günther.

"Kerschbaumer ist einer der spannendsten, einfallsreichsten, radikalsten Künsterlpersönlichlichkeiten im Bereich der zeitgenössischen Musik. Er erzeugt tatsächlich Oberflächen mit seiner Art von Klang, die man mit den Händen greifen zu können meint. Er möchte quasi dreidimensionale Objekte erzeugen. Er kommt als Südtiroler dann immer wieder auch auf sehr naturhafte Bilder und sozusagen diese hochgebirgsartige Luft, die man da atmet in seinen Stücken, die finde ich tatsächlich sehr erfrischend muss ich sagen."

Musik: Hannes Kerschbaumer, "geschiebe"

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