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StartseiteForum neuer Musik 2020Sterben und Tod im Zeitalter Künstlicher Intelligenz22.02.2020

FestivalleiterSterben und Tod im Zeitalter Künstlicher Intelligenz

Das Thema des diesjährigen Kölner Forums neuer Musik verweist auf ein Sujet, dem man sich aus vielerlei Perspektiven nähern kann. Es ist sehr menschlich, und auf den ersten Blick mutet es unpolitisch an. Leonie Reineke hat Dlf-Redakteur Frank Kämpfer, dem künstlerischen Leiter, dazu einige Fragen gestellt.

Frank Kämpfer (Thomas Kujawinski)
Frank Kämpfer (Thomas Kujawinski)
Eintritt zum Forum neuer Musik

Pro Veranstaltungstag im Deutschlandfunk: 15 Euro (ermäßigt 12 Euro)

Vorbestellung rolf.otten@dradio-service.de

Vorbestellte Karten sind ab 30 Minuten vor dem Konzertbeginn ohne weitere Bestätigung an der Konzertkasse im Funkhaus hinterlegt. In der Kirche Sankt Peter ist der Eintritt frei.

Deutschlandfunk
Raderberggürtel 40
50968 Köln

Anfahrtsskizze

Leonie Reineke: Wie sind Sie auf Ihr Festivalthema 2020 gestoßen und was war der Grund, sich mit Sterben und Tod zu befassen?
 
Frank Kämpfer: Der Ausgangspunkt war Sarah Nemtsovs Projektidee "Roses for my Funeral". Mir war sofort klar, ein derartiges Nachdenken über Sterben und Tod muss in den Deutschlandfunk und demzufolge in unser Forum. Ähnlich wie die Komponistin war ich Mitte 2018 auch privat damit konfrontiert und folglich sensibel. Deshalb empfand ich Sarah Nemtsovs Intention, weniger gegen den Tod als gegen dessen Verschweigen und Verdrängen zu rebellieren, als höchst relevant und punktgenau formuliert. – Beim Entwickeln des Ganzen von der einen Idee hin zu einem kompletten, diskursiven Forum neuer Musik, wurde mir allerdings klar, dass wir bei einem so umfänglichen Thema einen speziellen Ansatzpunkt finden müssten. Durch Zufall sah ich Sergej Maingardts Stück "Transfleisch" und damit war dieser gefunden. Wir holen beim Forum dem Tod künstlerisch also nicht nur ins Bewusstsein zurück, wir bringen auch das Unsterblichsein mit ins Spiel – nicht auf medizinischer, nicht auf religiöser Ebene, vielmehr auf einer ethisch-philosophischen und inspiriert vom aktuellen Diskurs um Künstliche Intelligenz.

Sieben Perspektiven erwächst das Diskursive 

Reineke: Was genau war der gedankliche Hintergrund für ein solches Thema?

Kämpfer:  Die eben angerissene Themenwelt ist natürlich sehr umfangreich, von uns nicht zu bewältigen. Unser Punkt, um da hinein zu gehen, ist die Verbindung dazwischen: die These, den Menschen mit Hilfe von Technologie verbessern, optimieren zu können. Und perspektivisch, womöglich im Zuge von Cyborgisierung, unsterblich zu werden – dabei jedoch den letzten Zusammenhang mit der Natur zu verlieren. Vor diesem Hintergrund kriegt unser Motto beinahe mythologischen Atem. Alle sieben formal sehr unterschiedlichen Beiträge des Forums – vom Streitgespräch über das Streichquartett und die halbszenische Lecture bis hin zum Abend mit Sprache, Musik, Licht und Performance – verstehen sich als Antwortmöglichkeiten auf unsere Frage; als Angebote, die politisch-ethische Reflektion und künstlerisches Erleben kombinieren. Diese sieben Termine treffen sich nun aber nicht in der Beantwortung der Frage nach dem Tod, sondern vielmehr bei der Frage nach dem Menschen. Nach dem Verhältnis von Menschheit und Menschlichkeit im heraufziehenden Zeitalter Künstlicher Intelligenz und in Anbetracht der anthropogen beförderten Krise des Klimas. Das Selbstbild des Menschen als Spezies, das gegenwärtig befragt, vielleicht auch neu justiert werden muss, das ist das eigentliche  Zentrum. An welche Stelle stehen wir womöglich gerade als Zivilisation? Was ist der Mensch, was macht ihn aus, woraus resultiert seine Ambivalenz? Warum trauert er, wenn jemand stirbt, warum tötet er seine eigene Art, warum bringt er die Lebensumwelt, der er entstammt aus ihrem Gleichgewicht?  
 
Reineke: Woran haben Sie sich beim Finden und Formulieren des Themas orientiert? Gab es in der Neuen Musik bereits andere Veranstaltungsformen dazu?
 
Kämpfer: Zu erinnern ist vor allem an die so genannte Jahrestagung der Projektgruppe Neue Musik Bremen im Jahr 1996. Sie nahm eine Handvoll Komponisten in den Blick – Klaus Huber, Luigi Nono, Rolf Riehm, Bernd Alois Zimmermann und fragte nach deren Positionen und künstlerischen Visionen zu Sterben und Tod. Das fiel unterschiedlich aus, war aber von großer Intensität. Die Bremer kombinierten das mit Monteverdi und Mozart und gestalteten ein Symposium weit über das Komponieren hinaus. Thomas Macho, der heute namhafte Wiener Kulturhistoriker und Sterbeforscher, der bei uns jetzt in Köln eine Art Kulturgeschichte des Todes in der Moderne vorträgt, war schon damals in Bremen dabei. Während des Forums werden wir diese Veranstaltung vor knapp 25 Jahren auf dem DLF-Sendeplatz Atelier neuer Musik genauer rekapitulieren. – Heute ist die Situation etwas anders. Das Thema Sterben und Tod kommt an vielen Stellen zurück in die Öffentlichkeit, zunehmend auch unkonventionell, alternativ. Das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine ist als Festivalthema bereits recht beliebt. Eine Verknüpfung wagen im Augenblick aber nur wir hier im Deutschlandfunk.
 
Reineke: Was genau bieten beim Forum 2020 nun die verschiedenen Veranstaltungen?
 
Kämpfer: Sarah Nemtsovs "Roses for my Funeral" verbindet als inszenierter Abend Ebenen von Sprache, Performance, Lichtdramaturgie und spartenübergreifenden Klängen. Emotional wirkt das auf sehr besondere Weise – zumal, mit Heinrich Horwitz ist eine ganz besondere Regisseurin am Werk. Das große Streichquartett von Eres Holz setzt gleichfalls auf Emotionen; es ist inspiriert von Gedanken der Grenzüberschreitung und des inneren Ausnahmezustands. Die jungen Musiker des "ensembles 20/21"  spielen bei Forum bereits zum 11. Mal. Unter dem Motto "Metamorphosen" verbinden sie Werke aus Ostasien und Südamerika, die ihrerseits sepulkrale Traditionen dortiger Kulturen spiegeln. Und sie sparen aus spirituelle belange nicht aus. Eine Vergötterung der Maschinen gibt es bei dezidiert uns nicht; Sergej Maingardt geht in "Transfleisch" vielmehr den Weg zurück – von der Erkenntnis der Struktur der Materie hin zum Belebten, zum Dasein. Insgesamt bieten wir also Performance, Multimedia und Konzertantes – meist in Mischform. Das reicht bis in die Lecture von Anna Schürmer, in der Düsseldorfer Studierende szenische Einwürfe machen. Ich bin darauf sehr gespannt – schließlich verspricht dieser Programmpunkt nicht weniger als einen Versuch einer Ästhetik des transhumanen Zeitalters. Thomas Macho habe ich schon erwähnt, und ganz am Anfang fragt meine Kollegin Christiane Florin in einem Streitkultur-Format nach dem Verhältnis von Menschsein und der Idee von Unsterblichkeit.

Kritische Auseinandersetzung ist dringend geboten 

Reineke: Sind am Ende Antworten auf die Frage "Wollen wir den Tod überwinden?" zu erwarten? Und wenn ja, inwieweit korrespondieren sie mit vorherigen Forums-Jahrgängen?  

Kämpfer: Am ersten Abend neigt man womöglich dazu, sich Verlängerung des Daseins zu wünschen, Unsterblichkeit oder gar Wiederkehr – so wie es Mythen, Märchen oder aktuelle TV-Serien ausmalen. Aber nach "Transfleisch" sollte das Thema in seiner ganzen Dimension erkannt und die Mottofrage auch klar zu beantworten sein. Vorausgesetzt, dass man die bisherigen Attribute des Menschseins nicht ablegen will. In ihrer bekanntesten Schrift "Vita activa" postuliert Hannah Ahrendt, die jüdisch-amerikanische Philosophin, dass unser Menschsein an unsere Vergänglichkeit geknüpft ist, und dass sich eben daraus aber die Möglichkeit ergibt, ein individuelles Leben zu führen. Das ist beim Forum die Basis des Denkens. Natürlich lesen sich heutige transhumane Konzepte vom neuen oder nächsten Menschen verlockend. Visionen einer Fusion von Mensch, Tier und Technologie zu einer optimierten Kreatur sind aber eher Fantasien eines entfesselten Rennens um globale Vorherrschaft. Solche Visionen gibt es schon in der Antike, und speziell seit der Romantik. Man denke an Frankenstein oder an E.T.A. Hoffmanns Automaten. In jedem Fall ist klar, dass wir uns scheinbar neuen Konzepten gegenüber keinesfalls naiv oder ergebnisoffen verhalten können, wenn wir dem aufgeklärt-demokratisch verwurzelten Welt- und Menschenbild unserer westlichen Zivilisation anhängig bleiben wollen. Kritische Auseinandersetzung ist hier gefragt, und das ist weder old school noch ewig gestrig. Indem wir die Frage des Todes nicht im Privatraum belassen, sondern ins Gesellschaftliche projizieren, wird sie politisch. Und damit sind wir präzis bei den Fragen, die das Forum Jahr um Jahr immer wieder aufs Neue aufwirft.

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