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StartseiteFussballreportageFestspiele für das Fernsehen08.06.2006

Festspiele für das Fernsehen

Bei der Fußball-WM schaut die ganze Welt auf Deutschland

Der Radiokommentar Herbert Zimmermanns beim WM-Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft 1954 ist legendär. Bei nur 26.000 Fernsehgeräten in Deutschland war das Radio damals das bestimmende Live-Medium bei Fußballspielen. 33 Milliarden Fernsehzuschauer, so die Schätzungen, werden in diesem Jahr die Übertragungen von der WM in Deutschland verfolgen. Die Rund-um-die-Uhr-Präsenz von Kamerateams hat auch Folgen für den Sport.

Von Manfred Christoph

Den Fernsehkameras entgeht nichts, vor allem kein Training des WM-Gastgebers Deutschland. (AP)
Den Fernsehkameras entgeht nichts, vor allem kein Training des WM-Gastgebers Deutschland. (AP)
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Die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 hat Heribert Fassbender als 13-jähriger Pennäler bei einem Bauern gesehen vor einem Schwarz-Weiß-Gerät mit 100 anderen, und damals steckte Fernsehen wirklich noch in den Kinderschuhen. Fassbender ist heute ARD-Teamchef der WM-Mannschaft und erinnert sich:

"Es gab 26.000 angemeldete Geräte in Deutschland. Das Endspiel wurde übertragen mit einer Führungskamera und zwei kleineren Kameras vor den Reporterkabinen.

Am Ende sollen beim Endspiel im Berner Wankdorfstadion eine Million Menschen vor den Geräten gesessen haben, auf Kinoleinwänden das verfolgt haben, in Kneipen und wo auch immer man das - und wohl gemerkt auf relativ schlechtem technischen Niveau - verfolgen konnte."

Eine Milliarde TV-Zuschauer erwartet man für das Endspiel der WM 2006 weltweit, mindestens 33 Milliarden - vorsichtig geschätzt - für das gesamte Turnier. Die Fernsehbilder der Übertragung des Endspiels von 1954 sind verloren gegangen. Es gab damals noch keine magnetische Aufzeichnungstechnik. Es war nicht möglich, dieses Spiel aufzuzeichnen. Die Bilder, die wir heute noch sehen, sind Filmaufnahmen, die mit dem Radiokommentar von Herbert Zimmermann unterlegt sind. Und beim Radio war Heribert Fassbender dann beim zweiten WM-Titel 20 Jahre später.

"1974 hatte ich das Vergnügen, das Endspiel auch mit dem Siegtor von Gerd Müller im Hörfunk zu kommentieren. Inzwischen hatte Fernsehen seinen Siegeszug angezogen. Während '54 Herbert Zimmerann der große Star als Radioreporter war, so hat spätestens mit der Weltmeisterschaft '66 in England das Fernsehzeitalter begonnen. 1970 in Mexiko wurde das Farbfernsehen eingeführt. Es wurden immerhin 1974 schon acht Kameras eingesetzt und zwei Zeitlupen."

Mit seiner Reportage zog Fassbender nicht nur Armin Lehmann in den Bann. Lehmann ist heute ebenfalls Radioreporter und gehört zu dem neunköpfigen Team, das für die Live-Berichterstattung im ARD-Radio zuständig ist.

"Ich habe mir nachher noch Wochen und Monate, und ich glaube sogar Jahre später auf einer Kassette immer wieder die Endspielreportage im Radio angehört. Und für mich als Reporter ist es beruflich sicherlich das absolute Highlight, jetzt mal im eigenen Land so eine WM übertragen zu können, und vielleicht klappt es sogar mit dem Titel."

Fassbender: "Als ich beispielsweise mit Borussia Dortmund 1966 unterwegs war zu deren ersten Europapokalsieg, Halbfinale in West Ham United gegen eine Mannschaft, die praktisch das Gerippe der englischen Weltmeistermannschaft wenige Monate später stellte, da hatte ich den Pressebus verpasst und selbstverständlich sagte dann Fischken Multhaupt, der Trainer: 'Heribert, fährste mit uns!' Ich saß also zwischen Siggi Held und Lothar Emmerich."

Der Fußball führte Benno Weber schon zu sechs WM-Turnieren. Der Leiter der Sportredaktion Nordrhein-Westfalen der "Bild"-Zeitung erinnert sich ähnlich wie Fassbender an einen unbeschwerten Umgang zwischen dem Nationalspieler und dem Journalisten. Alles sei heute sehr viel schneller, allerdings auch hysterischer geworden. Nachrichten haben, so Weber, heute eine ganz andere Bedeutung. Auf dem Weg zur WM 1970 in Mexiko kam es nach einem Qualifikationsspiel auf Zypern fast zu einem Eklat. Weber stand mit Kollegen vor der Kabine.

"Willi Schulz, der vorher schon im Spiel Abschied genommen hat, kam raus und erklärte uns, warum er an dem schlechten Spiel nicht Schuld war. Wolfgang Overath kam des Weges und hat das mitgekriegt und hat vor der gesammelten Reporterschar, die noch nicht allzu groß war, gepoltert: 'Schulz, halt deine Klappe, wenn du hier immer die Schuld auf andere abwälzen willst, dann haue ich dir was vors Maul!' Wenn ich mir vorstelle, das würde heute passieren bei der Nationalmannschaft, dann würden wir vorn 'Bild' - und nicht nur wir - wahrscheinlich sofort eine neue Serie schreiben. Und das symbolisiert in gewisser Weise schon, wie sich was verändert hat."

Verändert hat sich auch, dass ARD und ZDF nicht für die Erstellung des Bildmaterials zuständig sind. Wie schon bei der WM 2002 in Japan und Südkorea obliegt die Grundversorgung einer Schweizer Produktionsfirma, die im FIFA-Auftrag handelt. Der Weltfußballverband macht laut Fassbender mit dem Verkauf der TV-Rechte einen Riesenreibach. Allein in Deutschland zahlen ARD, ZDF und RTL die stolze Summe von 250 Millionen Euro. Dennoch müssen sich die Sender der FIFA unterordnen.

"Wir sind sozusagen produktionstechnisch Gast im eigenen Land. Wir werden bei jedem Spiel der Weltmeisterschaft 2006 25 Kameras haben, die alleine das internationale Signal produzieren pro Spiel, das heißt also die für die Spielbilder im weiteren Sinne verantwortlich sind. Hinzu kommen dann noch für so genannte unilaterale Produktionen, die einzelnen Länder mit ihren Kameras für den Moderator, meinetwegen auch für eine Spezialbeobachtung, ich sage mal von Klose bis Ballack."

Zu wünschen wäre Miroslav Klose oder Michael Ballack ein langes Verweilen im Turnier, denn der technische Aufwand ist gigantisch. Die Kameras sind auf höchstem technischen Stand. Inzwischen wird digital produziert, es entsteht hoch auflösendes Bildmaterial. Die Zukunft heißt digitales Fernsehen. Die Gegenwart im Radio umfasst ein 100-köpfiges ARD-Team bestehend aus Reportern, Redakteuren und Technikern.

Sie sorgen für 200 Stunden Radio-Programm und für die damit aufwändigste Hörfunk-Berichterstattung in der deutschen Radiogeschichte. Sabine Töpperwien, die Chefin des Hörfunk-WM-Teams, begann vor zwei Jahren mit der Planung des sportlichen Großereignisses.

"Es wird keinen so richtig in Ruhe lassen, das heißt, die Meisten werden in ihrem täglichen Ablauf die Information über die Fußball-Weltmeisterschaft eingespeist bekommen, und dafür gibt es kein idealeres Medium als das Radio."

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