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StartseiteKommentare und Themen der WocheEuropas Ermutigung im Schrecken16.04.2019

Feuer in Notre-DameEuropas Ermutigung im Schrecken

Mit Notre-Dame sei nicht nur eine Kirche, sondern ein europäischer Erinnerungsort in Flammen aufgegangen, kommentiert Ursula Welter. Und trotzdem biete der Schrecken über das Unglück auch die Gelegenheit, den Zusammenhalt in Europa zu stärken.

Von Ursula Welter

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Der Altar in der vom Feuer zerstörten Kathedrale Notre-Dame in Paris, Frankreich, 16.04.2019 (AFP / Ludovic Marin)
Das Feuer in Notre-Dame hat weit über Frankreich hinaus Entsetzen ausgelöst. Der drohende Verlust schärft den Blick für das, was wir besitzen, meint Ursula Welter (AFP / Ludovic Marin)
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Es war ein Moment der lähmenden Ohnmacht, als im Sonnenuntergang die verzweifelt kleinen Wasserstrahlen auf das mächtige Inferno gerichtet wurden. Jeder, der dem brutalen Ausbreiten der Flammen zusah und einen Bezug zu diesem Weltkulturerbe hat, und wer hat das nicht, rief sich in diesen Stunden den Klang der Glocken, die Resonanz der Chöre, die Trauer- und die Jubelfeiern, die großen Momente europäischer Geschichte, all die Erzählungen dieses Bauwerks in Erinnerung. Napoleons Kaiserkrönung 1804; de Gaulles Ehrerbietung 1944, als Paris von den Nazis befreit war und der Kugelhagel der Besatzungsjahre noch die Fassade prägte; Helmut Kohls Tränen 1996, als der konservative Kanzler der Bundesrepublik seinen sozialistischen Freund, Frankreichs Staatspräsidenten Francois Mitterrand, in der Kirchenbank betrauerte. Momente europäischer Geschichte, um nur drei zu nennen.

Gebrannt hat ein europäischer Erinnerungsort

Auf der Ile de la Cité in Paris liegt der Nullpunkt des Landes, vor den Toren Notre-Dames, ist Anfang und Ende für die Straßen Frankreichs. Hier befindet sich der Verbindungspunkt der Hauptstadt zur Provinz. Frankreich und seine Geschichte von christlicher Prägung und Laizität drehen sich um diesen Ort. Deshalb die Tränen, deshalb die Trauer und deshalb der Aufbauwille. Hier brannte nicht einfach eine Kirche. Eine Kirche, die - auch das gehört zur Geschichte - in den vergangenen Jahren unter der Last des Massentourismus ächzte, die in den Schlagzeilen häufiger mit Taschendieben in Verbindung gebracht wurde, als mit Welthistorie. Es brannte ein europäischer Erinnerungsort.

Die quälenden Stunden der Ungewissheit, ob auch die symbolträchtigen Türme mitgerissen würden, werden noch lange nachwirken. Den Mut der Feuerwehrmänner von Paris, die die Schätze aus den Flammen gerettet haben, wird man erst nach und nach bemessen können. Nur vor einem Verlust konnten die Pompiers de Paris Notre-Dame nicht bewahren: Der Verlust der Originalität ist ewig.

Notre-Dame ist Europa und Europa ist Notre-Dame

Und doch lässt sich schon jetzt sagen, dass all das auch sein Gutes hat. Der drohende Verlust schärft den Blick für das, was wir besitzen. Mit Notre-Dame traf es ein Symbol des Abendlandes, einen Leuchtturm unseres so oft geschmähten und doch wunderbaren Europas. Das erklärt den Schrecken, der in dieser Nacht steckte, und der länderübergreifend auch noch zu spüren war, als Entwarnung gegeben und gemeldet wurde, "das Feuer ist unter Kontrolle".

Im Schrecken aber steckt die Ermutigung. Die Frage, ob der Wiederaufbau der Kirche allein Sache Frankreichs sein sollte, stellt sich nicht. Wer die Frage dennoch formuliert, hat die Tragweite des Unglücks nicht erfasst und den Ort, um den es geht, nicht vermessen. Notre-Dame ist Europa und Europa ist Notre-Dame. Aus Trümmern, das wissen wir, lässt sich etwas machen, vor allem, wenn man zusammenhält.

Ursula Welter (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Ursula Welter (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Ursula Welter, Jahrgang 1962, geboren in Kierspe, westliches Sauerland. Diplom-Studium für Volkswirtschaft und Politikwissenschaften an der Albertus-Magnus-Universität Köln, berufsbegleitendes Studium der Wirtschaftsethik an der Fernuniversität Hagen. Volontariat beim Deutschlandfunk, dort Redakteurin seit 1988. In den frühen neunziger Jahren DLF-Korrespondentin in Bonn, 2007-2011 Redaktionsleiterin Europa- und Außenpolitik DLF, 2011-2016 Frankreich-Korrespondentin für Deutschlandradio in Paris. Seither Abteilungsleiterin Hintergrund im Deutschlandfunk.

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