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StartseiteCorso"Ficken ist Frieden"13.01.2012

"Ficken ist Frieden"

Ausstellung über die Art Brut Künstlerin Helga Goetze in Berlin

Sie war siebenfache Mutter und Hausfrau und kehrte 1968 diesem Leben den Rücken zu. Ab da lebte sie das Leben der freien Liebe. "Ficken ist Frieden" ist einer der bekanntesten Aussprüche von Helga Goetze. Nun widmet ihr die Berliner Galerie Wonderloch eine Ausstellung.

Von Christoph Richter

Helga Sophia Goetze bei einer ihrer Mahnwachen vor der Berliner  Gedächtniskirche. (picture alliance / dpa/Arno Burgi)
Helga Sophia Goetze bei einer ihrer Mahnwachen vor der Berliner Gedächtniskirche. (picture alliance / dpa/Arno Burgi)
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Webseite der Gallerie Wonderloch Berlin

Bekleidet mit einem bestickten Käppi und Umhang provoziert Helga Goetze, eine ältere Dame im Pensionsalter. Die Menschen am Berliner Tauentzien schauen ungläubig, einige lachen, andere wenden sich ab. Deutschlands Supersau oder Sex Oma, so lauten Mitte der 80er Jahre die Schlagzeilen der Boulevardpresse.

"Natürlich war diese Sexualität, und das Thema Ficken ist Frieden bei ihr immer das hauptsächliche Thema. Aber Helga darauf zu reduzieren, würde ihr nicht gerecht werden."

So der Fotograf Stefan Maria Rother. Er hat Helga Goetze – in seinen Augen eine der ungewöhnlichsten und provokantesten Kämpferinnen für die sexuelle Befreiung - mehrere Jahre mit der Kamera begleitet.

"Helga ist keine Nymphomanin gewesen, wo jetzt die Matratze nicht mehr kalt geworden ist. Absolut nicht. Sie hat sich Gedanken gemacht, wie man andere Lebensformen wahrnehmen kann. Manchmal sehr abstrus, aber sie war immer sehr offen für Gespräche. Und das ist das Gute."

1922 in Magdeburg geboren, ist Helga Goetze die Tochter eines Marineoffiziers. Der Krieg verschlägt sie nach Hamburg. 1942 heiratet sie einen Mann, bekommt sieben Kinder, lebt ein Hausfrauen-Dasein. Das soll sich mit einem Sizilien-Urlaub 1968 schlagartig ändern, als sie Giovanni kennen lernt, und das erste Mal – wie sie sagt – einen Orgasmus erlebt. Kurz darauf bricht aus dem ehelichen Gefühls-Gefängnis aus. Verlässt die Familie, zieht in eine WG in der das 68er-Gefühl der freien Liebe gelebt wird. Seitdem beherrscht sie ein Wort: Ficken. Das sie nun in jeden Satz einbaut, mit dem sie jeden traktiert, so die Heidelbergerin Antonia Hillebrand. Enkelin der 2009 verstorbenen Helga Goetze. Aber:

"War eine aufregende Frau, die in der Großstadt gelebt hat…"

…bis heute allerdings hat Antonia Hillebrand den brüchigen Lebensweg ihrer Großmutter nicht ganz verstanden. Kann sich aber noch gut an die Wohnung erinnern…

"...die voll war mit Stickereien. Und dass sie jedes Mal Gedichte vorgelesen hat."

Über 3000 Gedichte hat Helga Goetze geschrieben. Und in einer unglaublichen Fleißarbeit Hunderte von Leinwänden penibel bestickt. Eine kleine Auswahl wird jetzt von René Luckhardt in dessen intimen Kunstsalon Wonderloch Kellerland im Berliner Wedding gezeigt.

"Sind sehr farbenfrohe Stickereien, die auf Zeichnungen basieren, die wichtige Themenkreise darstellen. Ist etwas, was die Leute zunächst auch inhaltlich sehr fordert…"

Man sieht Geschlechtsorgane in allen Ausprägungen, laszive Frauenakte in Paradieslandschaften, provozierende Posen: Eine verstörende Mischung aus naiver Kunst, Dada und evangelischer Gemeindehausästhetik.

Rosa von Praunheim widmete Helga Goetze einen Film, bei Christoph Schlingensief tauchte sie in einer seiner Trashtalkshows auf.

Letztlich sind Helga Goetzes Provokationen ein Appell: Dass man den Ausbruch aus dem Häkeldeckchen-Idyll, den sexuellen Verklemmtheiten immer wagen kann, egal wie alt man ist. Und verspricht erotische und geistige Vergnügen, die nicht zu unterschätzen seien, so Wegbegleiter Stefan Maria Rother. Und beschreibt Helga Goetze nicht nur als eine Künstlerin, sondern auch als:

" ''Freigeist""


"Du bist die primäre Tabubrecherin!" - Werke und Leben von Helga Goetze, zu sehen vom 15. - 26. Januar 2012 in der Galerie Wonderloch Kellerland Berlin.

Eröffnung 14. Januar, 18 - 21.00

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