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StartseiteSport am WochenendeDas Ende von Brasiliens listigem Fußball-Imperator?29.04.2018

FIFA-Ethikkommission sperrt Del NeroDas Ende von Brasiliens listigem Fußball-Imperator?

Die FIFA hat Brasiliens Verbandspräsidenten Marco Polo Del Nero lebenslang wegen Korruption gesperrt. Basis dafür ist eine Anklage der US-Justiz, die im FIFA-Korruptionsskandal gegen ein mafiöses System vorgeht. Vor Gericht stand Del Nero jedoch nie. Und auch jetzt hat der brasilianische Spitzenfunktionär vorgesorgt.

Von Carsten Upadek

Brasiliens Verbandspräsident Del Nero überrascht FIFA-Präsidenten Infantino mit einem brasilianischen Trikot (Kin Saito/CBF)
Ein politischer Hinterhalt? Del Nero überrascht 2016 FIFA-Präsidenten Infantino mit einem Brasilien-Trikot. (Kin Saito/CBF)
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Die Liste der Gegner von Brasiliens Fußball-Imperator Marco Polo Del Nero ist lang. Bisher war er ihnen immer einen Schritt voraus. Doch nun hat ihn die FIFA lebenslang gesperrt. Am Freitag erklärte der Fußball-Weltverband schriftlich:

"Das Verfahren gegen Marco Polo Del Nero wurde am 23. November 2015 eingeleitet und betraf u. a. Systeme zur Annahme von Bestechungsgeldern für den Abschluss von Verträgen mit Unternehmen für die Medien- und Marketingrechte verschiedener Fußballturniere."

Das Urteil basiert auf Beweisen des FIFA-Korruptions-Verfahrens in New York gegen 40 hochrangige Fußball- und Marketing-Offizielle. Die US-Justizbehörde beschuldigt Marco Polo Del Nero Teil dieses mafiösen Systems gewesen zu sein und dafür Millionen kassiert zu haben. Doch vor Gericht stand Del Nero nie – anders als sein Vorgänger José Maria Marin, der im Dezember 2017 in New York schuldiggesprochen wurde und nun dort auf sein Strafmaß wartet.

Die Ex-Präsidenten der CBF: Teixeira, Marin, Del Nero. Alle der Korruption angeklagt.

Brasilien liefert Staatsbürger nicht aus

"Marco Polo [Del Nero] ist nur nicht in Haft in den USA, weil er nicht verreist, weil er Brasilien nicht verlässt", sagt Juca Kfouri, Brasiliens bekanntester Sportkolumnist. "Würde er eine brasilianische Grenze überschreiten, würde Interpol zugreifen. Aber Brasilien liefert niemanden aus, der hier geboren wurde."

Del Nero hat Brasilien seit Mai 2015 nicht mehr verlassen. Damals kehrte er hastig aus der Schweiz zurück. In einem Luxushotel in Zürich hatte das FBI vor einem FIFA-Kongress die ersten sieben Spitzenfunktionäre festnehmen lassen. Damit begann der FIFA-Skandal, der schließlich auch zum Sturz von Sepp Blatter und zur Wahl von Gianni Infantino zum neuen FIFA-Präsidenten führte. Unbeeindruckt davon thronte Del Nero weiter als Chef von Brasiliens größtem Sportverband. Und wer fragte, den ließ er wissen:

"Ich trete nicht zurück. Zurück tritt, wer etwas Falsches gemacht hat. Ich bleibe bis zum Ende meines Mandates, werde meine Pflicht erfüllen!"

Romário: "Ein wahres Krebsgeschwür!"

Die US-Justiz bat die brasilianische Polizei um Hilfe. Deren Ermittlungen wurden aber schnell von brasilianischen Richtern abgewürgt. Begründung: vor der Zusammenarbeit mit den USA hätte es vom obersten brasilianischen Gericht eine Autorisierung der bilateralen Kooperation geben müssen.

Im brasilianischen Kongress gelang es dem ehemaligen Weltfußballer und heutigem Senator Romário – Erzfeind von Del Nero – einen Untersuchungsausschuss gegen den brasilianischen Verband zu installieren. In einer Anhörung trafen sich die Gegner ein einziges Mal persönlich.

Romário (hinten) ließ Del Nero 2015 im Untersuchungsausschuss aussagen. Die Schlacht verlor der Ex-Weltfußballer. Nun freut er sich über die Sperre.  

Del Nero beteuerte: "Es gibt keinen Grund, warum ich in Haft sein sollte. Das werde ich beweisen." Romário antortete: "Wie das? Die Beweise des FBI sind klar." Marco Polo: "Das sind nur Anschuldigungen. Das stimmt nicht."

Dann brach es aus Romário heraus: "Sie sind nicht nur korrupt, ein Dieb, sondern auch ein Lügner! Für mich sind Sie schlecht für den Fußball Brasiliens und der Welt! Diese Fälle von Korruption von Ihnen, Herrn Ricardo Teixeira, José Maria Marin und anderen Verbündeten sind ein wahres Krebsgeschwür für unseren Fußball!"

Politik schützt den Verband

Der Untersuchungsausschuss zum brasilianischen Fußballverband endete im Dezember 2016. Der offizielle Bericht sah kein Fehlverhalten bei der CBF-Spitze. Romário war geschlagen.

Kolumnist Juca Kfouri sagt, zu stark sei die Verquickung der CBF mit der brasilianischen Politik: "Die CBF hat eine Allianz von Abgeordneten im Nationalkongress, die so genannte Ball-Fraktion, ‚Bancada da Bola‘. Der Fußballverband hilft ihr bei Wahlen, gibt Geld. Deshalb ist die CBF abgeschirmt im Kongress."

Blieb die FIFA. 2016 trat ihr damals neuer Präsident Gianni Infantino mit dem Versprechen an, den durch Korruptionsskandale in Verruf geratenen Weltverband zu reformieren. Schon seit November 2015 ermittelte seine Ethikkommission gegen Del Nero. Deshalb passte Infantino ein gemeinsames Foto mit dem Brasilianer in Rio de Janeiro gar nicht. Darauf wird ihm von Del Nero ein Trikot mit der Aufschrift "Gianni" überreicht.

In der FIFA soll die ungeplante Übergabe mit Foto als Hinterhalt betrachtet worden sein. Als wollte Del Nero klarmachen: Der FIFA-Präsident unterstützt mich, egal ob die Ethikkommission gegen mich ermittelt.

Juca Kfouri: "Die Brasilianer sind diese Art Heuchelei gewohnt. Aber Infantino hat nicht aufgepasst, obwohl es ihm peinlich war. Aber ich bin sowieso davon überzeugt, dass er die FIFA nur scheinbar reformiert – eine alte Generation von Korrupten entfernt und eine neue einziehen lässt."

Del Nero macht Vertrauten zu Nachfolger

Del Nero ist der letzte dieser Generation und seit Freitag lebenslang gesperrt. Seine Anwälte teilten schriftlich mit, die FIFA-Ethikkommission habe keinerlei Beweise vorgelegt. Deshalb werde man vor den internationalen Sportgerichtshof ziehen. Die Aussichten dort gelten aber als gering. Ist also das letzte Kapitel von Brasiliens Fußball-Imperator geschrieben?

"An Präsidenten Marco Polo Del Nero abwesend im Wahlprozess wünsche ich größtmöglichen Erfolg bei den Herausforderungen, die auf ihn zukommen", bedankte sich Rogério Caboclo, bisher Exekutivdirektor der CBF und Del Neros rechte Hand. Der alte Patriarch ließ Caboclo Mitte April 2018, zehn Tage vor seinem FIFA-Ausschluss, zum neuen Verbandspräsidenten wählen – mit 135 von 142 möglichen Stimmen.

Romário schimpfte bei Twitter: "Del Nero bleibt Zuhause, aber von dort kommandiert er weiter das organisierte Verbrechen im Fußball."

Auch Juca Kfouri glaubt: "Ich habe keinen Zweifel, dass Marco Polo [Del Nero] zumindest in nächster Zeit weiter Einfluss haben wird. Nur nach und nach wird der verblassen."

Eine Aufarbeitung der schmutzigen Geschäfte von Marco Polo Del Nero und seinen Vorgängern werde es unter dem neuen Präsidenten nicht geben. Im brasilianischen Fußballverband bleibt alles, wie es ist. Der listige Ex-Imperator Del Nero mag lebenslang im Fußball gesperrt sein, aber solange er Brasilien nicht verlässt behält er seinen Einfluss, seine Millionen und seine Freiheit.

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