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StartseiteInterview"Die UEFA muss Führungsstärke beweisen"28.05.2015

FIFA-Skandal"Die UEFA muss Führungsstärke beweisen"

Der ehemalige Mediendirektor des Weltfußballverbandes, Guido Tognoni, fordert vom europäischen Fußballverband UEFA einen Boykott des heute beginnenden FIFA-Kongresses. Dies wäre der Anfang vom Ende der FIFA-Präsidentschaft von Sepp Blatter, sagte Tognoni im DLF. Er rechnet jedoch trotzdem mit einer erneuten Wahl Blatters.

Guido Tognoni im Gespräch mit Jasper Barenberg

Der frühere Mediendirektor der FIFA, Guido Tognoni (imago Sportfoto)
Der frühere Mediendirektor der FIFA, Guido Tognoni (imago Sportfoto)
Weiterführende Information

Ermittlungen gegen Fußball-Weltverband - FIFA drängt in die Opferrolle
(Deutschlandfunk, Aktuell, 27.05.2015)

Fußball-Weltverband - Erste Geständnisse verhafteter FIFA-Funktionäre
(Deutschlandfunk, Informationen am Abend, 27.05.2015)

Vor dem FIFA-Kongress - Die Empörten können ein Zeichen setzen
(Deutschlandfunk, Kommentar, 27.05.2015)

FIFA-Präsident - "Eine schwierige Zeit für den Fußball"
(Deutschlandfunk, Aktuell, 27.05.2015)

Sollte der europäische Verband jedoch "endlich einmal Leadership beweisen", dürfte die Schar der Unterstützer Blatters schnell schwinden, erwartet Tognoni. Hier sei auch immer Opportunismus im Spiel. Vermutlich werde Blatter trotzdem gewählt, doch werde er nur durch ein Rumpfparlament legitimiert

Gleichwohl rechnet Tognoni mit einer erneuten Wahl Blatters an die Spitze des Weltfußballverbandes. Einem Rücktritt Blatters stünde unter anderem dessen "Altersstarrsinn" im Wege. 

Denkbar sei als möglicher Nachfolger auch ein Seiteneinsteiger, etwa aus der Industrie.

"Bewunderung" bekundete Tognoni für das Vorgehen den US-Justiz gegen die FIFA. Das Timing sei gut. Angesichts des großen medialen Interesses werden es sich die Strafverfolger kaum leisten können, nur Banalitäten als Ermittlungsergebnisse zu präsentieren.


 Das Interview in voller Länge:

Jasper Barenberg: Rücktritt? Davon will Joseph Blatter nichts wissen! Zwei Vizepräsidenten des Weltfußballverbandes FIFA verhaftet, Ermittlungen gegen ein Dutzend weiterer Funktionäre und dann noch die Schweizer Staatsanwaltschaft in den heiligen Hallen, in der Zentrale in Zürich, um Unterlagen zu beschlagnahmen über die dubiose Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland 2018 und an Katar 2022. So jedenfalls der Verdacht. Und doch soll der FIFA-Kongress wie geplant stattfinden, will sich Sepp Blatter zum fünften Mal an die Spitze der FIFA wählen lassen.

Und am Telefon ist Guido Tognoni, er hat 14 Jahre lang als Presse- und Marketingchef für die FIFA gearbeitet. Schönen guten Morgen!

Guido Tognoni: Guten Morgen!

Barenberg: Sie haben lange für Sepp Blatter gearbeitet, inzwischen gelten Sie als einer der wenigen kritischen Köpfe aus dem FIFA-Kosmos. Was hat Sie zum Kritiker gemacht?

Tognoni: Ich bin einer der wenigen Leute, die das Maul aufmachen und etwas sagen. Es gibt natürlich sehr viele Kritiker auch innerhalb der Fußballgemeinde. Und das, was mich zum Kritiker gemacht hat, die Entwicklung, das Verhalten des FIFA-Präsidenten und natürlich auch das große Interesse der Öffentlichkeit an den Vorgängen in der FIFA.

Barenberg: Bisher hat Sepp Blatter ja noch jeden Skandal überstanden oder abgewettert. Ist das dieses Mal anders aus Ihrer Sicht?

Tognoni: Es ist ein bisschen anders. Es kommt jetzt drauf an, was passiert heute und morgen. Wenn die unausgesprochene Drohung der UEFA wahrgemacht wird, dass die UEFA den Kongress boykottiert, dann wird das für Sepp Blatter eine schwierige Sache. Weil, er wird dann sicher zum FIFA-Präsidenten gewählt, was mit oder ohne UEFA gemacht wird, aber ein FIFA-Präsident, der von einem Rufparlament gewählt wird und ausgerechnet in Europa, der sieht schwierigen Zeiten entgegen.

"Abstieg von Blatter könnte eingeleitet werden"

FIFA-Präsident Sepp Blatter (imago Sportfoto)FIFA-Präsident Sepp Blatter (imago Sportfoto)

Barenberg: Ist das sozusagen die größte Gefahr, die im Moment besteht für die Wiederwahl von Sepp Blatter, für seine Legitimität, dass die UEFA wirklich ernst macht?

Tognoni: Ich glaube, ja! Ich glaube, sonst sehe ich keine Gefahr, weil, die anderen wird er wieder einmal um sich scharen können. Es gibt sicher einzelne Gegenstimmen für ihn, aber er wird sicher eine komfortable Mehrheit erhalten, wenn nicht selber die UEFA abseits steht und wirklich in Passivität erstarrt bei diesen Wahlen und dann natürlich auch passiven Widerstand leistet. Im Übrigen, was denn alles kommt, bei dem, was alles kommt, dann ist der Abstieg von Sepp Blatter wahrscheinlich eingeleitet.

Barenberg: Wie groß stehen die Chancen dafür, dass die UEFA diese Schritte unternehmen wird?

Tognoni: Es ist schwierig zu sagen, weil die UEFA selber ja auch nie als eine Einheit auftreten kann. Es gibt auch dort immer wieder verschiedene Blöcke. Wenn nun aber die UEFA beschließt, physisch nicht hinzugehen – und das hat nichts mit der Wahl als solche zu tun, sondern physisch nicht hinzugehen –, dann wird das für einzelne Blatter-Anhänger oder auch für mehrere Blatter-Anhänger natürlich schwierig, diesen Streik zu brechen und sich als Blatter-Zöglinge zu öffnen und der UEFA in den Rücken zu fallen.

"Das ist fast wie bei einem modernen Krieg"

Barenberg: Herr Tognoni, wenn Staatsanwälte in den USA und Staatsanwälte in der Schweiz so viele ranghohe Funktionäre aus der FIFA-Spitze mit Geldwäsche, mit Bestechung, mit Korruption in Verbindung bringen, ist es dann plausibel, dass der Mann an der Spitze, Sepp Blatter, wie er selbst behauptet, von all dem nichts gewusst hat?

Tognoni: Dass das passiert, also dass die Polizei einschreitet, das wusste Blatter nicht. Das hat alle getroffen, das hat wirklich niemand gewusst, das war eine gute Generalstabsarbeit, eine geheime Arbeit. Die Amerikaner haben einzig ein paar Journalisten eingeweiht, wie man weiß, die sind dann gekommen, durften fotografieren, durften mitmachen. Das ist fast wie bei einem modernen Krieg. Aber die FIFA wurde wirklich auf dem linken Bein erwischt, das hat niemand erwartet. Und das ist natürlich in diesem Ausmaß und mit den Drohungen, die die Amerikaner aussprechen, dass sie alles ausmisten wollen, also, dass sie plötzlich eben die Liebe zum Fußball entdeckt haben, das ist natürlich ein starkes Stück.

Barenberg: Ich höre ein bisschen auch durch, dass Sie auch die Ermittlungen in den USA doch mit einiger Skepsis betrachten. Wenn Sie davon sprechen, dass sie plötzlich ihre Liebe zum Fußball entdeckt haben?

Tognoni: Nein, nicht Skepsis, sondern irgendwie eher mit Bewunderung. Weil, es lag schon lange etwas in der Luft. Also, ein paar Insider wussten, dass die FBI arbeitet an diesem Fall, ich habe immer gesagt, bei der FBI kommt es nicht darauf an, ob vor oder nach der Wahl, die hat Geduld genug. Jetzt plötzlich hat die FBI das exakt gute Timing gefunden für dieses Sache und die FBI wird es sich nicht leisten, beim Sport Nummer eins und bei diesem großen Interesse, das sie jetzt geweckt hat in diesem Fall, dass sie sich dann einen Flopp leistet und irgendetwas Falsches produziert oder irgendetwas Lächerliches produziert am Schluss. Also, die Stricke, die da ausgelegt wurden, die sind von guter Qualität.

Barenberg: Es hat ja innerhalb der FIFA einige Reformbemühungen gegeben, das Bemühen um mehr Transparenz. Die Ethikkommission hat Untersuchungen angestellt. Muss man trotzdem sagen, würden Sie trotzdem sagen, dass die Härte des Gesetzes und ein Durchgreifen von staatlichen Ermittlungsbehörden im Grunde der einzig wirkungsvolle Weg sind, um flächendeckender Korruption in der FIFA einen Riegel vorzuschieben?

Tognoni: Eindeutig. Und wir haben ja in unserer Gesellschaft eine parallele Entwicklung. Wie wir alle wissen, gab es bei den Banken etwas Ähnliches wie bei der FIFA, die konnte sich ethisch Weinerei leisten, während Jahren, während fast Jahrzehnten. Plötzlich hat die Polizei, hat die Justiz gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann, die Sensibilitäten wurden größer. Wie bei den Banken greift nun wirklich die Justiz durch und schiebt den üblen Geschehnissen einen Riegel vor.

"Blatter repräsentiert den moralischen Niedergang der FIFA"

Barenberg: Sie haben gemeint, dass es möglicherweise darauf hinauslaufen könnte, dass Sepp Blatter die fünfte Amtszeit als Präsident auf Abruf wird beginnen müssen. Was wäre denn gewonnen, wenn das der Fall wäre, oder wenn Sepp Blatter nicht mehr an der Spitze stünde? Was wäre damit überhaupt gewonnen?

Tognoni: Wenn er nicht mehr an der Spitze stünde, dann wäre wenigstens einmal das Gesicht, welches die Korruptionen, der Nepotismus, welches den moralischen Niedergang der FIFA repräsentiert, dieses Gesicht wäre nicht mehr da. Wir müssen jetzt nicht darüber reden, wie viel Schuld Sepp Blatter daran trägt, aber Tatsache ist, er war jetzt 40 Jahre lang dabei, er wurde nie strafrechtlich irgendwie schuldig gesprochen, aber dass er sich aus der Verantwortung stielt, das kann man einfach ihm nicht zubilligen. Was wäre gewonnen: Es wäre ein Neuanfang fällig. Man weiß dann natürlich nicht, wer kommt. Da ist überhaupt niemand drauf vorbereitet. Aber ich bin der Auffassung, dass unter acht Milliarden Menschen nicht nur einer da ist, der die FIFA leiten kann.

Barenberg: Viele sehen ja das Problem darin, dass weder die FIFA einen anderen glaubwürdigen Kandidaten, eine andere glaubwürdige Persönlichkeit zu bieten hat, noch dass sie eine andere Persönlichkeit möchte, weil eben sehr viel weiterhin auch von der FIFA profitieren.

Tognoni: Das ist richtig, aber jeder neue Präsident wird mindestens die gleichen finanziellen Leistungen oder noch etwas mehr bieten können, das ist überhaupt keine Frage. Die Struktur der FIFA ist da, die FIFA muss man nicht neu erfinden, sie funktioniert. Und man wird dann sehen, wenn es Blatter schlechter geht, dann wird die bisher große Schar seiner Jünger dann ziemlich schnell kleiner. Da ist natürlich auch ein großer Opportunismus dabei bei diesen politischen Einstellungen der vielen Verbände. Wenn die UEFA nun endlich einmal Leadership beweist – und sie ist jetzt kurz davor, das zu tun, wir werden sehen, ob es sich wirklich als realistisch erweist, was in der Luft liegt –, dann wird es sich schnell ergeben, dass ein neuer Mann da ist. Es kann ja auch jemand aus dem Clubwesen sein, es kann sogar im Extremfall jemand aus der Industrie sein. Man muss nicht 40 Jahre FIFA in den Adern haben, um so einen Verein zu führen.

"Glaubwürdige Erneuerung der FIFA notwendig"

Fifa-Zentrale in Zürich (dpa/picture-alliance/Steffen Schmidt)Fifa-Zentrale in Zürich (dpa/picture-alliance/Steffen Schmidt)

Barenberg: Es sind jetzt viele Forderungen nach einem Neuanfang unterwegs, nach einer umfassenden Erneuerung. Sie haben selber einmal von der Politik der kleinen Schritte gesprochen, die notwendig wäre. Wie könnten die ersten Schritte aussehen?

Tognoni: Die ersten Schritte wären jetzt einfach mal, wie ich es gesagt habe, ein neues Gesicht. Das Zweite wäre eine glaubwürdige Erneuerung der FIFA, nicht immer erst unter dem Druck der Öffentlichkeit, nicht immer erst, wenn es nicht mehr anders geht, nicht immer erst, wenn auch Sepp Blatter endlich davon überzeugt ist, dass er mit dem Rücken zur Wand steht, sondern eine wirklich … eine FIFA, in der Transparenz nicht nur verkündet wird, sondern auch gelebt wird und bei der man nicht nur von Ethik redet, sondern wo man auch ein Vorbild hat, das diesen Ansprüchen gerecht wird.

Barenberg: Zum Schluss, Herr Tognoni, "Hau ab!", titelt heute die "Bild"-Zeitung. Gibt es irgendeine Chance, dass Sepp Blatter zurücktreten wird? Oder wird er morgen gewählt werden?

Tognoni: So wie ich ihn kenne, wird er nicht zurücktreten. Da ist auch ein gewisser Altersstarrsinn vorhanden. Er fühlt sich immer noch legitimiert, er hat auch Angst vor dem großen Loch, das ist ganz offensichtlich, wenn er nicht mehr an der Spitze eines Riesenverbandes steht. Die Einsicht wird nicht kommen, er wird sicher nochmals gewählt werden, er wird den Kongress durchstieren, wie wir in der Schweiz sagen. Aber nachher werden sehr, sehr schwierige Zeiten auf ihn zukommen. Der einzige Trost, der aus meiner Betrachtung spricht, ist, dass es wirklich die allerallerletzte Wahl sein wird von Sepp Blatter, ob ihm das nun passt oder nicht.

Barenberg: Guido Tognoni, 14 Jahre lang Presse- und Marketingchef der FIFA, heute Morgen hier live im Deutschlandfunk. Danke für das Gespräch, Herr Tognoni!

Tognoni: Gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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