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StartseiteSportgespräch"Stimmt das alles, dann ist es schlimmer als unter Blatter" 18.11.2018

FIFA"Stimmt das alles, dann ist es schlimmer als unter Blatter"

FIFA-Präsident Gianni Infantino sorgt mit seinen Planspielen über den Verkauf aller Rechte des Weltfußballverbandes für Aufruhr. Alexandra Wrage wundert das nicht, die Strukturen in der FIFA würden solcherlei Fehlverhalten begünstigen, sagte die Anti-Korruptionsexpertin im Dlf-Sportgespräch. In ihrer jetzigen Form seien die Probleme der FIFA nicht zu lösen.

Alexandra Wrage im Gespräch mit Matthias Friebe

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Zu sehen ist der neue FIFA-Präsident Gianni Infantino. (imago / Action Pictures)
FIFA-Präsident Gianni Infantino steht nach geheimen Vertragsdeals unter Druck (imago / Action Pictures)
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Matthias Friebe: Wie überrascht waren Sie, als Sie von den neuen Enthüllungen gehört haben?

Alexandra Wrage: Ich bin nie wirklich richtig überrascht, was bei der FIFA passiert. Es gibt da so viele strukturelle Probleme, da gibt es gar keine Möglichkeit, ein  Fehlverhalten auszuschließen. Wir wissen jetzt ja noch nicht einmal, wie groß die Art der Amtsverfehlung war. Wenn sie eine Organisation haben, die auch nach Jahren voller Probleme noch immer geheimnistuerisch und widersprüchlich ist, dann passieren solche Sachen natürlich.

Friebe: Sie haben selbst für die FIFA gearbeitet in der Governance Komission. Da konnte sie doch eigentlich nichts mehr schocken oder?

Wrage: Ja, das ist wohl richtig. Ich habe auf freiwilliger Basis und unentgeltlich für die unabhängige Governance Kommission gearbeitet, das war noch unter Sepp Blatter. Es gab seitdem schon ein paar Reformen, aber sie gingen nicht weit genug und waren ziemlich unzureichend. Und so haben wir diese merkwürdige Situation, wo wir eine persönlichkeitszentrierte Organisation haben, wo viel zu viel Macht bei einer Person liegt und wo die Reputation der ganzen Organisation mit dem Verhalten dieser einen Person steht und fällt. Ich wünschte, ich wäre optimistischer für eine bessere, angesehenere und seriösere FIFA, aber ich bin es noch nicht.


Wrage: So genau natürlich nicht, aber es gab ganz schön viel Beifall, als Sepp Blatter die FIFA verlassen hat – ob das jetzt damals passend war oder nicht -  aber mit den noch immer vorhandenen strukturellen Problemen, kann man nicht ausschließen, dass es wieder passieren wird. Es gab keinen wirklichen Grund zu glauben, dass der neue Präsident, um Längen besser als der alte werden wird.

"So wie die FIFA jetzt strukturiert ist, wird sie keinerlei öffentliches Vertrauen zurück gewinnen können"

Friebe: Das ist eine beliebte Frage. Was heißt das für die FIFA? Ist der Weltverband eigentlich noch zu retten?

Wrage: So wie die FIFA jetzt strukturiert ist, wird die FIFA keinerlei öffentliches Vertrauen zurück gewinnen können. Es gab ein paar Verbesserungen, aber die Reformen von 2016 waren nicht genug, sie waren nicht ausreichend und so halten die Probleme an. Und wir haben damals gesagt, Du musst umfassende Antworten auf die Probleme haben, um das öffentliche Vertrauen zurück zu gewinnen. Du musst der Öffentlichkeit zeigen, dass Du ein neues und zuverlässiges Programm, mit installierten Kontrollmöglichkeiten hast, um diese Sachen zu verhindern. Wir haben das noch nicht gemacht! Es geht immer weiter. Wir haben darüber vor zehn Jahren gesprochen, wir haben vor 20 Jahren darüber gesprochen. Es geht immer weiter.

Friebe: Es hat sich aber nichts verändert. Lassen Sie uns einen Moment bei den Reformen von 2016 bleiben. Was vermissen sie da?

Wrage: Es gab Veränderungen an den Rändern. Ich nenne mal ein kleines Beispiel: die Zuverlässigkeitsüberprüfungen. Es gibt einen Weg, um sie richtig zu machen und es gibt einen Weg, so dass sie nur Bilanzkosmetik sind. Und wir haben uns für die Augenwischerei entschieden. Man kann kleine kosmetische Veränderungen machen und sie als riesige Fortschritte feiern, auch wenn siees gar nicht sind. Aber die Struktur dieser Organisation bedeutet, dass es letzten Endes keine Verantwortlichkeit gibt. Wo wir hinkommen müssen ist, dass die FIFA jemand anderem rechenschaftspflichtig ist, als der FIFA. Und der Präsident muss jemand anderem verantwortlich sein, als den Wählern, denen er große Summen zustecken kann.

Alexandra Wrage, Präsidentin der Transparenz-Organisation TRACE, und der Antikorruptionsexperte Mark Pieth. (Imago / Fotoarena)Alexandra Wrage (li.), Präsidentin der Transparenz-Organisation TRACE, und der Antikorruptionsexperte Mark Pieth bei einem FIFA-Kongress in Budapest 2012. (Imago / Fotoarena)
Friebe: Aber ist das nicht etwas, dass Gianni Infantino gerade genau tut? Die FIFA-Rechte an eine neue Firma bringen?

Wrage: Entschuldigung, aber meinen sie das wäre eine Form der Rechenschaftspflicht? Eine kommerzielle Vereinbarung? Ich meine zu einer höher ansässigen Organisation, nicht einer kommerziellen Organisation. Nicht indem man einige der Rechte verkauft. Wenn wir die FIFA bei den Fans, den Vereinen und der Öffentlichkeit halten wollen, dann sollte der Aufsichtsrat keine kommerzielle Firma sein. Nach meiner Meinung sollte das  eine sportübergreifende Agentur sein, die keinerlei kommerzielle Interessen am Ergebnis hat.

Friebe: Vielleicht sprechen wir über Gianni Infantino. Er wurde Präsident nachdem Sie die FIFA verlassen hatten. Man hat immer gedacht, schlimmer als unter Sepp Blatter kann es nicht werden. Sieht das jetzt anders aus?

Wrage: Ich bin mir nicht sicher, ob es schlimmer geworden ist. Es gab eine Handvoll kleinerer Reformen. Wenn die Vorwürfe, die jetzt ans Licht gekommen sind, mit dem geplanten Verkauf von Rechten an zukünftigen Weltmeisterschaften, dann ist es auf jeden Fall schlimmer. Aber es ist nun auch der Job des Präsidenten, neue wirtschaftliche Möglichkeiten auszutesten, ich habe dagegen nichts einzuwenden. Aber es ist die Geheimniskrämerei, die Verschwiegenheitserklärungen, die Möglichkeit in die eigene Tasche zu wirtschaften. Wenn das alles stimmt, dann ist es schlimmer, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das jetzt schon gesehen haben.

Friebe: Glauben Sie nicht, dass es wahr ist?

Wrage: Ich habe leider nicht alle Dokumente gesehen, deswegen kann ich mir darüber keine abschließende Meinung bilden.

Friebe: Wenn wir nach Worten oder Kategorien suchen, um das zu beschreiben, was bei der FIFA passiert. Man reibt sich ja immer wieder die Augen. Glauben Sie skrupellos ist das richtige Wort?

Wrage: Es ist schwierig eine Organisation als skrupellos zu beschreiben. Es gibt sicher unpassende Kontrollmechanismen. Es gibt nichts, was die Leute davon abhält, sich so zu verhalten, dass es gegen die Interessen des Spiels gerichtet ist. Was ja einer der Slogans der FIFA ist. Es gibt nichts, was die wichtigsten Leute in der FIFA von einem solchen Fehlverhalten abhält. Bedeutet das, dass sie sich immer und zu jeder Zeit, daneben benehmen? Wahrscheinlich nicht. Aber wenn man die Kontrollorgane nicht zur Hand hat, dann vertraut man darauf, dass jeder das richtige macht. Aber das ist keine Kontrolle, das ist nicht Good Governance, das ist dann nur Wunschdenken.

Friebe: Auf dem Papier geht es ja einige Kontrollinstrumente, wie die Ethikkommission. Aber arbeiten die nur auf dem Papier? Was denken Sie darüber?

Wrage: Es reicht nicht aus. Es ist immer noch eine Organisation, die sich selbst regulieren soll und das nach Jahren voller Skandale. Viele Menschen haben der FIFA Vertrauen geschenkt, dass sie vor der eigenen Haustür aufräumt. Aber wir haben immer wieder gesehen, dass das nicht funktioniert. Es muss mehr Rechenschaftspflichten geben, mehr Aufsicht, mehr Konsequenzen. Wenn die letzten zwei, drei Jahre die FIFA nicht aufgeräumt haben, was dann, abseits von externer Kontrolle und externer Verwaltung.

Friebe: Aber ist es immer noch vorstellbar, dass die FIFA-Council-Mitglieder solche Pläne Infantinos durchwinken und Ihre Augen verschließen?

Wrage: Ich weiß nicht, was in den Köpfen der unterschiedlichen Mitglieder vorgeht. Für mich klingt das unvorstellbar, aber vieles was die FIFA macht, klingt für mich unvorstellbar. Der ganze Zweck der FIFA ist das Spiel zu schützen und voranzubringen. Die Pläne wären das komplette Gegenteil davon.

"Ja, dann kommt so eine Sprache raus, wie in einer Diktatur"

Friebe: Alexandra, Sie sind Anti-Korruptionsexpertin. Einen Aufschrei gab es ja schon im August als bekannt wurde, dass im neuen Ehtik-Code das Wort Korruption nicht mehr vorkommt. Warum können sich Fußball-Funktionäre einfach erlauben, ohne Transparenz und Good Governance zu agieren?

Wrage: Das war wirklich schockierend. Ich erinnere mich noch, als ich das gelesen habe. Wir alle wollen mehr Transparenz, also wir von der Anti-Korruptions-Bewegung. Der Punkt ist: Transparenz hilft bei so vielem. Wenn Du also damit anfängst, die Sprache zu ändern, wenn Du sogar so weit gehst, Wörter zu löschen, die Du unbequem findest, dann ist das definitiv ein Schritt in die falsche Richtung. Das war sehr überraschend und so unnötig, es bringt keine Strukturveränderungen bei der FIFA. Es versucht nur einen unangenehmen Text abzuändern.

Friebe: Mehr noch, es gab die sogenannte Verleumdungsklausel. Nach dem neuen Ethik-Code darf ich als FIFA-Mitglied ja nichts mehr gegen die Infantino-FIFA sagen.

Wrage: Ja, dann kommt so eine Sprache raus, wie in einer Diktatur. Das ist natürlich nicht hilfreich in Sachen Transparenz, in puncto Öffnung und Modernisierung der Führung. Das sind alles Symptome für eine geschlossene Organisation, die keine Transparenz will, die grundsätzlich nicht an Reformen interessiert ist.

Friebe: Als Sie für die Governance-Kommission gearbeitet haben, was waren da Ihre Ideen für die Reform der FIFA?

Wrage: Oh Mann, wir hatten eine lange Liste. Das Meiste wurde von Sepp Blatter abgelehnt. Es wurde entweder abgeschmettert oder abgemildert. Du kannst die Reformen halb fertig machen und das ist das Gleiche, als wenn man nichts macht. Wenn Du sie nicht durchziehst, wenn Du keine richtigen Konsequenzen installierst. Es gab eine lange Liste an Vorschlägen und Sepp Blatter hat sich die Rosinen rausgesucht und es gab ein paar anschließende Beschlüsse, aber nichts wirklich bedeutungsvolles.

"'Fußball-Familie' - Das klingt immer wie die Mafia für mich"

Friebe: Welche bedeutsamen Erneuerungen vermissen Sie?

Wrage: Ich würde gerne sehen, dass die höchste Kontrolle der FIFA, aus den Händen der FIFA genommen wird. Ich habe keine Vision dafür, wie das dann aussehen würde, aber wenn die FIFA nicht auskunftspflichtig gegenüber einer höheren Autorität als die FIFA ist, dann wird sich nichts ändern. Damals war ich noch hoffnungsvoll, dass die Schweizer Regierung eine aktivere Rolle bei der Kontrolle ihrer Sportorganisationen einnehmen würde. Das ist nicht wirklich passiert. Ich würde gerne sehen, dass der FIFA-Rat wirklich unabhängige Mitglieder hat und nicht Leute, die wie Sepp Blatter immer zu sagen pflegte, aus der "Fußball-Familie" kommen. Das klingt immer wie die Mafia für mich. 

Friebe: Fußball-Familie ist ein wichtiges Wort für die FIFA.

Wrage: Ja, wir sehen ja immer noch, dass alles in der Familie bleibt. Und das ist natürlich ein großer Teil des Problems. Dann kriegt man komische Verbundenheiten, Eigengeschäfte und Hinterzimmerdeals, in die die Öffentlichkeit keinen Einblick bekommt. Es wäre schön, wenn es einen wirklich unabhängigen Verwaltungsrat geben würde. Firmen müssen heute unabhängige Vorstandsmitglieder haben, Außenstehende, die interne Entscheidungen anfechten können, die unangenehme Fragen stellen können, die Zugang zu allen Sachen haben, auf die sie Zugriff haben wollen. All das macht großen Sinn, aber die FIFA widersetzt sich dem immer noch.

Friebe: Aber in den Reformen von 2016, die vor der Wahl Infantinos beschlossen wurden, wurde aus einem aktiven Präsidenten einer mit eher repräsentativen Aufgaben. War das der falsche Schritt?

Wrage: Nein, ich glaube nicht, dass es der falsche Weg ist. Ich glaube nur, dass es nicht ausreichend ist. Wir brauchen was viel mutigeres, was Transparenz wirklich garantiert und nicht was nur so aussieht, als sei es transparent. Ich erinnere mich noch an den Tag, als ich die Wahl von Infantino im TV verfolgte. Da hat Infantino den Verbänden versprochen, die kurz davor waren abzustimmen, dass sie von ihm mehr Geld kriegen würden. Unabhängig ob sie das brauchen und unabhängig von der Verbandsgröße. Sie würden von ihm mehr Geld kriegen, als sie jemals in der Vergangenheit hatten. Dann sind sie aufgestanden und jeder ist einzeln zur Wahlurne gegangen. Können sie sich eine Regierung vorstellen, die so funktionieren würde? Wo die Kandidaten Versprechungen abgeben könnten, wieviel Bargeld sie verteilen werden?

Friebe: Aber haben wir das nicht in der Politik genauso, dass die Politiker Steuersenkungen oder ähnliches versprechen?

Wrage: Ja, das stimmt, Politiker machen auch diese Versprechungen und müssen dann die Mehrheit dafür bekommen. In einer Demokratie muss man immerhin regieren und wenn man das Heft des Handelns in der Hand hat, dann kann man Geld nicht einfach so verteilen. Für Menschen, die noch keine Erfahrungen in der Sportwelt haben, die direkte Verknüpfung des Regierungsapparats, wo die Exekutive, direkt mit jemandem Hand in Hand geht, der Versprechungen machen kann und dann Gelder ausschütten kann, das ist einfach unglaublich. Ich weiß, dass wir jetzt alle daran gewöhnt sind, weil wir die ganzen FIFA-Geschichten seit Jahren immer wieder hören, aber so funktioniert Demokratie sicherlich nicht.

Alexandra Wrage, Antikorruptionsexpertin und anfangs Mitwirkende am FIFA-Reformprozess (TRACE International)Alexandra Wrage, Antikorruptionsexpertin und anfangs Mitwirkende am FIFA-Reformprozess (TRACE International)Friebe: Sie haben TRACE International 2001 gegründet, sind jetzt Präsidentin der Organisation. Was sind ihre Ziele? Warum arbeiten Sie gegen Korruption?

Wrage: Korruption für sich genommen ist einfach so zerstörerisch in so vielerlei Hinsicht. Sei es beim Vertrauen in die Demokratie, in die Geschäftswelt, in die Armutsbekämpfung. So vieles könnte mittels Transparenz besser werden, wenn Menschen zur Rechenschaft gezogen werden könnten und ihr Tun öffentlich ist. Dann kann die Öffentlichkeit darüber auch abstimmen, ob sie eine solche Art der Führung will. Aber wenn man sich hinter Scheinfirmen und Verschwiegenheitsvereinbarungen verstecken kann, dann kann die Öffentlichkeit keine gut informierten Entscheidungen treffen. Ich konzentriere mich natürlich auf die Wirtschaftswelt, wo die Aktionäre und Anteilseigner ehrlicherweise sehen wollen, was die Unternehmen machen. Und Firmen haben auch ein Interesse daran diese Sachen richtig zu machen, weil es großen Einfluss auf ihren Ruf hat.

Friebe: Warum glauben Sie, dass auch Sportorganisationen Transparenz brauchen? Große Teile der Menschen sehen Sport als Unterhaltung an.

Wrage: Aber auch in der Unterhaltungsbranche wollen sie einen gewissen Grad der Transparenz. Wenn wir an die Oscar-Verleihungen denken, da wollen wir ja auch wissen, wie diese Entscheidungen zustande kommen. Wenn das Fußballspiel integer sein soll, dann müssen wir Vertrauen in die Führung haben, Vertrauen darin, dass die Spiele nicht manipuliert sind, dass nicht gedopt wird. Ansonsten wäre das doch nur Theater. Dann wäre es ja überhaupt kein Sport.

Friebe: Ein Theater der Träume…

Wrage: Man verliert einfach das Vertrauen der Fans, wenn es nur noch um zynische Bereicherungspraktiken einer Gruppe geht. Wenn eine Gruppe nur noch nach dem Geld und der Macht greift. Es geht hier um den beliebtesten Sport der Welt und wir kriegen einfach kein Vertrauen zurück in die Führungsgremien. Das ist sehr, sehr traurig.

Friebe: Immer wieder ist es dann die Frage. Warum können sich Fußball-Funktionäre einfach erlauben, ohne Transparenz und Good Governance zu agieren? Es gibt keine Rebellion der Fans gegen die FIFA.

Wrage: Sicherlich wird die FIFA von den Fans nicht geliebt. Selbst als ich noch für die Unabhängige Governance Kommission gearbeitet habe, kamen Fremde auf mich zu und sagten: "Ich liebe Fußball, aber ich hasse die FIFA, ich mag es nicht, was die FIFA mit meinem Spiel macht!"

"Es gibt da diesen Bruch zwischen der FIFA und den Fans"

Friebe: Die WM-Stadien waren aber voll…

Wrage: Das ist absolut richtig. Es ist immer noch der beliebteste Sport der Welt. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass es kein hohes Maß an Frustration gibt. Aber werden sich die Fans vom Fußball abwenden? Nein, das glaube ich nicht. Deswegen kommt ein Verband wie die FIFA mit solchen Machenschaften immer wieder davon. Es gibt da diesen Bruch zwischen der FIFA und den Fans. Ich glaube nicht, dass die FIFA die Fans als eine Zuschauerschaft sieht, über die man sich Gedanken machen muss. Sie kümmern sich um sich selbst und die Fans bleiben außen vor.

Friebe: Und die FIFA braucht das Geld der Fans nicht mehr?

Wrage: Am Ende brauchen sie das Geld, aber wenn das Geld nicht im Zusammenhang steht mit Verbesserungen – und das tut es nicht – ich kann mir kein Szenario vorstellen, wo die Fans sagen, "Wir sind so besorgt um Good Governance bei der FIFA, wir gehen nicht mehr ins Stadion". Das bedeutet nicht, dass die FIFA in ihrem Handeln legitimiert ist, aber die FIFA sollte ihre Verantwortung viel ernster nehmen. Der Einfluss ihres Wirkens ist so umfangreich, es ist Teil des Gemeinwohls, es ist eine Nichtregierungsorganisation, ist ein öffentliches Gut, es sollte den Sport voranbringen, aber das sehen wir nicht.

Friebe: Aber die Fans, die Medien, wir alle sprechen oft über ethisch-moralische Verfehlungen von Spitzenfunktionären. Jetzt aber geht es um den Verdacht der Untreue. Müsste da nicht jetzt die Justiz einschreiten?

Wrage: Wenn die jüngsten Anschuldigungen wahr sind, dann müsste mit Sicherheit jemand einschreiten. Aber das ist genau die Situation, vor der wir schon einmal vor ein paar Jahren standen: Wer ist dieser Jemand? Wenn die Schweizer Regierung nicht eingreift, wenn es keine sportübergreifende Agentur gibt, die für Sportverbände wie die FIFA verantwortlich ist, wer greift dann ein? Wir kommen wieder zu dem Punkt, wo wir gesagt haben, die FIFA muss die Probleme der FIFA beheben und wir reden jetzt darüber, obwohl wir wissen, dass das noch nie von Erfolg gekrönt war. 

Friebe: Was kann denn passieren? Wir erinnern uns an die FBI-Ermittlungen, die Festnahmen im Züricher Luxushotel. Auf einmal stand die FIFA richtig unter Druck.

Wrage: Ja, sicher, aber das stand in direkter Verbindung zu Straftaten und die Taten hatten einen direkten Zusammenhang mit den USA. Bei diesem Fall gibt es jetzt keine Straftatbestände, die in die USA führen, wo dann das FBI aktiv werden kann. Darauf können wir nicht bauen, das ist keine tragfähige Strategie für Good Governance.

Fans bei einem Fußballspiel in Saudi-Arabien (picture alliance /Str/EPA/dpa)Saudi-Arabien strebt mit Macht auf die Bühne des Weltfußballs (picture alliance /Str/EPA/dpa)
Friebe: Könnte da nicht ein US-Interesse bestehen? Wir sprechen ja jetzt von Saudi-Arabien. Einem Land, das versucht über Sport Einfluss auf der politischen Weltbühne zu bekommen. Ein Land, das massiv in der Kritik steht, nicht zuletzt nach dem Journalistenmord an Jamal Kashoggi. Laut CIA ist sogar der Kronprinz in Verdacht. Besteht da kein US-Interesse?

Wrage: Es ist auf jeden Fall im geopolitischen Interesse. Gerade jetzt wo Saudi-Arabien versucht sein Image mit Hilfe des Sports aufzupolieren, wie das andere Länder auch schon gemacht haben. Das ist jetzt nicht dasselbe, als wenn Straftatbestände das FBI oder jemand anderen auf den Plan rufen könnten. Dafür braucht es kriminelle Untermauerungen. Sollten die USA ein Interesse an der ganzen Sache habe? Ja, ich glaube schon. Aber wir haben keine Hinweise darauf gesehen, dass die aktuellen Behörden sich Saudi-Arabien vornehmen werden.

Friebe: Wir sprechen jetzt ja über Weltpolitik, eine große Bühne, auf der auch Fußball spielt. Müsste man die Dinge nicht komplett neu denken und über internationale Kontrollinstanzen reden?

Wrage: Auf jeden Fall haben sich einige der maßgeblichen Akteure auf der Weltfußballbühne, wie Saudi-Arabien, Katar und Russland mehr als fragwürdig verhalten. Wenn ein Land die Hand hebt und sagt, wir denken, dass wir das Recht haben die WM ausrichten, dann sollten wir sie genau überprüfen, beispielsweise die Situation von Menschenrechten. Bei Katar ist darüber ja schon oft gesprochen worden. Heißt das dann auch, dass es passieren wird? Ich glaube nicht, dass politisch gesehen, viele Lust dazu haben.

"Die FIFA kann sich nicht mehr erholen"

Friebe: Was denken Sie? Was könnte hilfreich sein bei der Lösung der Probleme?

Wrage: Also, wenn sich die Fans nicht organisieren und ich glaube nicht, dass sie das machen und wenn die FIFA nicht selbst Großreine macht, was wohl auch nicht passieren wird. Dann wäre die einzige Option, um wieder Vertrauen aufzubauen, eine internationale Sportagentur. Aber dann muss es eine sein, die komplett neutral ist, die in keinerlei Verbindungen zu irgendeiner Regierung oder irgendeinem Fonds steht und sie müsste das öffentliche Vertrauen genießen und momentan haben wir so ein Organ nicht.

Friebe: Alexandra, Sie haben vor drei Jahren hier im Deutschlandfunk gesagt, eigentlich kann sich die FIFA nicht mehr erholen von der Krise damals 2015. Aber jetzt haben wir 2018, sie steht aber immer noch. Und wir haben die nächste Krise und noch eine. Und wir sprechen wieder. Was denken Sie über die Zukunft?

Wrage: Ich stehe immer noch zu meiner Äußerung von damals, dass die FIFA sich nicht erholen kann. Sie hat sich noch immer nicht erholt. Es gibt niemanden, mit dem ich spreche, der sagt, die FIFA steht auf sicherem Terrain, die FIFA genießt das öffentliche Vertrauen. Wir humpeln also immer weiter, ohne richtige Kontrollmechanismen, ohne öffentliches Vertrauen und schauen wo das so hinführt. Aber es hat sich nichts Substanzielles verändert. Also hat sich auch nichts Grundsätzliches verbessert.

Friebe: Haben Sie noch Hoffnung für den Fußball und die Fußball-Familie?

Wrage: Ich wünschte, ich könnte ein bisschen optimistischer sein. Aber wenn wir keinen wirklichen, neuen, kreativen und erfinderischen Ansatz für diese ganze Sache finden, dann fürchte ich, dass wir in einem oder zwei Jahren wieder über die gleichen Probleme reden.

Friebe: Und in zehn Jahren?

Wrage: Ich weiß nicht, ob ich bei dieser ganzen FIFA-Angelegenheit bis zehn Jahre in die Zukunft schauen kann. Aber wir werden sehen. Aber die öffentliche Toleranz für das Fehlverhalten der FIFA scheint fast unendlich zu sein.

Friebe: Lassen Sie uns noch einen kurzen Blick ins Jahr 2019 werfen. Gianni Infantino will als FIFA-Präsident wiedergewählt werden. Aber müsste nicht seine eigene Ethikkommission ihn vorher aus dem Verkehr ziehen?

Wrage: Wenn die aktuellen Vorwürfe wahr sind, dann müsste er aus dem Verkehr gezogen werden. Aber natürlich befindet sich alles noch im Prozess, wir müssen die Beweise prüfen usw.. Das Problem ist, dass der Präsident so mächtig ist, dass ich mir vorstellen kann, dass der Präsident sein Amt und seine Machtfülle nutzen wird, um die Kontrolle zu behalten. Das haben wir bei Sepp Blatter bei jeder seiner Wahlen immer wieder gesehen. 

Friebe: Aus Ihrer Erfahrungen würden Sie also sagen, Gianni Infantino kann diese Vorwürfe überleben, selbst wenn sie wahr sind?

Wrage: Es wäre verheerend, wenn die Anschuldigungen wahr sind und er die Affäre dennoch unbeschadet übersteht. Ich hoffe, das passiert nicht. Aber die FIFA ist eine mangelhafte Organisation mit unzureichenden Kontrollmechanismen, also ist das schon im Rahmen des Möglichen. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das gesamte Gespräch können Sie mindestens sechs Monate in unserer Mediathek nachhören. Eine übersetzte Audiofassung bieten wir Ihnen in Kürze an.

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