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StartseiteKommentare und Themen der WocheSpektakel unter staatlicher Aufsicht14.06.2018

FIFA-WM 2018 in RusslandSpektakel unter staatlicher Aufsicht

Millionen Menschen zwischen Ostsee und Beringstraße platzen vor Begeisterung über die FIFA-WM im eigenen Land. Dieses Bild vermitteln russische Staatsmedien seit Wochen. Doch diese Inszenierung stimme nicht, kommentiert Thielko Grieß. Um dies zu erkennen, reichten ein paar Gespräche auf der Straße.

Von Thielko Grieß

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Das Logo der Fußball-WM 2018 in Russland wird auf die Fassade des Bolschoi-Theaters in Moskau projiziert. (picture alliance / dpa / Alexander Vilf)
Die vom russischen Staatsfernsehen zelebrierten Emotionen zur FIFA-WM wirkten hölzern, kommentiert Thielko Grieß im Dlf (picture alliance / dpa / Alexander Vilf)
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Es ist genug für alle da. Die FIFA verdient Milliarden, Fußballfans können ihre Lust am Fußball stillen und die Regierenden Russlands bekommen glänzende Bilder. Dagegen wäre normalerweise nichts zu sagen, wenn es nur das wäre. Aber diese Weltmeisterschaft ist eben nicht normal.

Dagegen spricht die manipulative Inszenierung der russischen Staatsmedien. Die ist schon länger bekannt und hochprofessionell, aber dieser Sommer setzt noch einmal einen neuen Akzent. Seit Wochen steigern die staatlich kontrollierten, großen Fernsehkanäle ihr Tremolo. Der Tenor ist dieser: Wir sind "bereit" und "begeistert", Fußball ist unser Leben, unser Leben ist Russland, Russland ist Fußball.

Staatlich organisierter Gefühlsausbruch

Diese Emotionen sind hölzern: Wie jeder großflächige Gefühlsausbruch in Russland, so ist auch dieser staatlich organisiert. Natürlich gibt es auch Russinnen und Russen, die für Fußball leben, ihn leben, ihn lieben. Aber ihr Sport liegt nun in den Händen von Regierenden und der FIFA, ist zu einem mächtigen Vehikel verwandelt worden. Mit dessen Hilfe sollen Liebe und Zuneigung produziert werden, nicht allein zum Sport, sondern auch zu ihrem Land und insbesondere zu dessen Regierenden.

Um möglichst viele mitzureißen, tut das Staatsfernsehen nun so, als regiere landauf, landab die große Begeisterung, als platzten Millionen zwischen Ostsee und Beringstraße vor Hibbeligkeit. Dabei reichen ein paar Gespräche auf der Straße völlig aus, um ein Gefühl dafür zu bekommen, dass diese Inszenierung nicht stimmt.

Zur Einordnung: Die WM findet in elf Städten des europäischen Teils Russlands statt. Sibirien, der Ferne Osten sind riesige Landstriche, die sich zwar täglich angesprochen fühlen dürfen, wenn in der Propaganda von der Größe des Landes die Rede ist. Aber geht es um FIFA-Fußball und übrigens auch um die vielen Milliarden, die für diesen Monat ausgegeben wurden, finden zwei Drittel der Staatsfläche gar keine Erwähnung.

Keine normale Weltmeisterschaft

Diese Weltmeisterschaft ist auch deshalb keine normale, weil sie in einem Land stattfindet, dessen Amtsträger fortwährend schwere Menschenrechtsverletzungen begehen. Zwei Beispiele: In Tschetschenien sitzt Ojub Titijew von der mutigen Menschenrechtsorganisation Memorial weiter im Arrest. An den Vorwürfen gegen ihn muss man schon deshalb Zweifel haben, weil die Behörden im Kaukasus Menschenrechtler schon oft alles Mögliche untergeschoben haben.

Oleg Senzow, ukrainischer Regisseur und seit einem Monat im Hungerstreik, hängt inzwischen am Tropf. Er ist wegen Vorbereitung terroristischer Anschläge zu 20 Jahren Haft verurteilt. Dafür von großer Bedeutung war eine Zeugenaussage – doch dieser Zeuge hat erklärt, er sei gefoltert worden.

Aber Manches läuft auch in Russland ganz so, wie auch in Deutschland: Während alle auf den Ball starren, trifft die Politik unliebsame Entscheidungen. Das Rentenalter wird um bis zu acht Jahre erhöht und die Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte. Und Minderheitensprachen wie Tatarisch oder Baschkirisch sollen weniger unterrichtet werden. Wie angenehm für die Regierenden, dass das ohnehin kaum noch existente Demonstrationsrecht in den elf WM-Städten zurzeit aus Sicherheitsgründen praktisch gar nicht mehr besteht.

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