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StartseiteCorsoOnkel Quentins Märchenstunde13.08.2019

Film der Woche: "Once Upon a Time in Hollywood"Onkel Quentins Märchenstunde

Der neue Quentin Tarantino! Sein Name ist längst ein Markenzeichnen. Mittlerweile ist er bei Spielfilm Nr. 9 angekommen. In "Once Upon a Time in Hollywood" zieht es ihn in die Traumfabrik des Jahres 1969 - und vermischt dabei Fiktion und Fakten.

Von Jörg Albrecht

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Filmszene aus dem Film "Once Upon a Time in Hollywood Leonardo DiCaprio und drei Frauen tanzen auf einer Bühne (imago images / Cinema Publishers Collection)
Filmszene aus dem Film "Once Upon a Time in Hollywood" mit Leonardo DiCaprio alias Rick Dalton (imago images / Cinema Publishers Collection)
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"Once Upon a Time" … Es war einmal ein Filmemacher namens Quentin Tarantino. Dessen Stärke ist das Geschichtenerzählen nie gewesen. Weshalb er stets gut daran tat, sich auf die einzelne Szene zu konzentrieren. Die bestand wechselweise aus einem ausufernden Dialog und einem Gewaltexzess. Das Ergebnis ist Meta-Kino gewesen und damit das Gegenstück zum klassischen Erzählkino. Das sollte man auch bei "Once Upon a Time in Hollywood" gar nicht erst suchen, obwohl der Titel geradezu ein Versprechen an den epischen Atem ist.

"Zu meiner Rechten: der Hauptdarsteller der Serie ´Bounty Law´, Jake K. Hill Rick Dalton. Und links ist Ricks Stuntdouble, Cliff Booth."

Die Eröffnungsszene: Leonardo DiCaprio alias Rick Dalton und Brad Pitt alias Cliff Booth werden während einer Drehpause interviewt.

"Also Rick, erklären Sie dem Publikum, wozu so ein Stuntdouble da ist!"
"Schauspieler müssen eine ganze Reihe gefährlicher Sachen machen. Cliff soll mir ein bisschen Erleichterung verschaffen."
"Würden Sie Ihre Arbeit so beschreiben, Cliff?"
"Ja, das kommt ungefähr hin."

Sie sind nicht nur Star und Stuntman: Die Zwei sind auch beste Kumpel, wenngleich nicht auf Augenhöhe. Denn Rick ist Cliffs Arbeitgeber. Und das nicht nur am Filmset.

"Rick, ich bin dein Fahrer. Ich bin dein Mädchen für alles. Ich erledige gerne so Sachen im Haus, hüte dein Haus in den Hollywood Hills."

Wieder mal ein Film als Jukebox

Und schon läuft ein Song. "Once Upon a Time in Hollywood" ist auch eine Jukebox mit Liedern aus den späten 1960er-Jahren. Sie dudeln meist aus dem Autoradio, während die Protagonisten durch Los Angeles - und hier vor allem über den Hollywood Boulevard - fahren. Und das tun sie oft und lange. Der Straßenzug wirkt 1969 wie ein Überbleibsel besserer Jahre. Das New Hollywood hat Einzug gehalten mit seinen Antihelden und ein Rick Dalton gehört nicht mehr dazu. Er bekommt allenfalls noch Gastauftritte als Bösewicht in Serien.

"Abwärts mit deiner Karriere als Hauptdarsteller. Oder gehst du nach Rom und bist der Star in Western?"

Als Held in Spaghetti-Western, wie es ihm der von Al Pacino gespielte Casting-Agent vorschlägt, hat er sich seine berufliche Zukunft eigentlich nicht vorgestellt. Rick erlebt gerade seinen ganz persönlichen "Boulevard of Broken Dreams". Gelegenheit sich bei seinem Kumpel auszuheulen.

"Fünf Jahre hochgeackert und zehn Jahre nur Wasser getreten. Und jetzt? Rasanter Absturz."

Von Anfang an verquickt Quentin Tarantino Fiktion und Fakten. Seine erfundenen Charaktere Rick und Cliff lässt er auf Figuren der Zeitgeschichte treffen. So ist der 8. Februar 1969, an dem die erste Hälfte von "Once Upon a Time in Hollywood" spielt, auch der Tag, an dem Rick entdeckt, wer auf dem Nachbaranwesen in den Hollywood Hills seine Zelte aufgeschlagen hat.

"Das war Roman Polanski."
"Er wohnt inzwischen einen Monat da drüben."
"Sehe ich jetzt zum ersten Mal. Polanski – der heißeste Regisseur in der Stadt, vermutlich auf der Welt. Das ist mein direkter Scheißnachbar."

Lange Autofahrten und noch langweiligere Kamerafahrten

Polanski ist zusammen mit seiner schwangeren Ehefrau, der Schauspielerin Sharon Tate, nach Los Angeles gezogen.
Tarantino setzt vor allem auf Atmosphäre, in dem er seinen drei Hauptfiguren – Rick, Cliff und Sharon Tate – teilweise minutenlang folgt. Dabei gibt es lange Autofahrten, aber auch langatmige Drehszenen mit Rick auf seinem Filmset zu sehen sowie eine schier endlose Western-Referenz mit Cliff, über die der Zuschauer die Manson Family kennenlernt. Die hat sich auf einer Ranch vor den Toren von L.A. eingenistet, die früher einmal als Drehort diente.

"Bist du so ein alter Cowboy-Sack, der da früher Filme gemacht hat?"
"Ich bin überrascht, wie zutreffend die Beschreibung von mir ist. Ich bin ein alter Cowboy-Sack, der früher Filme gemacht hat auf der Spahn-Ranch."

Rückwärts gewandter Blick auf die Hippie-Bewegung

Verstörend an "Once Upon a Time in Hollywood" ist insbesondere Quentin Tarantinos rückwärtsgewandter Blick auf die Hippie-Bewegung. Bei ihm verkörpern die Hippies das Böse, das sich in der Manson Family manifestiert. Und das Böse wird hier genauso bekämpft wie Adolf Hitler in "Inglourious Basterds", in dem Tarantino ebenfalls eine "Es war einmal"-Geschichte erzählt hat.

Auch diesmal wird er nicht zum Chronisten von Zeitgeschichte. Er ist wieder der Märchenonkel. In der zweiten Hälfte reißt er dann endgültig die Deutungshoheit an sich über die Ereignisse vom 8. August 1969, dem Tag, an dem Sharon Tate von der Manson Family ermordet wurde. Erst im Finale des ziellos-mäandernden und erstaunlich humorarmen Films erwartet die Tarantino-Fangemeinde die für den Regisseur so typische Gewaltorgie.

"Once Upon a Time in the West" und "Once Upon a Time in America": So hat Tarantinos Vorbild, Sergio Leone, seine beiden Filmepen betitelt. Große Fußstapfen, in die Tarantino mit "Once Upon a Time in Hollywood" tritt. Am Ende sind sie zu groß. 

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