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StartseiteCorsoNach einer wahren Lüge16.12.2019

Film der Woche: "The Farewell"Nach einer wahren Lüge

Der erste Oscar-Kandidat für 2020 stand bereits fest, da waren noch nicht einmal die Oscars 2019 vergeben: Auf dem Sundance Film Festival im Januar hat der Film "The Farewell" den Großen Preis der Jury gewonnen. Jetzt kommt die heiter-melancholische Familiengeschichte in die deutschen Kinos.

Von Jörg Albrecht

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Statt "Nach einer wahren Geschichte" sind am Anfang des Films die Worte "Nach einer wahren Lüge" zu lesen. Eine kleine Schwindelei eröffnet die Geschichte auch direkt. Die junge Schriftstellerin Billi, deren Eltern aus China nach New York ausgewandert sind, als sie noch klein war, telefoniert mit ihrer Großmutter Nai Nai in Changchun. Als Billi von ihr gefragt wird, ob sie denn bei der Kälte einen Hut aufgesetzt habe, bejaht sie das, obwohl sie keinen trägt.

Billi befindet sich gerade auf dem Weg zu ihren Eltern. Fast beiläufig erfährt sie von ihnen, dass eine große Hochzeit in China ansteht.

"Hao Hao is getting married. So we have to go to China."
"What! Since when? Hadn´t he just start dating that girl? Did he knock her up?"

Ihr Cousin werde demnächst heiraten. Billi wundert sich: Er habe seine Freundin doch gerade erst kennengelernt. Ob er sie geschwängert habe? Billis Mutter fügt hinzu, dass sie zur Hochzeit nach Changchun reisen würden, Billie aber nicht mitkommen müsse.

Wer sich jetzt wundert, warum auch in der deutschen Synchronfassung die englischen Passagen im Original zu hören sind und alles, was in Mandarin gesprochen wird, ins Deutsche übersetzt wurde: Der Wechsel zwischen den beiden Sprachen wird später entscheidend sein für eine ganze Reihe von Szenen, denn die Großmutter und die übrigen chinesischen Verwandten sprechen kein Englisch.

"Wer Krebs hat, muss sowieso sterben"

Da Billi von der plötzlichen Hochzeit irritiert ist, hakt sie nach.

"Nai Nai is dying. She has a stage four lung cancer. The doctor says, she has three months. Could be faster. You´ll never know."

Von den Eltern erfährt sie, dass ihre Großmutter Lungenkrebs im Endstadium und nur noch drei Monate zu leben hat, vielleicht auch weniger. Aber die Familie habe entschieden, Nai Nai, die glaubt bei bester Gesundheit zu sein, die Diagnose vorzuenthalten. Und auch Billi dürfe auf gar keinen Fall etwas sagen. Die aber ist anderer Meinung.

"I need to call her."
"You can´t do that."
"I need to see her."
"You can´t do that."
"She doesn´t know. The family thinks, it´s better not to tell her. So you can´t say anything."

In China, ergänzt Billis Mutter, würde man sagen: "Wer Krebs hat, muss sowieso sterben. Aber nicht der Krebs bringt dich um, sondern die Angst." Die Hochzeit des Cousins sei letztlich nur ein Vorwand, damit ihre Großmutter die in alle Winde verstreute Familie noch ein letztes Mal sehen kann.

Dass sie ihre Tochter aber nicht dabeihaben wollen, weil Billi ihre Gefühle womöglich nicht im Griff hat, ist kaum nachvollziehbar. Schließlich ist ein Abschied mit der kompletten Familie geplant. Aber da die Geschichte auf den eigenen Erlebnissen von Regisseurin Lulu Wang basiert, nehmen wir diese etwas befremdliche Ausgangssituation so hin.

Billi wird sich natürlich nicht dem Willen ihrer Eltern fügen. Sie reist ihnen hinterher und ringt immer mehr mit ihrem Gewissen.

"Das ist mein Enkelsohn. Er wird in zwei Tagen heiraten."
"Herzlichen Glückwunsch!"
"Und das ist meine Enkelin. Sie ist aus Amerika hergekommen."
"I went to school in the U.K. for many years."
"That´s cool."
"Where do you live?"
"I´m in New York."
"I always wanted to visit New York. It´s a very beautiful city."
"Yes, it´s a very beautiful. Question: Do you know about my grandma´s condition?"
"Ihr zwei – was redet ihr?"
"Nai Nai, er hat in London studiert. Deswegen sprechen wir Englisch."

Einer erstaunliche Leichtigkeit

Die Schauspielerin und Rapperin, die Billi und damit das Alter Ego von Regisseurin Lulu Wang verkörpert, heißt Nora Lum und ist unter dem Pseudonym Awkwafina bekannt. Ihr Spiel ist burschikos und doch tiefgründig. Awkwafina versteht es, ihren inneren Zwiespalt sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin ist drin. Vielleicht auch eine für den Film, auf jeden Fall aber eine für das Drehbuch, das behutsam die komischen und die tragischen Momente austariert.

Wo andere Filme zugunsten von erzwungener Dramatik oder auch Komik die Wahrhaftigkeit geopfert hätten, findet "The Farewell" mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, manchmal sogar Heiterkeit, immer den richtigen Ton, wenn Themen wie Familiendynamik, Abschiednehmen und kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West angesprochen werden.

Lulu Wangs Großmutter lebt übrigens noch immer. Seit der Krebsdiagnose sind sechs Jahre vergangen. Spätestens durch den Film ihrer Enkelin dürfte allerdings auch sie jetzt die Wahrheit über den Familienbesuch kennen.  

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