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StartseiteCorsoPorträt eines Irrtums09.07.2015

Film über Gustl MollathPorträt eines Irrtums

Der Fall Gustl Mollath gilt heute als Musterbeispiel eines folgenschweren Justizirrtums: Sieben Jahre war Mollath in einer forensischen Psychiatrie, doch er wehrte sich und erreichte 2013 eine Wiederaufnahme. Der Dokumentarfilm "Und plötzlich bist du verrückt" begleitet den Nürnberger während des Prozesses.

Von Julian Ignatowitsch

Die Regisseurinnen Annika Blendl (links) und Leonie Stade mit dem Protagonisten ihres Dokumentarfilms: Gustl Mollath. (dpa / picture alliance / Felix Hörhager)
Die Regisseurinnen Annika Blendl (links) und Leonie Stade mit dem Protagonisten ihres Dokumentarfilms: Gustl Mollath. (dpa / picture alliance / Felix Hörhager)
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"Stell dir vor du gehst auf eine Reise: Du weißt nicht wohin, nicht wie weit. Vielleicht verlässt du die Erde und landest in einer fremden Welt, in der anders gesprochen, anders gedacht und anders gefühlt wird. Wenn du genug erlebt hast, kehrst du zurück, die Eindrücke haben dich zu einem anderen Mensch gemacht. Du erzählst von Dingen, von denen die anderen noch nie etwas gehört haben. Können sie dich überhaupt begreifen?"

Gustl Mollath als Astronaut: "Und plötzlich bist du verrückt!" Das Bild zu Beginn dieser Dokumentation mutet zunächst etwas seltsam an. Astronauten sind Pioniere, aber auch Aussätzige. Ist Gustl Mollath ein Pionier? Ist er ein Aussätziger?

Wer ist Gustl Mollath? Diese Frage wollen die Regisseurinnen Leonie Stade und Annika Blendl mit ihrem Film beantworten - aber nicht nur das. Es geht - zwangsläufig - um Recht und Unrecht, um Zurechnungsfähigkeit und darum, wer die Entscheidung trifft, wer recht und wer unrecht hat, und ob jemand zurechnungsfähig ist oder nicht.

"Wir sind alle Mollath!"

Der Fall Mollath gilt heute als Musterbeispiel eines folgenschweren Justizirrtums:

"Jedem anständigen Bürger kann in einer Konfliktsituation so übel und so grausam mitgespielt werden. Deswegen rufen wir: Wir sind alle Mollath!"

Sieben Jahre war Mollath in einer forensischen Psychiatrie, ehe sein Fall um häusliche Gewalt, zerstochene Autoreifen und Schwarzgeld 2013 neu verhandelt - und noch wichtiger die Frage nach seiner Psyche neu gestellt wird. Mollath kommt vorübergehend frei, der Film begleitet den Nürnberger während des Wiederaufnahmeprozesses. Das erste Treffen mit Mollath verläuft unerwartet, wie sich Regisseurin Blendl erinnert:

"Ich habe ihn getroffen und einem Tag mit ihm durchgelacht. Wir haben uns unfassbar amüsiert. Er ist nicht in einer gewöhnlichen Art lustig, er ist sehr schnell und springt sehr gerne von einem Ort zum anderen. Und manche würde denken, das ist ja total wirr, ist es aber nicht. Man muss nur schnell mitdenken."

Wer ist Gustl Mollath?

Wir sehen ihn auch im Film, den charmanten Mollath. Lustig, dann zornig, rechthaberisch, sentimental, redegewandt - man kommt ihm durchaus nahe. Welcher Charakterzug überwiegt, bilden sie sich selbst ein Urteil!

Der Film - und das ist seine große Stärke - ordnet nicht ein, schematisiert nicht, er zeigt einfach. Er lässt den Protagonisten reden:

"Es ist ein rechtsfreier Raum, für den Herr Mollath gibt's kein Recht, so läuft es bis heute. Und das lasse ich nicht auf mir sitzen, auch auf dem Land nicht. Denn ich bin nicht der Einzige, der so misshandelt wird. Und wenn es meinen Kopf kostet, es hilft nichts, denn wenn es so krass und schlimm zugeht im Land, dann gibt es keinen Kompromiss mehr, dann gibt es kein Beugen mehr. Das ist Verpflichtung, das ist die Lehre aus der Geschichte dieses Landes. Denn Mitläufer, Leute die weggeschaut haben, wenn Andere deportiert worden sind, das gab's viel zu oft, nur deshalb konnten Nazis auf dem Tisch tanzen. Die Mitläufer sind die Hauptschuldigen. In einem Land wo es zugeht und keine Chance auf Änderung da wäre, möchte ich sowieso nicht leben. Wir prägen nicht nur das Land, wir prägen die ganze Welt."

Verteidiger und Ankläger

Da ist er: Mollath, der Aussätzige. Der Pionier? Er und auch andere würden es wohl bejahen. Wieder andere, wie die Journalistin Beate Lakotta, verneinen. Die Doku zeigt beide Seiten - Verteidiger und Ankläger im übertragenen und wörtlichen Sinn. Auf diese Weise kann jeder Zuschauer sein eigenes Urteil fällen und versteht gleichzeitig die Schwierigkeit eines solchen Verfahrens:

"Wenn sie den Wahrheitsfindungsprozess im Strafprozess betrachten, können sie es vergleichen mit einer Uhr, mit dem Segment zwischen 11 und 12, ein kleiner Ausschnitt, der im Strafprozess abgehandelt wird, nicht die gesamte Wahrheit."

So sagt es Mollaths Anwalt Gerhard Strate an einer Stelle, ihm hatte sein Mandant ja zwischenzeitlich das Vertrauen entzogen. Und so hat auch das Regie-Team den Fall erlebt. Blendl:

"Dass einfach diese Wahrheit, die für jeden so anders ist, eben wahnsinnig schwierig ist. Das Urteil, das man als Gericht, als Psychiater fällen soll, dass es unglaublich schwierig ist, dieses Urteil zu fällen."

Für Mollath ist die Wahrheit indes immer eindeutig. Er pocht auf seine Unschuld, bekommt insofern recht, als dass die Einweisung in die Klinik vom Gericht abschließend als unrechtmäßig beurteilt wird. Mollath wird entschädigt: 60 000 Euro. Um Geld ist es ihm allerdings nie gegangen - und deswegen passt das Bild - das Selbstbild? - des Astronauten auch so gut:

Mollath im Film: "Mitten in der Nacht steigt er aus. Was hat er gesagt: 'Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Sprung für die Menschheit!' Armstrong."

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