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StartseiteKultur heute"Wir müssen alles tun, dieses Leben zu retten"13.06.2018

Filmemacher Oleg Senzow im Hungerstreik"Wir müssen alles tun, dieses Leben zu retten"

Zu Beginn der Fußball-WM in Russland protestieren weltweit Kulturschaffende für die Freilassung des Regisseurs Oleg Senzow, der zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt worden ist. Der Ukrainer befindet sich im Hungerstreik - und hofft durch das Sportevent auf mediale Aufmerksamkeit, sagte Filmproduzentin Marion Döring im Dlf.

Marion Döring im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Der ukrainische Regisseur Oleg Senzow vor dem russischen Militärgericht im Nord-Kaukasus, aufgenommen im August 2015 (imago/ITAR-TASS)
Der ukrainische Regisseur Oleg Senzow vor dem russischen Militärgericht im Nord-Kaukasus, aufgenommen im August 2015 (imago/ITAR-TASS)
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Maja Ellmenreich: Wenn der Ball zu rollen beginnt, darf die Kultur nicht fehlen – alte FIFA-Weisheit, so scheint es. Deshalb werden morgen bei der Eröffnung der Fußball-WM in Moskau auch Popstar Robbie Williams und Opernstar Aida Garifullina singen. Andere Kulturstimmen allerdings beteiligen sich nicht am Fußball-Jubel, sondern machen sich stark für den ukrainischen Filmregisseur und Maidan-Protestler Oleg Senzow. In einem sibirischen Straflager ist er interniert, nachdem er 2015 wegen "Terrorismus" zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt worden ist. Am 14. Mai, vor gut vier Wochen also, ist Oleg Senzow in den Hungerstreik getreten. Vor wenigen Tagen meldete er sich per Brief aus dem Gefängniskrankenhaus, wo er mittlerweile Infusionen bekommt. In der vierten Woche des Fluges fühle sich der Pilot normal – so wird Senzow zitiert. Kulturschaffende weltweit protestieren für die Freilassung von Oleg Senzow – darunter viele Filmemacherinnen und Filmemacher. Auch die "European Film Academy" mit ihrem Präsidenten Wim Wenders – sie bittet u. a. um Spenden für die Familie des alleinerziehenden Senzow. 

Marion Döring ist Geschäftsführerin der "European Film Academy" (EFA) mit Sitz in Berlin. Senzow will ausdrücklich nicht als Opfer gesehen werden, das bei Präsident Putin um Gnade bettelt. Frau Döring, wie sehen Sie die Rolle von Senzow, der seinen Hungerstreik ja punktgenau in die Zeit der Fußball-WM gelegt hat?

Marion Döring: Na ja, er hat es genau in die Zeit gelegt, auch um die größtmögliche Aufmerksamkeit zu bekommen. Und er ist in den Hungerstreik getreten nicht nur für sich selbst, sondern auch für 64 ukrainische Gefangene, die wie er in russischen Straflagern sitzen und politische Gefangene sind.

Gleichzeitig ist er natürlich ein Mensch. Er ist ein junger Regisseur. Er ist 41 Jahre alt, ist ein Vater von zwei jugendlichen Kindern, die jetzt bei der Großmutter leben. Und er ist ein Mann, der eigentlich in der Blüte seines Lebens, seiner künstlerischen Freiheit und auch seiner Rolle als Vater beraubt worden ist.

Ellmenreich: Also haben wir es hier mit einem kalkulierten Zeitplan zu tun, ein kalkulierter Wettlauf um die mediale Aufmerksamkeit?

Am Ende der Möglichkeiten

Döring: Natürlich! Und die Aufmerksamkeit ist natürlich auch wichtig, denn ohne Aufmerksamkeit kann man auch die Verantwortlichen in Moskau nicht erreichen. Wir haben uns selbst daran beteiligt, größtmögliche Aufmerksamkeit für Oleg Senzow zu bekommen, und nicht nur wir allein, sondern viele internationale Organisationen wie PEN America, wie Human Rights Watch, wie Amnesty International und viele, viele andere Kulturinstitutionen. Wir sind aber ein bisschen am Ende unserer Möglichkeiten. Es geht eigentlich jetzt nur noch, wenn die politisch Verantwortlichen auch in Europa sich dort einbringen und vielleicht auf diplomatischem Wege versuchen, die russischen Kollegen zu überzeugen, Oleg Senzow endlich freizulassen.

Ellmenreich: Hoffen Sie also darauf, dass Präsident Putin wie im alten Rom pünktlich zu den großen Spielen womöglich einzelne Gefangene begnadigt?

Döring: Wir hoffen das. Aber wir sind natürlich nicht sicher, ob es passieren wird. Aber wir geben nicht auf. Das ist ja das, worauf oft dann auch gespielt wird von den Verantwortlichen. Sicherlich haben sie erwartet, dass wir irgendwann vergessen, müde werden. Da aber haben sich die Verantwortlichen getäuscht. Wir haben nicht aufgegeben und wir werden es auch weiterhin nicht tun.

Ellmenreich: Das Durchhaltevermögen ist natürlich das eine. Das andere ist aber die Lautstärke. Und der FIFA-Fanjubel ist doch meistens lauter als die Kulturstimmen, oder?

Döring: Das ist zu befürchten. Das darf uns aber nicht daran hindern, trotzdem unsere Möglichkeiten wahrzunehmen, und wir haben hier auch zum Glück Unterstützung bekommen von Donald Tusk, dem Präsidenten des Europäischen Rats, der ja auch bei dem G7-Gipfel zur Eröffnung in seiner Rede auf Oleg Senzow hingewiesen hat und um Unterstützung gebeten hat.

"Da müssen wir alles tun, dass wir dieses Leben retten"

Ellmenreich: Ein anderer prominenter Filmschaffender, Kirill Serebrennikow, sitzt seit Monaten in Hausarrest in Moskau – sicherlich nicht zu vergleichen mit einem Gefangenenlager in Sibirien. Aber machen Sie sich auch für den jetzt pünktlich zur Fußball-WM stark?

Döring: Im Moment hat sich unsere Aufmerksamkeit in Anbetracht der Not, in der sich jetzt Oleg Senzow befindet, mehr auf ihn konzentriert. Wir haben uns auch schon in der Vergangenheit stark gemacht für Serebrennikow und werden das auch weiterhin tun. Im Moment ist aber tatsächlich die Situation so, dass jeder Tag zählt. Er ist jetzt in der fünften Woche seines Hungerstreiks und man weiß ja, dass es irgendwann eine ganz kritische Phase gibt, und in der ist er schon. Und da müssen wir alles tun, dass wir dieses Leben retten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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