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StartseiteKultur heuteNaher Osten im Selbstporträt17.04.2015

Filmfeste in Berlin und Dortmund Naher Osten im Selbstporträt

Krisen, Kriege, Katastrophen – dieses Bild wird gerade medial von der arabischsprachigen Welt vermittelt. Dabei entstehen dort seit rund 15 Jahren anspruchsvolle Filme. Das Arabische Filmfest in Berlin und das Frauenfilmfest in Dortmund waren und sind gute Gelegenheiten, um neue Produktionen aus der arabischen Welt kennenzulernen.

Von Michael Briefs

Frust beim Dreh eines ägyptischen Films. Die erfolgreiche Set-Designerin Maha droht, bei ihrer ersten rein kommerziellen TV-Produktion hinzuschmeißen. Der aktuelle Kinofilm "Décor", gedreht in Schwarz-Weiß, von Ahmad Abdallah ist eine subtile Hommage an das neu erwachte Selbstbewusstsein der ägyptischen Frau.

"Décor ist auch ein politischer Film. Die Ägypter haben gelernt, die Propagandalügen des ägyptischen Rundfunks zu durchschauen. Unser Film handelt davon, dass jeder Ägypter seine Meinung frei äußern soll."

Khaled Abol Naga, der im Film "Décor" den Mann von Protagonistin Maha spielt, ist ein in Ägypten gefeierter Schauspieler, Regisseur und Produzent. Spätestens seit er den diktatorisch regierenden ägyptischen Präsident Al-Sisi auf dem internationalen Kairoer Filmfest öffentlich kritisiert hat, gilt er als das junge Gesicht des rebellischen arabischen Films.

"Ich arbeite gerne mit neuen Regisseuren wie Ahmad Abdallah oder mit der jungen Regisseurin Ayten Amin wie in "Villa 69" oder mit dem Film-Veteran Daoud Abd-es Sayd, dem Pedro Almodovar von Ägypten. Experimentierfreudiger als unsere können Filme woanders derzeit gar nicht sein."

Das gesellschaftskritische Drama "Décor" eröffnete das 6. Festival des arabischen Films in Berlin und war damit erstmals bei uns zu sehen. Ein Publikumserfolg. Khalid oder Cal Naga, wie ihn seine Freunde im Kairoer Stadtteil Heliopolis nennen, ist sicher: Der unabhängige arabische Film war schon vor der Revolution reif für internationale Festivals.

"Es hat lange in den arabischen Gesellschaften rumort. Die junge Generation hat diese bleierne Provinzialität in bisherigen Filmen satt. Wir sehen doch im Internet und über Satelliten-TV was in der Welt passiert. Wir reisen und kennen auch die wichtigsten Trends im internationalen Film."

Lange Zeit wurde dem arabischen Film vorgeworfen, lediglich Holly- oder Bollywoodfilme zu kopieren. Einen Mangel an Einzigartigkeit sieht der ägyptische Filmkritiker Essam Zakarea dagegen nicht. Seit 15 Jahren haben sich parallel zu billig produzierten und massentauglichen Musical- und Comedyfilmen der neue unabhängige arabische Film etabliert.

"Er verfolgt keine kommerziellen Ziele. Also sehen wir auch keine Werbung, keine Stars und Sternchen, keine Action-Helden, keine Null-acht-fünfzehn-Dramaturgien. Manche sind gelungen, andere leider nicht. Es wird viel ausprobiert."

Ausländische Film-Förderung für Ägypten versiegt

Es geht um Themen wie Einsamkeit, urbane Kälte, Arbeitslosigkeit, Alter, Tod, Islamisierung und den Wunsch, einander helfen zu können. Die koptische Dokumentarfilmerin Amal Ramis hat ihren aktuellen Dokumentarfilm über die Ermordung junger Revolutionäre aus den einfachen Kairoer Vierteln durch die ägyptische Armee zuerst in einem Kairoer Kino gezeigt.

"Ich habe den Film für uns Ägypter gemacht. Ich wollte den abstrakten Zahlen - 20 ermordete Demonstranten hier, 50 dort - die Geschichte der hinterbliebenen Angehörigen entgegensetzen. Damit die Ägypter nicht vergessen, dass sich die jungen Revolutionäre auch für sie eingesetzt haben."

Amal Ramsis spannendes Frauenporträt "Athar al-Farasha", übersetzt "Die Spur des Schmetterlings" reist nach drei Jahren Produktionszeit gerade auf internationale Festivals, am Sonntag ist es auch in Dortmund zu sehen. Der Krieg in Syrien und dem Jemen hat das Interesse an Ägypten verdrängt. Die düstere politische Lage im Land tritt dadurch in den Hintergrund.

"Ägypten liegt nicht mehr im Trend. Damit versiegen auch notwendige finanzielle Hilfen aus dem Ausland für die Postproduktion. Ich habe Filmemachen von Grund auf gelernt und konnte selbst editieren, aber für viele ist die Realisierung ihrer Filmprojekte jetzt unmöglich."

Syrien ist wie Ägypten ein Land mit einer arabischen Filmindustrie. Sie liegt allerdings seit dem verheerenden Bürgerkrieg brach. Der syrische Dokumentarfilm "Silvered Water" gehört zu den wenigen Filmen, anhand derer das Grauen dort besser zu verstehen ist. Die junge Filmemacherin Weam Badarkhan:

"Die Idee zu meinem und Ossama Mohammads Film entstand 2011. Die Revolution war der Anstoß für viele, ihr Schweigen zu brechen. Wir Aktivisten wurden regelrecht in die Welt der Cineasten hineinkatapultiert."

Visuell und ästhetisch bildet der arabische Film eher eine globale Filmkultur heraus. Dabei lassen sich Handschriften der verschiedenen Regisseure erkennen. Es sind Filme, die global verstanden werden können und damit wegkommen vom Exotischen, das dem arabischen Film lange Zeit angehaftet hat.

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