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StartseiteKalenderblattVom Pionier zum Propagandisten15.07.2016

Filmregisseur Walter RuttmannVom Pionier zum Propagandisten

Vom Avantgardisten zum Diener der Macht, vom Pionier zum Kollaborateur - so könnte man den Werdegang des Regisseurs Walter Ruttmann beschreiben. Sein Film "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt" gehört zu den bedeutendsten deutschen Filmwerken. Weniger bekannt ist, dass Ruttmann auch NS-Propaganda-Filme drehte. Vor 75 Jahren starb er im Alter von 53 Jahren.

Von Katja Nicodemus

Die Filmpioniere Lotte Reiniger (r) und Walther Ruttmann (M) bei der Betrachtung eines Filmstreifens. Person links nicht identifiziert.  (dpa / picture-alliance / Bildarchiv)
Die Filmpioniere Lotte Reiniger (r) und Walther Ruttmann (M) bei der Betrachtung eines Filmstreifens. Person links nicht identifiziert. (dpa / picture-alliance / Bildarchiv)
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Ein buchstäblich rasanter Beginn! Es sind die ersten Szenen eines Films, in dem die Begeisterung des noch jungen Mediums Kino über seine eigenen Möglichkeiten mitschwingt. In Walter Ruttmanns "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt", gedreht 1927, rast die von Karl Freund geführte Kamera gemeinsam mit einem Schnellzug auf Berlin zu, vorbei an Baustellen, Schrebergärten, Gasometern, Fassaden, Kränen – und hinein in den Anhalter Bahnhof.

Die Bilder entdecken und erzählen zugleich den Rhythmus der Stadt Berlin vom frühen, noch menschenleeren Morgen bis in den amüsiersüchtigen Abend. Während der Film im Berliner Tauentzienpalast Premiere hat, betrinkt sich sein Schöpfer Walter Ruttmann um die Ecke in einer Kneipe. Er kann sich nicht vorstellen, dass diese ohne Geschichte und  Zwischentitel auskommende rhythmische Bildermontage  dem Publikum gefällt. Aber "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt" trifft den Nerv der Zeit, wird zum gefeierten Kinodokument der Neuen Sachlichkeit und macht Walter Ruttmann auf einen Schlag berühmt.

Erste Filmexperimente

Schon zehn Jahre zuvor begann Ruttmann, damals noch Maler am Starnberger See, seine ersten filmischen Experimente. "Malerei mit Zeit" nennt er seine selbst gemalten, mehr als 10.000 Filmphasen, die er zusammenfügt zu einem Werk mit dem Titel "Lichtspiel Opus 1". Dieser abstrakte farbige Zeichentrickfilm wird 1921 als erster "absoluter" Film uraufgeführt.

Seine sich unablässig wandelnden Formen und Farben bringen den Kritiker Alfred Kerr zum Jubilieren: "Man denkt an Expressionistenbilder. Die sind aber unbewegsam. Hier aber flitzen Dinge, rudern, brennen, steigen, stoßen, quellen, gleiten, schreiten, welken, fließen, schwellen, dämmern, entfalten sich, wölben sich, breiten sich, verringern sich, kugeln sich, engen sich, schärfen sich, teilen sich, krümmen sich, heben sich, füllen sich, leeren sich, blähen sich, ducken sich, blümeln und verkrümeln sich. Kurz: Expressionismus in Bewegtheit. Ein Rausch für die Pupille."

In den nächsten Jahren entstehen noch drei weitere Opus-Filme. Seinen Lebensunterhalt verdient Walter Ruttmann nun in Berlin als Spezialist für Traumszenen, etwa in Fritz Langs "Die Nibelungen". Nebenher tüftelt er an neuen Schnitttechniken und kombiniert sie auf völlig neuartige Weise in "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt". Seinen perfekten Rhythmus entwickelt der Film, weil Ruttmann teilweise zur Musik schneidet und umgekehrt die Musik auch auf die Filmbilder reagieren lässt. Diese Betonung des Formalen auf Kosten des Inhalts wird ihm von dem Filmtheoretiker Siegfried Kracauer als "Haltungslosigkeit" vorgeworfen.

Pionier des Tonfilms – und Nazi-Regisseur

Dass Ruttmanns Formalismus tatsächlich problematische Züge hat – oder annehmen wird - , zeigt sich in "Melodie der Welt", einem 1929 gedrehten Werbefilm für Dampferfahrten. Mit seinen Tonkollagen erweist sich Ruttmann auch hier als Pionier des Tonfilms. Die Aufnahmen von Häfen und pseudoexotischen Motiven verbinden sich jedoch zu einer rhythmisierten Überfülle ohne Handlung oder Perspektive.

Walter Ruttmann glaubt sich nun auf dem Weg zum Spielfilmregisseur. Doch er scheitert mit einer Pirandello-Verfilmung namens "Stahl" im faschistischen Italien. 1933 kehrt er nach Deutschland zurück – vom Regen in die Traufe möchte man sagen. Walter Ruttmann, der Mann, der das Kino von jeglichem Dienst, vom Zwang des Erzählens und Bedeutens befreien wollte, wird zum Auftragsregisseur der Nazis. "Altgermanische Bauernkultur", "Blut und Boden", "Metall des Himmels" - das sind nun die Titel seiner Filme. Oder auch: "Deutsche Panzer". Darin heißt es zum Beispiel: "Die vernichtende Schlagkraft unserer Panzerdivisionen ist dem einzigartigen Angriffsgeist der Truppe und der Überlegenheit unseres Kampfmaterials zu danken."

Tod mit 53 Jahren

Im selben Rhythmus, in dem Ruttmann wenige Jahre zuvor in "Berlin. Die Sinfonie der Großstadt" die maschinelle Industrieproduktion der pulsierenden Metropole auf die Leinwand gebracht hatte, montiert er nun Bilder aus den Fabrikhallen, in denen die Panzer der Wehrmacht zusammengesetzt werden.

Am 15. Juli 1941 stirbt Walter Ruttmann mit nur 53 Jahren in Berlin an einer Embolie. Als abstrakter Künstler mag er zu Weltruhm gelangt sein, doch zum Verhängnis wurde ihm, dass er auch von der politischen Wirklichkeit abstrahierte.

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