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StartseiteSport am WochenendeFußballstadien als Millionengräber für den Steuerzahler14.08.2021

Finanzen im ProfifußballFußballstadien als Millionengräber für den Steuerzahler

Der Steuerzahler ist der Supersponsor des Profifußballs, Kommunen und Bundesländer leisten oft große Hilfe. In einer vierteiligen Serie zeigt der DLF gravierende Beispiele vom leichtfertigen Umgang mit Steuergeldern im Profifußball. In Teil eins geht es um den Stadionbau, den Kauf der Arenen und Stadionmieten.

Von Piet Kreuzer

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Das Stadion in Rostock aus der Luft (www.imago-images.de)
Das Stadion in Rostock (www.imago-images.de)

Ein 1:1 gegen Lübeck reicht: Siegestrunken feiern Rostocker Fans im Mai den Hansa-Aufstieg in die 2. Liga – nach neun Jahren Drittklassigkeit. Der sportliche Erfolg wird jedoch von einem Schuldenberg von etwa 23 Millionen Euro überschattet. Das meiste Geld schuldet Hansa einem Investor: Rolf Elgeti. Dessen Beteiligungsfirma Obotritia Capital gehören 45 Prozent der Profiabteilung.

Zur Entschuldung will der Verein jetzt das Ostseestadion an die Stadt verkaufen – für angeblich 15 Millionen Euro. Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen zeigt sich im NDR-Interview verhandlungsbereit. "Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass ein Verein seine eigene Sportstätte innehat. Und da wollen wir einfach unterstützen. Nun schauen, ob wir einen Weg gemeinsam finden können. Es sind erstmal nur Verhandlungen", sagte Madsen.

Kommunen geben Millionen für Stadien aus

In der Tat wäre Rostock nicht die einzige Kommune, die viele Millionen Euro Steuergelder für ein Fußballstadion ausgibt. Manche Städte finanzieren einen Neubau. Manche die Sanierung. Manche verzichten auf Mieteinnahmen. Die Proficlubs profitieren davon, dass Politiker wie Madsen darin ein lohnendes Investment sehen. "Weil wir der Überzeugung sind, dass dieser Verein natürlich eine Strahlkraft außerhalb von Rostock hat, im Land ein bisschen im Bund und dass es deswegen auch wichtig ist, dass wir dort unterstützen", so Madsen.

Der Bund der Steuerzahler Mecklenburg-Vorpommern sieht das anders. Die 15 Millionen Euro für das Ostseestadion seien eine Umschuldung auf Kosten der Steuerzahler, meint Geschäftsführerin Diana Behr: "Nimmt die Hansestadt Rostock dieses Geld in die Hand, wird es an anderer Stelle bei den freiwilligen Ausgaben fehlen. Jugendarbeit und andere Vereine könnten darunter leiden. Die jährlichen Mieteinnahmen werden davon abhängen, in welcher Liga der Verein spielt. Alles in allem ist es eine teure und risikobehaftete Entscheidung auf Kosten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler."

Der FC Hansa übernahm das Stadion für 1 D-Mark

Es wäre allerdings nicht das erste Mal, dass Hansa von Steuergeldern profitiert. Als das Ostseestadion um die Jahrtausendwende saniert wird, beteiligen sich Stadt und Land zusammen mit 19 Millionen D-Mark. Der Verein übernimmt das Stadion aber für einen symbolischen Preis von einer D-Mark. Jetzt soll die Stadt dieses Stadion für 15 Millionen Euro zurückkaufen – und würde dann eine Arena besitzen, die nochmal für 14 Millionen Euro saniert werden müsste. Daher laufen inzwischen auch Gespräche über eine mögliche Beteiligung des Landes. Angesichts der Kritik verweist der Klub darauf, dass er durch seine Aktivitäten auch selbst Steuereinnahmen generiert.

Trotzdem fordert Diana Behr, dass für Stadion-Projekte keine Steuergelder genutzt werden, sondern private Investoren gesucht werden. Ähnlich sieht es Moritz Venner vom Bund der Steuerzahler in Hessen. "Im System Profifußball ist genug Geld vorhanden. Es muss vielleicht an der einen oder anderen Stelle anders verteilt werden, aber es ist genug Geld vorhanden, um solche Projekte wie Stadionbauten auch ohne die öffentliche Hand finanzieren zu können. Und hier und da sollte man dann eben auch auf Investoren zurückgreifen, aber auf keinen Fall die Steuerzahler, die Allgemeinheit damit belasten." Venner verweist auf die zahlreichen Vereine im Großraum Frankfurt, die alle ein eigenes Stadion haben. Für den Bundesligisten Eintracht Frankfurt wurde eine 188 Millionen Euro teure WM-Arena gebaut. Und auch die Stadien des FSV Frankfurt und von Kickers Offenbach wurden vor etwa zehn Jahren umgebaut.

"Natürlich haben wir Respekt davor, dass es eine gewachsene Tradition im Rhein-Main-Gebiet gibt. Aber wenn man sich mal die Lage der beiden Städte Frankfurt und Offenbach direkt aneinander angrenzend anguckt, dann haben wir wenig Verständnis dafür, dass man bei gerade mal 6,5 Kilometer Entfernung zwei Stadien in derselben Größenordnung für etwa 30 Millionen Euro baut und da nicht eine gemeinsame Lösung gesucht hat." Zumal beide Stadien für die 2. Liga konzipiert sind, die Klubs aber mittlerweile zwei Klassen tiefer in der Regionalliga spielen.

Kommunen müssen oft zwischen zwei Übeln wählen

Die Kommunen stellt das vor die Wahl: Machen sie Verluste, indem sie die Stadionmiete senken? Oder lassen sie die Vereine insolvent gehen und stehen mit einem Stadion da, das gar nicht benutzt wird? Sowohl Offenbach als auch Frankfurt haben sich für die erste Option entschieden – und müssen hoffen, dass die Klubs in Zukunft erfolgreicher spielen.

Auch in anderen Städten reichen die Zahlungen der Vereine nicht aus, damit die Kommunen die Stadien kostendeckend betreiben können. In Köln macht die zuständige GmbH seit Jahren Millionen-Verluste. Die Stadt Dresden hat seit 2014 jährlich 1,5 Millionen Euro als Zuschuss für die Stadionmiete in den Haushalt eingestellt. Begründung: Ohne diesen Zuschuss sei Dynamo außerhalb der ersten Liga nicht überlebensfähig.

Regularien der Verbände zwingen zu Investitionen

Eine spezielle Note hat der Fall Wehen-Wiesbaden. Als der Verein 2019 in die 2. Liga aufsteigt, muss das Stadion umgebaut werden. Das Land Hessen beteiligte sich mit dreieinhalb Millionen Euro. Moritz Venner kritisiert: "Dieser Fall ist besonders absurd, weil Wehen-Wiesbaden ja ein sehr kleiner Verein ist und auch nur sehr wenig Zuschauer hat, also in der dritten Liga kaum mehr als 3.000 Zuschauer im Schnitt. Und trotzdem musste das Stadion ausgebaut werden, weil die DFL in ihren Statuten 15.000 Plätze Minimum vorschreibt, aber nur 12.500 vorhanden waren."

Nicht der einzige Fall, wo die Regularien der Deutschen Fußball-Liga und des Deutschen Fußball-Bundes zu unnötigen Mehrkosten führen. Ein anderes Beispiel ist der VfL Osnabrück. Hier hat die Kommune 3,2 Millionen Euro investiert, um die nach dem Zweitliga-Aufstieg notwendigen Umbauten zu finanzieren. Spielfelddrainage, Flutlicht und Pressetribüne sind jetzt zweitligareif. Der Verein ist aber in die 3. Liga abgestiegen.

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