Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 11:30 Uhr Sonntagsspaziergang
StartseiteEuropa heuteFingierte Grenzen als Flüchtlingsfalle23.08.2012

Fingierte Grenzen als Flüchtlingsfalle

Die Aktion "Grenzstein" in der ehemaligen Tschechoslowakei

Der Geheimdienst der ehemaligen Tschechoslowakei soll zwischen 1948 und 1951 falsche Grenzstreifen gesetzt haben. Flüchtlinge, die sich vermeintlich im Westen glaubten, wurden von kommunistischen Agenten aufgegriffen, die sich als Amerikaner ausgaben und die Flüchtlingen nach Dissidenten und Oppositionellen ausfragten.

Von Kilian Kirchgeßner

Grenzeschild zwischen der DDR und der CSSR im Jahre 1960. (Reinhard Kaufhold)
Grenzeschild zwischen der DDR und der CSSR im Jahre 1960. (Reinhard Kaufhold)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Teilen tut weh

Die streng geheime Aktion spielte sich im Wald ab und meistens mitten in der Nacht. Vermeintliche Schleuser, die in Wirklichkeit zur Staatssicherheit gehörten, führten Tschechen, die in den Westen flüchten wollten, zu einer künstlichen Grenzanlage. Die stand zwar in der Nähe der tatsächlichen bayerischen Grenze, aber eben noch auf dem Gebiet der damaligen Tschechoslowakei. Dort wurden die Flüchtlinge von einem falschen amerikanischen Offizier freudig begrüßt und in ein vermeintliches Quartier der Amerikaner gebracht. Mehr als 60 Jahre ist das jetzt her; Pavel Bret hat die Fälle minutiös rekonstruiert.

"Das war eine perfekte Nachbildung: An der Wand hing ein Bild des amerikanischen Präsidenten, es gab echten Whiskey und amerikanische Zigaretten. Dolmetscher waren dabei, die das Gespräch übersetzten. Alles war original - man wollte um jeden Preis verhindern, dass jemand Verdacht schöpft. Die Opfer waren alle bis zuletzt im guten Glauben, dass sie schon in Sicherheit seien."

Pavel Bret ist Polizist; er leitet bei der tschechischen Polizei die Abteilung, die sich mit den Verbrechen des kommunistischen Regimes beschäftigt. Der Trick mit der falschen Grenze, sagt er, sei das Teuflischste, was ihm in seiner Arbeit jemals untergekommen sei. Es war das Jahr 1948, die Kommunisten sind gerade erst an die Macht gekommen. Gleich am Anfang wollten sie aufräumen mit ihren politischen Gegnern - und lockten sie kurzerhand über die vermeintliche Grenze in den Westen. Polizist Pavel Bret:

"Die Opfer haben in gutem Glauben den vermeintlichen amerikanischen Organen alles verraten. Sie wurden etwa gefragt, ob sie nicht jemanden kennen, der den amerikanischen Behörden beim Sturz des kommunistischen Regimes helfen würde. Alle Leute, die sie genannt haben, wurden anschließend verfolgt, inhaftiert und verurteilt."

Aktion "Kamen" nannte die Staatssicherheit ihr Kommando, übersetzt "Aktion Grenzstein". Weil der Trick so gut funktionierte, errichteten die Machthaber gleich mehrere falsche Grenzen. Drei Jahre lang arbeiteten sie mit der Finte, insgesamt fielen nach Schätzung von Historikern mehrere Hundert Opfer darauf herein.

"Sie bekamen ein Formular. Darauf standen Fragen wie: Warum verlassen Sie die Republik? Haben Sie in Ihrer Heimat Aktivitäten gegen den Kommunismus unternommen? Hatten Sie Kontakt mit fremden Mächten? Am Schluss mussten die Opfer das Protokoll unterschreiben und lieferten damit juristisch belastendes Material gegen sich selbst."

Etliche der verhinderten Flüchtlinge sind später zum Tode verurteilt worden - und mit dazu viele ihrer Gewährsleute, die sie nichts ahnend den falschen Amerikanern preisgegeben hatten. Manche der Opfer merkten bis zum Schluss nicht, dass sie hereingelegt worden sind, sagt Ermittler Pavel Bret:

"Und dann sagten die: Sie sind ja in einem freien Land, wir begleiten Sie jetzt nicht weiter. Gehen Sie 200 Meter in diese Richtung, da, finden Sie ein Haus mit deutschen Polizisten, die helfen Ihnen dann weiter. Und natürlich haben dann tschechoslowakische Grenzsoldaten die Leute aufgegriffen - das war so geschickt fingiert, dass die dachten, sie wären versehentlich wieder über die Grenze zurückgelaufen. Das ist die ganze Hinterhältigkeit."

Unter Historikern waren die fingierten Grenzstationen schon länger bekannt. Konkrete Ermittlungen gab es in den vergangenen 20 Jahren allerdings nicht. Den Fall hat jetzt Igor Lukes ins Rollen gebracht - ein tschechischer Historiker, der an einer Universität in Amerika lehrt. Er sei durch Zufall auf das Thema gestoßen, erzählt er im tschechischen Radio:

"Ich habe vor einem Jahr eines der Opfer kennengelernt. Der abstrakte Fall hat damit für mich eine menschliche Dimension bekommen. Dann habe ich recherchiert, dass mindestens zwei der hauptsächlichen Täter noch leben, und zwar unter luxuriösen Bedingungen. Das ist so ein großer Kontrast zum Elend ihrer einstigen Opfer - deshalb habe ich Anzeige erstattet."

Für die tschechische Polizei ist die "Aktion Grenzstein" ein Präzedenzfall für den Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit. Verjährt sind die Taten nicht, die Täter können also noch immer verurteilt werden - vorausgesetzt, sie haben sich über damals geltende Gesetze hinweggesetzt. Vermutlich werde man sie wegen Missbrauchs der Amtsgewalt anklagen, kündigt Polizist Pavel Bret an. Ob ein tschechisches Gericht auch tatsächlich ein Verfahren einleitet, steht allerdings noch nicht fest: In der Vergangenheit kamen Täter aus der Zeit des Kommunismus öfters um einen Prozess herum - mit Rücksicht auf ihr hohes Alter, wie es hieß.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk