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StartseiteEuropa heuteKünstler und der Klimawandel im Norden22.02.2019

FinnlandKünstler und der Klimawandel im Norden

Für den finnischen Künstler Antti Majava steht fest: Klimawandel und Umweltkrisen sind die großen Fragen auch für die Kunst. Über die Beschäftigung damit ist er selbst zum Energiefachmann geworden: In der von ihm gegründeten Künstlerresidenz richtet sich der Alltag nach dem Stromangebot.

Von Jenni Roth

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Der finnische Künstler Antti Majava steht mit Holzscheiten auf dem Arm in einer verschneiten Waldlandschaft vor einer Hütte (Deutschlandradio/ Jenni Roth)
Der finnische Künstler Antti Majava beim Holzholen auf dem Gelände seiner Künstlerresidenz in Nordostfinnland, wo ökologische Künstler zu Energie- und Umweltfragen arbeiten (Deutschlandradio/ Jenni Roth)
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"Mit welchem Recht beuten wir die Natur so aus? Diese Frage stellen sich viele finnische Künstler. Als ich vor zehn Jahren aufs Land gezogen bin, ist mir immer klarer geworden, was alles nicht stimmt. Dass zum Beispiel der Fluss bei uns voll ist mit Hormonen und Chemikalien. Ich fürchte, dass unsere Umwelt und unser Klima gerade in eine Katastrophe abrutscht – und diese Angst ist auch Thema in meiner Kunst." 

Die Bildende Künstlerin Johanna Ketola, 40, lebt in Hassi, einem Dorf in Mittelfinnland, acht verstreute Häuser, mitten im Wald. In ihren Foto- und Videoarbeiten stellt Johanna die Ästhetik der Natur heraus und zeigt die Folgen für Umwelt und Klima, wenn der Mensch in die Natur eingreift. 

"Das ist meine Art, mich mit dem Klimawandel auseinandersetzen. Aber in letzter Zeit hatte ich das Gefühl, die Kunst allein reicht mir nicht mehr: Wir haben nur noch wenige Jahre Zeit, um die Gesellschaft komplett umzukrempeln. Ich will schneller und konkreter etwas erreichen, als es mit der Kunst möglich ist." 

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Wenn sich das Klima ändert - Finnland kommt ins Schwitzen" in der Sendung "Gesichter Europas".

Deshalb belegt Johanna nebenher auch Kurse am "Klima jetzt"-Programm der Universität Helsinki, mit Kommilitonen aus ganz verschiedenen Disziplinen: Physikern, Ingenieuren, Sozialwissenschaftlern. Mit ihnen will sie ganz konkret etwas bewegen und klimapolitische Projekte anstoßen. 

"Environmental Art" als Studiengang

Johanna hat zusammen mit Antti Majava Kunst studiert, der die Künstlerresidenz Mustarinda in Nordostfinnland aufgebaut hat. Und auch ihm lässt der Klimawandel keine Ruhe: 

"Schon in den Nuller-Jahren gab es ja alarmierende Nachrichten aus der Forschung. Ich fand das beklemmend, aber an der Kunstakademie war das kein Thema. Für mich ist klar: Der Klimawandel und globale Umweltkrisen sind die großen Fragen auch für die Kunst." 

Tatsächlich kann man mittlerweile an der Kunstakademie Helsinki "Environmental Art" studieren, oder an der Theaterhochschule einen Master in "Ecological Contemporary Performance" machen. Und Antti selbst gibt Kunstseminare in Mustarinda, mit Schwerpunkt Energiefragen. Die waren auch Thema seiner Doktorarbeit. 

"Die Avantgarde in Russland Anfang des 20. Jahrhunderts war ja sehr interessiert an Energiefragen, an fossilen Energien und neuen technologischen Möglichkeiten. Um 1915, als Futurismus, Suprematismus und diese Avantgarde in Russland und Europa groß waren, gab es viele Künstlergruppen, die sich für Natur interessierten. Es gab schon damals Forscher, die den Klimawandel schon vorhersahen, und wussten, die Erde würde das nicht aushalten. Und das griffen manche Künstler auf. Aber ich habe das Gefühl, die Kunst heute steckt noch in der 100 Jahre alten Avantgarde-Zeit fest. Die Vision damals war ja: Alles muss schneller und größer werden. Davon müssen wir weg. Die Basis einer neuen Avantgarde wäre: Wie erzeugen wir emissionsfrei Energie?" 

Vom Künstler zum Energiefachmann

Tatsächlich tut sich in der Künstlerszene einiges. Jedes Jahr bekommt Antti hunderte Residenz-Bewerbungen. Das Haus ist längst über Landesgrenzen bekannt als Zentrum für ökologische Künstler, die Lust haben, auch mal mit Forschern und Anwohnern Lösungen für Energie- und Umweltfragen zu finden. 

"Wir müssen unsere Lebensweise ganz neu denken. Quasi aus dem Nichts. Wir müssen die globale Energieordnung und unsere Gesellschaft komplett auf den Kopf stellen. Und die Kunst soll dabei eine Rolle spielen." 

Aber sie liefert nicht alle Antworten für den Alltag. Deshalb beschäftigt sich Antti inzwischen mehr mit Energiethemen als mit Kunst und ist mittlerweile fast schon ein Profi.

Ein paar Stufen im Mustarinda-Haus führen hinunter in den Heizraum. "Hier haben wir eine Erdwärmepumpe, und einen Kompressor. Der Kasten da drüben ist ein Akku, der überschüssigen Strom speichert." 

Alltag je nach Energie-Lage

Der Akku speichert zum Beispiel dann Strom, wenn klar ist, dass am nächsten Tag die Preise steigen. Oder wenn eben keine Sonne scheint. Nur: Akkus sind teuer. Weshalb die Künstler in Mustarinda versuchen, ihren Alltag der Energielage anzupassen: Wäsche waschen oder die Sauna heizen an energiereichen Tagen. An energiearmen Tagen Einkaufen oder Schnee schippen. Und Kunst machen – zumindest die, die viel Strom für ihre Arbeitsgeräte brauchen. Es ist ein bisschen wie bei den Surfern, die auch auf die besten Wellen warten müssen. 

Aus dem Heizraum geht es direkt in die Garage, wo Antti gerade ein Warmluftgebläse aufstellt. Er hat sein Gasauto reingefahren, um die Eisschicht abzutauen. 

"So wie Mustarinda müsste in zehn Jahren unsere ganze Gesellschaft funktionieren: so wie wir unsere Energie erzeugen und mit ihr haushalten. Außerdem Gasautos fahren, die man sich am besten teilt. Meine Vision ist, dass wir gemeinschaftlich Lösungen finden und auch so leben – wofür braucht schon jeder ein eigenes, großes Haus?"

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