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StartseiteCorsoFisch und Gemüse aus dem Herzen der Stadt25.06.2013

Fisch und Gemüse aus dem Herzen der Stadt

Deutschland entdeckt "Vertical Farming"

Dächer zu Gewächshäusern, Gebäude zu Pilzfarmen und Fischzuchten: Die ersten Startup-Unternehmen beginnen, mitten in der Stadt hoch effiziente Landwirtschaftsbetriebe aufzubauen. Es geht um einen Gegenentwurf zur konventionellen Landwirtschaft, aber auch ums Geschäft.

Von Marietta Schwarz

Aquaponics-Anlage der Firma Efficient City Farming Berlin (Pressefoto: © by ECF | Efficient City Farming Berlin)
Aquaponics-Anlage der Firma Efficient City Farming Berlin (Pressefoto: © by ECF | Efficient City Farming Berlin)

Im Jahr 2000 sorgte das niederländische Architekturbüro MVRDV mit seinem Expo-Pavillon in Hannover für Furore: Die Architekten türmten Landschaften übereinander. 7 Geschosse, 40 Meter hoch. Es gab einen Eichenwald, ein Tulpenfeld, Dünen und eine Offshore-Windkraftanlage. Dazwischen auch ein bisschen Stadt - in Form von Theater und Toiletten.

Die Niederländer erschufen damit ein ziemlich brutales und unromantisches Bild einer Stadt, die alles aus sich selbst schöpft. Sogar Energie und Nahrung. Die passende Theorie dazu lieferte ein amerikanischer Mikrobiologe namens Dickson Despommier. Die Zukunft der Landwirtschaft, so sein Credo, liege in der Stapelung und im urbanen Raum – und damit in der Vermeidung langer Transportwege.

Despommiers Buch "Vertical Farming" ist in den letzten Jahren zur Bibel für ambitionierte Stadtfarmer geworden. Auf Hochhausdächern, an konventionellen Fassaden, in brachliegenden Gewerbeimmobilien oder einfach nur im Hinterhof ...
Überall wächst etwas ... mitten in der Stadt.

"Wir stehen hier vor der Containerfarm auf dem Gelände der Malzfabrik. Die Containerfarm besteht aus einem ausrangierten Schiffscontainer, und oben auf diesem Container steht ein Gewächshaus. Innen im Container ist eine Aquakultur, eine Fischzucht untergebracht, und obendrauf im Gewächshaus ist eine Hydroponic-Anlage, dort werden Gemüsepflanzen gezüchtet."

Die Containerfarm mit Fischzucht und Gewächshaus ist so etwas wie die Bonsaiausgabe eines ambitionierten Plans, den Christian Echternacht mit seinen Freunden verfolgt. Auf dem Dach einer ehemaligen Bierbrauerei in Berlin-Tempelhof wollen die vier in diesem Sommer ein 1800 qm großes Gewächshaus aufstellen, in dem nicht nur Gemüse gedeiht, sondern auch Tilapia-Barsche.

"Pro Jahr 24 Tonnen Fisch und 30 Tonnen Gemüse. Das ist dann erstmal eine große Stadtfarm mitten in Berlin. Wir brauchen 300 Abonnenten einer Gemüsekiste, um den Verkauf 100 Prozent zu gewährleisten."

Mitten in Berlin: Barsche schwimmen im Aquaponics-Becken (Pressefoto: © by ECF | Efficient City Farming Berlin)Mitten in Berlin: Barsche schwimmen im Aquaponics-Becken (Pressefoto: © by ECF | Efficient City Farming Berlin)Das alte Brauereigebäude scheint wie geschaffen für die Kombination von Gemüse- und Fischzucht. Fische rein in die vorhandenen Brauerei-Behälter, und Gewächshaus drauf aufs alte Ziegelsteingebäude. Das Ganze nennt sich "Aquaponics" und ist ein denkbar einfaches Prinzip:

"Die Fische düngen das Wasser für die Pflanzen.
Die scheiden über ihre Kiemen Ammonium aus, das Ammonium wird in einem Biofilter hier im System in nitratreiches Wasser umgewandelt, und das nitratreiche Wasser geht dann in einen zweiten Durchlauf, nämlich das wird verwendet für die Pflanzen, die eine Etage höher wachsen."

Oben im Gewächshaus schießen bereits die Tomaten- und Gurkenpflanzen in die Höhe – die Wurzeln hängen frei im Wasser, das in schmalen Rinnen fließt.

"Mangold, der wächst hervorragend, gelbe und grüne Zucchini, da oben soll bald mal eine Wassermelone wachsen, und dann haben wir noch verschiedene Chillis ausprobiert..."

Christian Echternacht nennt das, was hier passiert: "Efficient City Farming", und so heißt auch ihr Unternehmen. Ein Gegenentwurf zur konventionellen Landwirtschaft mit langen Transportwegen und Kühlketten, zu aromalosen Früchten, die unreif geerntet werden.

Aber auch ein Gegenentwurf zu allen noch verbliebenen romantischen Vorstellungen von Landwirtschaft oder "Urban Gardening". Hier geht es ums Geschäft.

Kein Bauer, sondern ein Ingenieur erntet beim Algenhaus auf der Internationalen Bauaustellung in Hamburg. Er erntet Algen, die in einer mit Wasser gefüllten Fassade wachsen. Es blubbert.

"Das sind eigentlich kleine Gewächshäuser, wenn man so will."

... sagt der Architekt Jan Wurm, der die so genannte "Bioreaktor"-Fassade mitentwickelt hat.

"Die Alge wächst und betreibt Photosynthese. Das heißt, sie nimmt CO2 aus der Umgebung auf, und hält das CO2 davon ab, zum Klimawandel beizutragen. Gleichzeitig ist die Alge eine Biomasse, eine erneuerbare Energie, die wir nutzen können, um sie in ein Biogas zu überführen."

Die Bioreaktorfassade erzeugt gleichzeitig Wärme und Biomasse. Die Biomasse muss vorerst noch außerhalb der Stadt in Biogas, also Energie, verwandelt werden.

"Diese ganzen Transportwege sind nicht gut für die Umwelt."

Man könnte sie prinzipiell aber auch vor Ort einsetzen – zum Beispiel für Fischfutter. Für die Fischzucht im Keller, die die Nährstoffe für das Gewächshaus auf dem Dach liefert. Dem Haus der Zukunft im Sinne des "Vertical Farming" käme man damit schon ziemlich nah. In einer solchen multifunktionalen Monstermaschine wäre Wohnen – wenn überhaupt vorhanden – nur noch ein Zweck von vielen.

Der holländische Expo-Pavillon in Hannover scheint für die Praxis allerdings untauglich. Er liegt seit 13 Jahren funktionslos im Dornröschenschlaf. Schade eigentlich.

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