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StartseiteHintergrundBig Brother auf dem Kutter26.05.2016

FischereiBig Brother auf dem Kutter

Nicht für alles, was im Netz eines Fischers landet, steht auch eine Quote zur Verfügung. Bislang wurde dieser sogenannte Beifang häufig zurück ins Meer geworfen. In Zukunft soll jedoch in allen Meeresgebieten der EU ein weitreichendes Rückwurf-Verbot gelten. Zur Kontrolle braucht man ein hochseetaugliches Überwachungssystem. Eine Revolution für den Alltag der Fischer.

Von Lutz Reidt

Kabeljau aus der Nordsee, aufgenommen auf einem Markt in Kopenhagen (picture alliance / dpa / Francis Dean)
Kabeljau ist ein Edelfisch und deshalb im Netz der Fischer hochwillkommen. (picture alliance / dpa / Francis Dean)
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40 Seemeilen vor Norwegens Küste ist die Welt für Cuxhavens Fischer noch in Ordnung. Seelachs und Kabeljau, Schellfisch und Seeteufel - die Schätze des Meeres warten in der Tiefe, um an Bord der "J. von Coelln” gehievt zu werden. 

Vor 24 Stunden hatte Kapitän Manfred Amling in Cuxhaven abgelegt, nun schaukelt der 40 Meter lange Kutter in norwegischen Gewässern rhythmisch im Takt, den Wind und Wellen vorgeben.

Käpt´n Amling blickt auf seinen Monitor auf der Kommandobrücke: Die Welt unter Wasser erscheint dort in einem Kaleidoskop, das seine Fangfreude wachsen lässt: Knallgrün der Meeresgrund, sattblau das Wasser, und - vor allem - überall winzige gelbe und rote Punkte:

"Jetzt fällt das Netz runter an den Grund. Hier ist alles voller Punkte. Sehen Sie das? Das sind Fische! Ich hoffe es. Der Fischer freut sich, wenn das welche sind. Aber das sind welche. Und jetzt muss ich Gas geben. Wenn ich jetzt keine Fahrt gebe, dann bleibt das Geschirr einfach hier so liegen. Wir wollen ja Fische fangen, wir wollen ja hier nicht angeln."

Langsam schwebt das Grundschleppnetz dem Meeresboden entgegen, gut hundert Meter ist es lang. Sobald es unten ist, lassen tonnenschwere Scherbretter zu beiden Seiten das riesige Maul des Netzes auseinander driften: Zwanzig Meter breit, fünf Meter hoch - für die Fische gibt es kein Entrinnen mehr:

"Ja, hauptsächlich fischen wir ja Seelachs. Das ist ein blauer Fisch. Dann fangen wir als Beifang - da haben wir ein bisschen Kabeljau, das ist ein Edelfisch, der sehr teuer ist. Aber da ist die Fischerei auch begrenzt mit, weil wir da nicht viel Quote von haben und dann haben wir noch ein bisschen Teufels. Das ist der Seeteufel. Ein sehr edler Fisch und sehr, sehr teuer, schmeckt sehr gut. Der hat zwei Drittel Kopf und ein Drittel Hinterteil. Das ist das Fleischstück, das sehr delikat ist."

Fischer Martin Lange schlachtet am 29.09.2011 mit einem Messer Dorsche. Mit seinem Kutter "FRE 34" läuft der Fischer derzeit jeden Tag bei Wind und Wetter von Barhöft bei Stralsund zum Dorschfang auf der Ostsee aus. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)Die Schätze des Meeres sollen auf den Tisch, die Bestände dabei aber nicht gefährdet werden. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
An Deck des Fischkutters freut sich Geschäftsführer Kai-Arne Schmidt über diese Art von Beifang. Die Cuxhavener Kutterfischer sind zwar vor allem auf Seelachs aus, - dafür hat die Europäische Union den deutschen Fischern eine stattliche Fangquote zugeteilt - aber an Bord ist auch jeder Kabeljau hoch willkommen. Und der kostbare Seeteufel - der erst recht:

"Es ist ein sehr hochwertiger Fisch, da gibt es natürlich ganz andere Preise. Aber das sind ja für uns alles Beifänge. Unsere Beifang-Quote ist ja insgesamt bei 1,5 bis 2 Prozent. Das heißt: 98 Prozent ist unsere Zielfischart Seelachs und die zwei Prozent teilen sich auf in Seeteufel, Seehecht, Kabeljau, Schellfisch, Blauling - also über die ganze Spezies, die wir da in der Nordsee haben. Das sind nachher, wenn wir über die Kilos reden der einzelnen Fischarten, nur einzelne Kilos."

Die Nordsee gilt als besonders beifanglastig

Wegen dieses geringen Beifanges gilt die Fischerei auf Seelachs als relativ "rein". Doch in der Nordsee ist so etwas die Ausnahme. Hier schwimmen viele verschiedene Fischarten in einem bunten Mix umher: Kabeljau mit Schellfisch und Wittling zum Beispiel. Oder auch Scholle mit Seezunge und Nordseekrabben. Die Nordsee ist besonders beifanglastig, bedauert die Meeresbiologin Stella Nemecky von der Naturschutzorganisation WWF in Hamburg:

"Hier werden viele Fischbestände zusammen gefangen. Was bedeutet, dass man längst nicht für all das, was man im Netz hat, am Ende auch Quote zur Verfügung hat und deshalb dann leider per Gesetz ein bisschen gezwungen wurde in der Vergangenheit, diesen unerwünschten Fang zurückzuwerfen, weil man ihn nicht anlanden durfte, wenn man dafür keine Quote zur Verfügung hat. Das ist durchaus leckerer, verzehrfähiger Fisch, entsprechend ist das auch die große Verschwendung."

Sogenanntes Anlandegebot bedeutet Wende

Doch damit soll Schluss sein: Was der Fischer fängt, muss er künftig auch in den Hafen mitbringen. Das sieht das "Anlandegebot" vor, das die Europäische Union seit Jahresbeginn 2015 stufenweise einführt und eine Wende in ihrer Fischereipolitik markieren dürfte. 

Denn bislang war es so: Wenn zum Beispiel ein englischer Nordseefischer eine gute Schellfisch-Quote zugeteilt bekommen hatte, aber keine für Kabeljau, musste er den mitgefangenen Kabeljau wieder über Bord werfen. Insoweit sehen sich die Fischer gern als Opfer einer verfehlten Fischereipolitik mit allzu starren Quotenregeln.

Doch auch die Fischer selbst ruinieren sich ihre Lebensgrundlage. Vor allem dann, wenn sie das eigentlich streng verbotene "High-Grading" betreiben: Fangen sie zum Beispiel zu viele junge und damit zu kleine Kabeljaue, dann fischen sie eben so lange, bis ihre Fangquote mit großem, erwachsenem Kabeljau endlich aufgefüllt ist. Die kleinen dagegen gehen über Bord - und damit auch der Fang von morgen und übermorgen. Denn meist sind diese "Rückwürfe" - die sogenannten "Discards" - nicht mehr überlebensfähig oder bereits tot:

"Insgesamt sind es in der Nordsee gut und gerne über 60 Prozent Beifänge in der Vergangenheit gewesen. Das sind relativ alte Zahlen, neue Zahlen stehen für die Beifänge in der Nordsee nicht zur Verfügung. Leider, das wird sich jetzt natürlich alles ändern: Im Rahmen des neuen Gesetzes wurde dieses sogannte Anlandegebot eingeführt. Im Zuge dessen wird sich natürlich eine Veränderung einstellen. Früher waren die Beifänge extrem hoch, mit ungefähr einer Millionen Tonnen."

Fang und Sortierung an Bord muss überprüft werden

Langfristig will die EU ein weitreichendes Discard-Verbot erreichen - also ein Verbot der Rückwürfe. Angefangen wurde damit beim Dorschfang in der Ostsee sowie in der Fischerei auf Schwarmfische wie Hering und Makrele. Bis zum Jahr 2019 soll dieses Verbot bei allen Fischarten und in allen Meeresgebieten der EU gelten. Und das - so fordert Stella Nemecky vom WWF - ohne Ausnahmen. 

Frisch entschuppte Heringe, aufgenommen bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein am 08.03.2016 am Strand des Ostseebads Zempin auf der Insel Usedom in Mecklenburg-Vorpommern.  (dpa / picture alliance / Beate Schleep)Frisch entschuppte Heringe (dpa / picture alliance / Beate Schleep)
Um dieses Verbot dann auch effizient zu kontrollieren, entwickeln Forscher im Auftrag der EU ein hochseetaugliches Überwachungssystem mit Kameras und Sensoren, das lückenlos aufzeichnet, was bei Fang und Sortierung der Fische an Bord der Kutter passiert. 

Olivgrün und grau getigert sind die Fische, die in einer schmalen Rinne aus Edelstahl auf dem Fließband zappeln: Kabeljau - frisch gefangen in der Nordsee, irgendwo zwischen Dänemark und Norwegen. An Bord der "Helgoland" werden sie jetzt sortiert. 

Christopher Zimmermann beobachtet die Prozedur in einem Video. Der Rostocker Fischereibiologe befindet sich nicht an Bord der "Helgoland", sondern sitzt an seinem Schreibtisch am Thünen-Institut für Ostseefischerei und schaut auf den Monitor:

"Man kann die Art erkennen: Das ist jetzt alles Kabeljau hier aus der Nordsee. Man sieht genau, was die Mannschaft macht. Man würde eben auch sehen, wenn sie einen untermaßigen Fisch unter den Tisch fallen lassen würden - was sie nicht dürfen, denn sie müssen die sammeln und auf die Quote anrechnen. Das sind die Bedingungen für diesen Versuch."

Große Veränderung für den Alltag der Fischer

Dieser Versuch hat Ergebnisse geliefert, die den Alltag der Fischer revolutionieren dürften. Online-Überwachung mit Kameras und Sensoren an Bord - das ist die Zukunft beim Fang auf Hoher See.

"Die Helgoland ist für einen Frischfisch-Kutter schon ein relativ großes Fahrzeug. Da reichen vier Kameras so gerade aus. Besser wären fünf oder sechs Kameras. Und wir wollen immer eine Übersicht über das Deck haben, damit wir wissen, was mit dem Netz passiert: Wann das Netz zu Wasser geht und wieder an Deck kommt? Und die anderen drei Kameras sind dann in der Regel auf die Verarbeitung gerichtet, denn da wird der Fisch sortiert und da würden diese sogenannten Discards, diese Rückwürfe, dann auch anfallen."

Das System wäre deutlich kostengünstiger als die Mitfahrt von Onboard-Observern - also von Kontrolleuren, die zum Beispiel auf kanadischen Kuttern während der gesamten Fangfahrt an Bord dabei sind. 

Und es wäre auch effizienter und billiger, als die bisherige Praxis in den Gewässern der Europäischen Union, nämlich die sporadische Kontrolle auf Hoher See durch Schiffe der nationalen Fischereiaufsicht: 

"So ist es. Und Sie sehen auch, dass wir an den Personen natürlich nicht interessiert sind. Das ist immer die größte Sorge der Fischer, dass wir die Fischer überwachen würden. Wir wollen die Fische sehen! Und deswegen sind hier auf diesen Videos auch bloß Hände oder höchstens mal Hosen oder Brustkörbe zu sehen, aber eben keine Gesichter."

Die "Helgoland" ist ein Fangschiff der "Erzeugergemeinschaft der Nord- und Ostseefischer" in Cuxhaven. Es war nicht schwer, den Geschäftsführer Kai-Arne Schmidt für das Kamera-Projekt zu gewinnen:

"Wir machen das seit vier Jahren, also schon lange vor dem Discard-Verbot - freiwillig! - weil wir halt sehen wollen: Was macht unsere Fischerei da draußen? Wo müssen wir uns verbessern? Wo haben wir Probleme? Es zeigt letztendlich für uns, für unsere Fischerei, dass wir mit unseren zur Verfügung stehenden Quoten keine Probleme haben, wir auch alles mitbringen und damit mehr als nachhaltig fischen."

Zwei von sechs Fangschiffen der Erzeugergemeinschaft nehmen am Versuch teil. An Bord ist jeweils ein dänischer und ein schwedischer Kapitän. Die deutschen Kutterführer jedoch - darunter auch Manfred Amling, der vor Norwegens Küste unterwegs ist - waren dazu nicht bereit. 

"Das war schwierig, weil natürlich - wer lässt sich gerne filmen auf der Arbeit? Wir kennen die Diskussion Lidl/Aldi, Überwachung der Mitarbeiter. Wir konnten da zwei Betriebe überzeugen, um letztendlich darzustellen, dass wir eine nachhaltige Fischerei betreiben."

Die "J. von Coelln" schaukelt in einer nasskalten Nacht auf den Wogen der Nordsee, wenige Seemeilen vor der norwegischen Küste. Kapitän Manfred Amling steht auf der Kommandobrücke und blickt nach hinten über das Arbeitsdeck aufs Meer. Im Lichtkegel der Scheinwerfer tanzen weiße Schaumkronen auf nachtschwarzer See. Dann wendet er seinen Blick aufs Deck: In drei Metern Höhe baumelt das Fanggeschirr im gleißenden Kunstlicht am Haken, prall gefüllt mit glänzenden Fischlaibern: blauschwarzer Seelachs vor allem, aber auch olivgrüner Kabeljau und vieles andere mehr.

Bunte Fischkisten stehen am 02.03.2016 im Fischereihafen von Sassnitz (Mecklenburg-Vorpommern).  (dpa / picture alliance / Jens Büttner)Fischkisten im Fischereihafen von Sassnitz. (dpa / picture alliance / Jens Büttner)
Zuckende, glitschige Leiber fallen durch die Einfüllluke in den Fischbunker unter Deck. Einige Fische dürften fast einen Meter groß sein, andere immerhin zwischen 40 und 80 Zentimeter. Jungfische sind kaum welche dabei. In norwegischen Gewässern müssen die Maschen mindestens 120 Millimeter weit sein, damit vor allem die großen Fische im Netz hängen bleiben. 

Stickig ist die Luft im Bauch des Fischkutters, zum Schneiden dick. Männer in blauen Overalls packen den Fang von heute auf zwei Fließbänder. Auf das linke kommt blauschwarzer Seelachs - die eigentliche Zielart also. Und auf dem rechten sortiert Kutterfischer Norbert Lindstedt fein säuberlich den Beifang:

"Das hier ist ein Steinköhler, das ist ein kleiner Seeteufel. Und das ist ein Wittling, Weißer Wittling. Dann gibt es auch wieder Blauen Wittling. Der Blaue Wittling wird gefischt für die Industrie, für Fischmehl von Nerzfarmen. Der Seehecht hier ist auch ein sehr guter Speisefisch, gut geeignet zum Kochen, zum Dünsten. Und hier: Plattfische kennt jeder: Seezunge, Rotzunge, Scholle. Da müsste man mal 100 Zentner von haben, dann haste ´ne dicke Reise."

Und dann landen da noch ein paar Schellfische auf dem rechten Band - mit weißgrauem Rücken und markantem schwarzen Aalstrich an der Flanke. Für die Briten ist der Schellfisch wichtig für ihren Klassiker: fish and chips.

Netze helfen Fischarten zu trennen

Dem Schellfisch in der Nordsee ging es über viele Jahre hinweg relativ gut, im Gegensatz zum Kabeljau, der sich erst langsam von der Überfischung der vergangenen Jahrzehnte erholt. Das Problem für die Fischer: Beide schwimmen gemeinsam im Wasser umher, die Fischer können den einen nicht ohne den anderen fangen. Deswegen wurde ein Netz entwickelt, das Schellfisch und Kabeljau bereits unter Wasser trennt: 

"Hier wird mit besonders großen Maschen in den Seiten und in den unteren Teilen des Netzes gearbeitet. Diese ermöglichen dem Kabeljau, der in Gefahrensituationen nach unten flieht, nach unten auszuweichen. Der Schellfisch würde das anders machen: Der flieht nach oben. Dort sind die Maschen weiterhin relativ klein gehalten. Er bleibt also im Netz. So hat man bei Testfahrten Reduktionen des Kabeljau-Beifanges von bis zu 84 Prozent erreichen können." 

Ein beachtlicher Erfolg - und das Ergebnis effizienter Verhaltensstudien in einem Gemeinschaftsprojekt von Fischern und Forschern in Rhode Island in den USA: Sie haben das unterschiedliche Fluchtverhalten von Schellfisch und Kabeljau unter Wasser studiert und die Netze daran angepasst: 

"Und auch Scholle: Untermaßige Scholle ist hier bis zu 40 Prozent weniger im Netz geblieben. Das bedeutet: Man hat hier wirklich mit klugen Netzen sehr, sehr viel erreichen können. Jetzt müssten die Fischer natürlich auch noch bereit sein, das Ding irgendwie zu benutzen."

Ein Fangnetz ist auf einem Fischkutter aufgehängt. (Jan-Martin Altgeld )Ein Fangnetz ist auf einem Fischkutter aufgehängt. (Jan-Martin Altgeld )
Und genau an dieser Bereitschaft hapert es. Obwohl bereits vor zehn Jahren kostenträchtig entwickelt, bleibt das Netz in der Asservatenkammer der Fischereiforschung. Und dies, obwohl die Europäische Union in ihrem Fischerei- und Meeresfonds Fördergelder für solche Neuerungen bereithält. Viele Fischer scheuen offenbar den bürokratischen Aufwand, der mit der Vergabe solcher Mittel verbunden sei, bedauert Stella Nemecky vom WWF.

Doch am Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock ist Christopher Zimmermann überzeugt: Das Anlandegebot – also der Zwang, alles in den Hafen mitzunehmen, was gefischt wird -  dürfte künftig jenen Fischern helfen, die Neuerungen gegenüber aufgeschlossen sind:

 "Das heißt, der Fischer erhält nun einen Anreiz, nur noch das zu fischen, was er wirklich haben möchte. Und da kann die Fischereitechnik wirklich sehr hilfreich sein, weil wir da noch lange nicht am Ende sind, was die Möglichkeiten angeht, Fische unter Wasser zu sortieren. Und nur da macht es Sinn, denn bisher habe ich möglichst viele Fische gefangen, an Deck gebracht, da sortiert. Die, die ich nicht haben wollte, über Bord geschmissen, die waren in den meisten Fällen tot. Wenn ich es also schaffe, die unter Wasser zu selektieren, dann haben die eine sehr, sehr gute Überlebenschance."

Christopher Zimmermann blickt noch einmal auf seinen Monitor, um die Fangfahrt der "Helgoland" zu rekonstruieren. Auf einer tiefblauen elektronischen Meereskarte der Nordsee lässt sich der Weg des Kutters im Nachhinein minutiös verfolgen: 

Vor gut einer Woche hat die Helgoland den dänischen Fischereihafen Hanstholm verlassen. Kurs: Nord-Nord-Ost, zu den reichen Fischgründen vor der norwegischen Küste. Hier hat die Crew an verschiedenen Stellen ihre Netze zu Wasser gelassen: 

"Das sind hier ein, zwei, drei, vier Hols. Die sind dann weiter gedampft, dann waren die ersten drei Tage dann vorbei. Und wenn wir uns die ganze Woche angucken, dann stellen wir fest, dass sie noch eine weitere Position vor Süd-Norwegen hatten und dann fast bis zu den Shetland-Islands gedampft sind, also in die Europäische Zone. Auch da wieder drei oder viel Hols gemacht haben und dann hatten sie noch zwei weitere Punkte auf dem Nachhauseweg, bis sie dann genau nach einer Woche wieder in Hanstholm angekommen sind."

Jedes Positionsfähnchen auf der Karte markiert eine Fangstation. Ein Mausklick darauf genügt, und schon erscheint ein Kommentarfeld mit den Koordinaten des Fanges, die über GPS automatisch erfasst werden und mit der Option, ein Video anzuklicken. 

Alle Fänge sollen auf die Quote angerechnet werden

Haargenau! Wir kriegen immer genau zu der richtigen Position die Aufnahmen von den vier Videokameras, wenn da irgendwas zu sehen ist. Und natürlich ist beim Aussetzen des Netzes erst mal noch gar nichts zu sehen, weil da passiert ja nichts - außer, dass das Netz ins Wasser geht. Der Teil, der uns eigentlich interessiert, ist dann das An-Bord-Kommen des Netzes und die Aufarbeitung des Fangs. Denn wir wollen ja überprüfen, was an Beifängen anfällt und ob irgendwelche Beifänge vielleicht nicht auf die Quote angerechnet werden. Denn das ist das Ziel: Alle Fänge sollen auf die Quote angerechnet werden - und das wollen wir mit den Videos kontrollieren."

Aufgrund der Datenfülle muss das Material so aufbereitet sein, dass die Fischereiaufsicht mit wenigen Mausklicks Stichproben sichten kann. Bereits während des Fanges übermittelt der Kapitän von See aus wichtige Grunddaten online an die Fischereibehörden am Festland. 

Sobald der Kutter seinen Fang anlandet, sammeln die Kontrolleure die Festplatten ein und werten das Material aus. Das Ganze gleicht der Kontrolle einer Tachoscheibe auf dem Fahrtenschreiber eines LKW, nur sind die Informationen sehr viel detailreicher. 

Eine stichprobenhafte Überwachung auf hoher See - zum Wohle der Fischbestände, und auch zum Wohle einer möglichst nachhaltigen Fischerei.

Fischfangschiffe im Hafen von Texel, Niederlande (imago / blickwinkel)Fischfangschiffe sollen mit Kameras ausgestattet werden. (imago / blickwinkel)

Videokameras und Sensoren für eine Überwachung beim Fische fangen. Das hat Manfred Amling gerade noch gefehlt an Bord seiner J. von Cölln. Vielleicht noch eine elektronische Fußfessel, damit jeder Schritt und Tritt des Kapitäns an Deck verfolgt werden kann, schimpft er.

Nicht mehr mit ihm. Im Sommer geht er in den Ruhestand. Diese schöne, neue Welt der Fischerei bleibe ihm erspart.

Seine einwöchige Fangreise neigt sich dem Ende zu. Schemenhaft erkennt er im Morgendunst die dänische Küste vor dem Bug der "J. von Coelln":

Der Kapitän meldet seinen Kutter beim Hafenmeister von Thyborön an, einem kleinen Fischereihafen im Nordwesten von Dänemark. 

45 Tonnen Seelachs liegen im Bauch des Schiffes auf Eis, dazu etwas Kabeljau, Seeteufel und vieles andere mehr. Fein säuberlich nach Art und Größe sortiert in stapelbaren Plastikkisten, so genannten "tups". Zwei Kühl-Lkw aus Cuxhaven stehen bereits am Pier, um den Fisch in Empfang zu nehmen. 

 "Ja, wir werden jetzt ranfahren nach Thyborön, und werden 150 tups á 300 Kilo nach Hause schicken. Ich meine, für diese kurze Zeit und bei diesem schlechten Wetter ist das nicht schlecht. Nun soll der Fisch ja auch frisch nach Hause kommen. Die Hausfrauen mögen ja gerne frischen Fisch. Und dann wollen wir das auch so beibehalten."

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