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StartseiteForschung aktuell"Damit verfehlen Meeresschutzgebiete komplett ihren Sinn"21.12.2018

Fischerei mit Grundschleppnetzen"Damit verfehlen Meeresschutzgebiete komplett ihren Sinn"

Ausgerechnet in Gegenden, die bedrohten Arten als Refugium dienen sollten, wird am intensivsten gefischt - das zeigt eine aktuelle Studie im Fachblatt Science. Die zuständigen Politiker müssten endlich ihren Widerstand gegen echte Schutzmaßnahmen aufgeben, sagte der Biologe Rainer Froese im Dlf.

Rainer Froese im Gespräch mit Arndt Reuning

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Fischer auf dem Greifswalder Bodden (picture alliance / dpa / Foto: Jens Büttner)
Europäische Fischer dürfen in Schutzgebieten fischen - und sind bislang sogar darauf angewiesen, um ihre Fangquoten auszuschöpfen. (picture alliance / dpa / Foto: Jens Büttner)
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Arndt Reuning: Vorgestern haben die EU-Fischereiminister die Nordsee-Fangmengen für das kommende Jahr festgelegt. Deutsche Fischer dürfen demnach 2019 deutlich weniger Hering und Kabeljau fangen als bisher. Dieser Einschnitt bei den Quoten soll die Nachhaltigkeit des Fischfangs gewährleisten. Den Beständen soll Zeit gegeben werden, damit sie sich erholen können. Eine wichtige Rolle dabei spielen die Meeresschutzgebiete - als eine Art Refugium für die dezimierten Fischarten. Nun aber berichtet ein deutsch-kanadisches Forscherteam im Fachmagazin Science, dass die europäischen Schutzgebiete diese Funktion nicht unbedingt erfüllen. Einer der Autoren der Studie ist Dr. Rainer Froese vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Von ihm wollte ich wissen, wie es steht um den Fischfang in europäischen Meeresschutzgebieten. 

Rainer Froese: Ja leider steht es um den Fang gut, aber leider um die bedrohten Tiere nicht so gut. Es ist so, dass in unseren Schutzgebieten nach wie vor gefischt wird, und zwar auch mit Grundschleppnetzen. Das sind sehr große, zerstörerische Netze, die über den Meeresboden geschleppt werden und quasi alles, was in ihrem Weg gerät, naja - plattmachen wäre ein sehr einfacher Ausdruck.

Reuning: Und sie haben in ihrer Studie nun quantifiziert, in welchen Gebieten und in welchem Ausmaß diese Fischerei stattfindet?

Froese: Wir haben mithilfe von Satellitendaten den Fischereiaufwand ausgewertet in über 700 Schutzgebieten in ganz Nordeuropa. Dabei stellt sich heraus, dass in etwa 60 Prozent der Schutzgebiete Grundschleppnetzfischerei betrieben wird. Und was uns auch überrascht hat, die Fischerei in den Schutzgebieten ist noch stärker, noch intensiver, also mehr Schlepperei pro Stunde als außerhalb. Damit verfehlen die Schutzgebiete komplett ihren Sinn. Da muss dringend etwas geändert werden.

Reuning: Das heißt, diese Schutzgebiete existieren zum großen Teil nur auf dem Papier?

Froese: Das ist richtig, sie sind eingerichtet worden zunächst ohne etwas durchzusetzen - mit der Hoffnung, dass man in kommenden Jahren dann nach und nach Schutz einführen würde. Das ist aber leider blockiert worden von den Landwirtschaftsministern, die für Fischerei zuständig sind. Sie verhindern im Grunde alles, was Grundschleppnetzfischerei oder andere Fischerei in Schutzgebieten einschränkt.

"Fischerei in Schutzgebieten ist leider legal"

Reuning: Ich habe noch nicht ganz verstanden, ist denn der Fischfang in diesen Schutzgebieten eigentlich verboten, also wurde hier illegal der Fisch aus dem Wasser gezogen?

Froese: Fischerei in Schutzgebieten in Europa ist leider legal. Es gibt ganz wenige Gebiete, ganz kleine Gebiete, wo jede Fischerei per Gesetz ausgeschlossen ist. In der ganz überwiegenden Zahl der Schutzgebiete ist Fischerei gesetzlich erlaubt und die Fischer dürfen dort ihre Quoten ausfischen.

Reuning: Und können Sie sich das erklären, warum viele dieser Schutzgebiete von der Schleppnetzfischerei offenbar stärker betroffen sind als die nicht geschützten Bereiche?

Froese: In den Schutzgebieten finden wir eine Vielzahl von Arten, weil die ganz bewusst so ausgewählt wurden, dass viele Arten geschützt werden. Wir haben also Strukturen am Meeresboden, wir haben Reste von Riffen, wir haben da Seegraswiesen, wir haben anderes, wir haben Wattenmeer, also Gebiete in denen viele Tiere vorkommen. Und natürlich zieht es auch die Fischer an.

Bedrohten Arten geht es außerhalb der Schutzgebiete besser

Reuning: Und sie haben sich auch angeschaut, was die Schleppnetzfischerei in den Schutzgebieten für die Fische dort bedeutet anhand der Bestände von Haien und Rochen als eine Art Indikator. Was haben Sie dabei entdeckt?

Froese: Die europäischen Forschungsinstitute führen sogenannte Forschungsfischereien durch. Dabei wird mit standardisierten Geräten an zufällig ausgewählten Stationen für eine halbe Stunde gefischt und dann genau ausgewertet, was im Netz ist. Mit dieser Methode kann man dann hochrechnen, wieviel Tiere in einem Gebiet vorkommen. Stellt sich heraus, dass in den Schutzgebieten weniger bedrohte Haie und Rochen vorkommen als außerhalb. Die Gebiete scheinen hier ihren Zweck nicht zu erfüllen, und die Grundschleppfischerei sehr wahrscheinlich führt dazu dass weniger Haie und Rochen, und das sind bedrohte Arten, in den Schutzgebieten vorkommen als außerhalb.

Reuning: Vor diesem Hintergrund - was erwarten Sie von der Politik?

Froese: Die Politik brüstet sich im Grunde in internationalen Foren damit, dass in Europa fast 30 Prozent der Meeresfläche geschützt sind, als Schutzgebiete ausgewiesen sind. Es kann aber nicht angehen, dass in diesen Gebieten mehr bedrohte Arten ums Leben kommen als außerhalb. Das sind dann keine Schutzgebiete. Hier muss dringend nachgebessert werden. Im Grunde müssen die Landwirtschaftsminister endlich ihren Widerstand gegen echte Schutzmaßnahmen in Schutzgebieten aufgeben.

EU-Fischereipolitik hat ein Umsetzungsproblem

Reuning: Die EU-Fischereiminister haben ja für das kommende Jahr die Fangmengen drastisch reduziert, wie sie vorgestern bekannt gegeben haben. Reicht das denn Ihrer Meinung nach aus, um die Fischbestände vor unseren Küsten zu stabilisieren oder sogar wieder wachsen zu lassen?

Froese: Wir haben ja eine sehr gute gemeinsame Fischereipolitik, die von Frau Damanaki, als die noch Kommissar war, eingeführt und durchgesetzt wurde. Diese Fischereipolitik, die neue, sieht vor, dass ab 2015 keine Überfischung mehr stattfinden soll; allerspätestens ab dem Jahr 2020. Leider ist es aber so, dass immer noch etwa 40 Prozent der Bestände in nordeuropäischen Gewässern überfischt werden. Das sind die Zahlen der Europäischen Kommission. Also es gibt ja noch viel nachzubessern, und gerade dem Kabeljau geht es ja nach wie vor nicht gut in der Nordsee, und dass man überhaupt Fischerei auf ihn zulässt in relativ hohem Maße ist eigentlich nicht in Ordnung. In anderen Ländern, etwa USA oder Australien wird die Fischerei auf Kabeljau bei diesem Bestand eingestellt. Bei uns wird weiter gefischt, wenn auch in geringerem Maße, das ist gut.

Reuning: Wie sieht es denn aus aufseiten der Fischer, sind die darauf angewiesen, in diese Gebiete vorzudringen und dort Fischfang zu betreiben?

Froese: Man muss ehrlicherweise sagen, dass in den letzten Jahren oder auch Jahrzehnten die Fischer darauf angewiesen waren, überall zu fischen, um ihre Quoten, also die erlaubten Fänge überhaupt ausfischen zu können. Sie mussten also auch in Gebieten wie Schutzgebieten fischen, um ihre Quote zu erreichen. In vielen Fällen haben die Fischer gar nicht so viel Fisch fangen können, wie ihnen erlaubt worden ist. Wenn allerdings wir endlich ernst machen, und die gute gemeinsame Fischereipolitik umsetzen, die wir jetzt haben, es ist also ein Umsetzungsproblem, dann wachsen die Bestände und dann sind die Bestände so groß, dass man die erlaubten Fänge auch leicht außerhalb der Schutzgebiete erzielen kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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