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StartseiteSprechstundeFit und gesund?18.03.2003

Fit und gesund?

Zwei Studien analysieren die Gesundheit von Vegetariern

<strong>Diabetes Typ II, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Darmkrebs - das Risiko, an einer solchen Krankheit zu leiden, lässt sich durch die entsprechende Ernährung drastisch reduzieren. Inwieweit das möglich ist, das wurde auf dem diesjährigen wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährung heftig diskutiert . Ein Thema unter anderem : die vegetarische Ernährung, wobei Vegetarier ja nicht gleich Vegetarier ist. Manche verzichten auf Fleisch und Fisch; einige essen keine Milch- und Milchprodukte oder Eier. Nicht zuletzt gibt es auch den "moderaten Vegetarier", der hin und wieder Fleisch zu sich nimmt. Am konsequentesten sind die Veganer, denn sie verzichten auf alle Lebensmittel, die vom Tier stammen.</strong>

Volker Mrasek

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Ernährungswissenschaftler wie Claus Leitzmann, bis vor kurzem Professor an der Uni Gießen:

Viele Menschen glauben: Wenn einer Vegetarier ist, lebt und isst er gesünder. Das ist aber nicht automatisch! Wir stellen immer wieder fest, dass auch Vegetarier Fehler machen und dann schlecht ernährt sind. Und wenn man dann wichtige Nährstoff-Lieferanten wie Fleisch, Käse, Fisch, Eier weglässt, dann kann es eher schlechter werden.

Das war auch die Sorge vor Beginn der "Deutschen-Vegan-Studie". Leitzmann und andere Forscher wollten wissen, ob es nicht gerade den strengsten Vegetariern an Nährstoffen mangelt. Neun Jahre später das Ergebnis:

Also, wir stellen fest, dass die Veganer doch eine Risikogruppe darstellen. Der überwiegende Teil ist im grünen Bereich, um das 'mal salopp zu sagen, bei fast allen Nährstoffen. Es ist immer wieder das Vitamin B12, das Eisen, und gelegentlich auch Kalzium. Das sind also die kritischen Nährstoffe. Aber: Wenn diese Menschen nicht ganz die offiziellen Empfehlungen erreichen, bedeutet es nicht, dass sie wirklich mangelversorgt sind. Denn was viele nicht genügend berücksichtigen, ist die Tatsache, dass alle offiziellen Empfehlungen sehr große Sicherheitszuschläge haben.

Klinische Krankheits-Symptome seien jedenfalls bei keinem der rund 150 Studienteilnehmer aufgetreten, sagt Leitzmann.

Im Fall von Eisen ist die Situation noch am kritischsten. Das Mineral wird benötigt, um wichtige Körper-Enzyme und den Blutfarbstoff Hämoglobin mit aufzubauen. Hier sollten vor allem Veganerinnen aufpassen. Das empfahl Annika Waldmann auf dem Potsdamer Fachkongress. Dort zog die Ernährungswissenschaftlerin von der Universität Hannover jetzt die Schlussbilanz der Vegan-Studie:

Was uns erschreckt hat, war dieser dramatisch hohe Anteil an Frauen mit einem Eisen-Mangel. Man geht im Moment davon aus, dass in Deutschland zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter von einem Eisen-Mangel betroffen sind. Bei unseren Daten sind 40 Prozent aller jungen Veganerinnen unter 50 von einem Eisen-Mangel betroffen [in unserem Kollektiv]. Das liegt bei den jüngeren Frauen um den Faktor 4 höher.

Paradox erscheint dabei zunächst: Veganerinnen nehmen mit ihrer Kost durchaus viel Eisen auf. Die meisten sogar mehr, als empfohlen wird. Doch ihr Körper kann es nicht so gut aufnehmen oder "resorbieren" wie Eisen aus tierischen Lebensmitteln. Das liegt an unterschiedlichen chemischen Bindungsformen. Daher die vielen Fälle von Eisen-Mangel bei den untersuchten Veganerinnen ...

... so dass wir grundsätzlich empfehlen: Haben Sie Bedenken, fühlen Sie sich müde, abgeschlagen? Gehen Sie bitte zu Ihrem Hausarzt, Ihrer Hausärztin! Überprüfen Sie den Eisen-Status und supplementieren gegebenenfalls.

"Supplementieren" - das bedeutet: zusätzlich zur Nahrung sollten junge Veganerinnen Eisen-Tabletten schlucken. Insbesondere jene Frauen, die starke Monatsblutungen haben. Dabei geht dem Körper viel von dem Mineral verloren. Wer partout nichts von Eisen-Pille oder Eisen-Zusatztrunk hält, für den hat Claus Leitzmann einen anderen Tipp parat:

Dass man genügend Vitamin C aufnimmt. Das machen Veganerinnen durch die pflanzliche Kost natürlich in vielen Fällen. Aber es würde sich dann lohnen, gezielt zum Beispiel Zitrusfrüchte, Zitrussäfte - Apfelsinensäfte und so weiter - mit den Mahlzeiten zu verzehren. Dadurch wird die Eisen-Resorption verbessert.

Schwarzen Tee zum Essen sollte man dagegen meiden. Denn seine Gerbstoffe behindern die Aufnahme von Eisen im Körper.

Bleibt noch der Experten-Ratschlag in Sachen Vitamin-B12-Defizit: Dem könnten Veganer vorbeugen, indem sie Hefe-Produkte in ihren Speiseplan aufnehmen. Die enthalten viel von dem sonst nur in tierischen Lebensmitteln vorkommenden B-Vitamin.

Was bleibt für Claus Leitzmann, selbst moderater Vegetarier, als Fazit der Vegan-Studie?

Also, ich würde nicht den Veganismus empfehlen. Ich würde empfehlen den Vegetarismus, als Variante mit einmal Fleisch, einmal Fisch pro Woche. Das scheint nach unseren Beobachtungen und den wissenschaftlichen Daten, die vorliegen, fast ideal zu sein. "

Eine Bestätigung dafür liefert jetzt auch das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Dort läuft eine Langzeit-Studie mit Vegetariern. Die Ernährungswissenschaftlerin Silke Hermann hat sie nach 21 Jahren jetzt ausgewertet. Es ging um die Frage, ob eine pflanzliche Ernährung das Sterbe-Risiko verringert.

Das ist tatsächlich der Fall, wie die Daten zeigen. Demnach sind tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen unter Vegetariern deutlich seltener als in der Allgemeinbevölkerung:

Bei unserer Studie zeigt es sich so, dass die besten Werte bei den Personen sind, die gelegentlich Fleisch oder Fisch verzehren ...

... und ... die nicht rauchen und viel Sport treiben. Auch das ist bei Vegetariern die Regel: ein bewußterer Lebensstil, könnte man sagen.

Darf man also folgern, dass Vegetarier länger leben? Silke Hermann will es 'mal so ausdrücken:

... dass sie vor allem länger gesund bleiben.

Beitrag als Real-Audio

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