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StartseiteEuropa heute"Ich denke, heutzutage muss man nichts mehr rechtfertigen"15.11.2019

Flamenco-Trio ohne Gitarre"Ich denke, heutzutage muss man nichts mehr rechtfertigen"

Die einen verkünden regelmäßig das Ende des Flamenco, wenn fremde Elemente hinzukommen. Andere glauben, dass er gerade durch seine stilistische Ausweitung überlebt - zu ihnen gehört auch das Camerata Flamenco Project, das Jazz und Klassik hinzufügt.

Von Hans-Günter Kellner

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Das Trio Camerata Flamenco Project posiert in schwarzen Anzügen vor einer roten Wand (Deutschlandradio / Hans-Günter Kellner)
Spielen Flamenco auf eher unkonventionelle Weise, mit Cello, Klavier und Blasinstrumenten: das Camerata Flamenco Project (Deutschlandradio / Hans-Günter Kellner)
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Es ist einer der letzten heißen Sommerabende. Langsam treffen die Zuschauer in der Villa in einem Madrider Vorort ein, in dem Camerata Flamenco Project an diesem Abend auftritt. Pianist Pablo Suárez und Cellist José Luis López entspannen sich vor dem Auftritt noch beim alkoholfreien Bier im Garten. Ramiro Obedman, der Saxophon und Querflöte spielt, unterhält sich mit seiner Tochter.

Piano, Cello, Querflöte - mit diesen Instrumenten ist Camerata Flamenco Project nicht unbedingt eine klassische Flamenco-Formation. Die Gitarre fehlt ganz.

"Ich denke, heutzutage muss man nichts mehr rechtfertigen. Aber gut, wer Flamenco mit Mondportraits, Rüschenröcken und Gitarrenklängen assoziiert, benötigt vielleicht eine Erklärung", kommentiert Pianist Pablo Suárez.

"Es gibt Leute mit sehr stereotypen Vorstellungen. Für die ist alles ohne Gesang und Gitarre kein Flamenco", ergänzt Cellist José Luis López ein wenig aufgebracht.

"Wenn ich schon diese Holzstühle mit Strohbespannung sehe! Ich protestiere sofort. Ich will einen Konzertsitz. Wer sich auf so ein altes Relikt aus den Flamenco-Cafés setzen möchte, bitte, aber ich nicht."

"Das Klavier ist kein Partyinstrument"

Die Rollen im Team sind gut verteilt, Ramiro Obedman ist schweigsam, der etwas kleinere, dafür kräftigere José Luis López hingegen temperamentvoll. Er kam erst mit 22 Jahren zum Flamenco, nach einer klassischen Cello-Ausbildung. Der große Pablo Suárez mit seinen schwarzen Locken ist der ruhende Pol und der Gitano der Formation. Er ist in Barcelona in einer großen Familie aufgewachsen, der Flamenco war immer präsent:

"Wir waren sehr, sehr viele. Inzwischen sind einige gestorben. Aber eine gewisse Zeit lang waren wir eine sehr große Familie. Es gab immer einen Grund, sich zu treffen, irgendjemand hatte immer Geburtstag. Und zu feiern bedeutete, Musik zu machen. Das war kein professioneller Flamenco, nur Rumbas, Tangos, Bulerías", denkt er mit ein wenig Wehmut an diese Zeit zurück. Diese Fiestas begleitete er lieber auf dem Cajón.

"Ich kann kein Klavier auf einer Party spielen. Ich weiß nicht warum. Nicht so, wie ich das Klavier verstehe, das ist kein Partyinstrument. Es gibt Spezialisten dafür, die das gut können. Ich will das nicht."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Flamenco - Identität und Gefühl".

In ihrer Absage an musikalische Konventionen haben die Drei den Flamenco nicht nur zum Jazz geführt, sondern auch zur Klassik. Besonders stolz ist das Trio auf seine jüngste Produktion, eine faszinierende Bearbeitung der Symphonie "Der Liebeszauber" von Manuel de Falla – eigentlich ein klassischer Komponist, der jedoch in Granada lebte und den Flamenco-Musikern dort aufmerksam zuhörte.

Vor einem Konzert in Helsinki trafen sie zufällig auf Dima Slobodeniouk, den damaligen Direktor des dortigen Avanti Chamber Orchestra. Er schlug einen gemeinsamen Auftritt vor. Gesagt getan, erzählt José Luis begeistert:

"Die Musiker des Orchesters waren wunderbar. Wir schlugen vor, eine Suite zu spielen, und für die Überleitungen sagten wir ihnen, sie sollten mit den Händen im Takt einer Seguiriya zu klatschen, einer Variante des Flamenco. Diese Musiker sahen unglaublich glücklich dabei aus. Sie hatten noch nie mit den Händen Musik gemacht, und jetzt machten sie Flamenco."

Trotz allem: Flamenco bleibt Flamenco

Na ja, es hörte sich nicht unbedingt nach Flamenco an, scherzt Pablo Suárez. Aber der Auftritt in Helsinki war so erfolgreich, dass im nächsten Jahr auch eine Zusammenarbeit mit dem Berlin Opera Chamber Orchestra geplant ist. Der Flamenco nimmt somit nicht nur internationale Einflüsse auf, sondern ist längst ein internationales Projekt. Aber eines ist Pianist Pablo Suárez bei aller Experimentierfreude wichtig: Flamenco bleibt Flamenco.

"Viele Leute machen Flamenco, der sich aber nicht nach Flamenco anhört. Da wird irgendein Standardthema des Jazz genommen und zum Takt von Bulerías gespielt. Das ist kein Flamenco und kein Jazz, das ist gar nichts. Da wird ein Rhythmus benutzt und ein Thema. Aber das bringt nicht die musikalischen Sprachen, die Kulturen zusammen."

Die Zuschauer haben es sich Wohnzimmer der Villa gemütlich gemacht, das Trio betritt die Bühne.

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