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StartseiteInterviewFlasbarth: Erneuerbare Energien "ein guter und günstiger Weg"02.11.2012

Flasbarth: Erneuerbare Energien "ein guter und günstiger Weg"

Präsident des Umweltbundesamtes hält soziale Lasten der Energiewende für zumutbar

"Es gibt keine billige Energieversorgung", sagt Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamtes. Die fossilen Energiepreise würden langfristig steigen, deshalb sei die Wende zu regenerativen Energien richtig - auch wenn dies die Stromkosten kurzfristig erhöhe. Hier gelte es sozial gegenzusteuern.

Jochen Flasbarth im Gespräch mit Christine Heuer

Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes (Umweltbundesamt)
Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes (Umweltbundesamt)
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Christine Heuer: An den Gedanken, dass mittlerweile fast alle in Deutschland für den Ausstieg aus der Atomenergie sind, haben wir uns gewöhnt. Das Ende der Atomkraft ist beschlossen und seitdem das so ist, wird über die Alternativen gestritten. Wie viel Strom aus Erneuerbaren darf’s denn sein, wenn der Ökostrom doch subventioniert werden muss und dafür auch noch im Wesentlichen Privatverbraucher und kleine Betriebe geradestehen müssen, weil die wirklich energieintensiven Unternehmen praktisch von der Ökostromumlage befreit sind? Umweltminister Peter Altmaier möchte den Ausbau der Erneuerbaren wegen der hohen Strompreise inzwischen deckeln, die meisten Bundesländer haben sich aber längst auf einen massiven Ausbau eingestellt. Heute treffen sich alle Beteiligten zum Energiegipfel im Kanzleramt.

Am Telefon ist Jochen Flasbarth, er ist Präsident des Umweltbundesamtes - das ist eine nachgeordnete Behörde des Bundesumweltministeriums – und er war früher viele Jahre lang Präsident der Naturschutzorganisation Nabu. Guten Tag, Herr Flasbarth.

Jochen Flasbarth: Ja schönen guten Tag, Frau Heuer.

Heuer: Haben wir schon genug erneuerbare Energien in Deutschland?

Flasbarth: Wir haben jedenfalls erfreulich viel erneuerbare Energien. Wir haben im ersten Halbjahr diesen Jahres erstmals 25 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien im Netz gehabt. Das wäre vor Jahren noch für völlig undenkbar gehalten worden. Also insofern sind wir in einer guten Entwicklung. Aber wir haben das Ziel, bis zur Mitte des Jahrhunderts 80 bis 100 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien zu decken. Das heißt, es liegt auch noch ein gutes Stück vor uns.

Heuer: Ist denn dieses Ziel zu erreichen, wenn Peter Altmaier wie geplant den Ausbau wegen der hohen Kosten deckelt?

Flasbarth: Welche Instrumente dafür geeignet sind, jetzt den Ausbau der erneuerbaren Energien vernünftig voranzutreiben und gleichzeitig die Kosten im Griff zu halten, das wird ja gerade von den Ministerpräsidenten auch mit der Bundeskanzlerin diskutiert. Ich würde den Akzent anders setzen in Beantwortung Ihrer Frage: Wir werden nicht Schwierigkeiten haben, das Ziel der Bundesregierung, 35 Prozent bis 2020, zu erreichen und wahrscheinlich auch deutlich zu übertreffen, eher über 40 Prozent zu liegen. Das ist also nicht mehr unser Problem, das ist technisch machbar und darauf läuft alles hinaus. Jetzt ist die Aufgabe, dies auch so zu gestalten, dass möglichst viel von diesem Strom, der da produziert wird, auch genutzt werden kann, damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen.

Heuer: Da sind wir dann beim Netzausbau.

Flasbarth: Genau!

Heuer: Und da leisten ja die Netzbetreiber nicht genug. Es gibt heute den Vorschlag von Torsten Albig, nicht von Torsten Albig, sondern von Volker Bouffier, dem hessischen Ministerpräsidenten, doch diesen Ausbau ruhig in staatliche Hand zu legen.

Flasbarth: Ja ich glaube, es war doch Herr Albig.

Heuer: Richtig.

Flasbarth: Aber dieser Vorschlag ist von verschiedener Seite gekommen. Die Frage, inwieweit der Staat sich an Netzen beteiligt, ist eine, die das Umweltbundesamt nicht vorrangig bearbeitet. Wir sehen jedenfalls, dass der Netzausbau natürlich der Schlüssel dafür ist, den Strom möglichst gut zu nutzen. Es gibt andere Schlüssel, wie zum Beispiel das Lastmanagement, also die Nachfragespitzen in die Angebotsspitzen hineinzudrücken. Das kann man in vielen Industrieunternehmen gestalten, da muss man nicht zu einer ganz bestimmten Zeit produzieren, sondern man kann die Produktion auch zeitlich steuern. Das alles sind Dinge, die jetzt auf den Weg gebracht werden müssen. Und was den Netzausbau angeht, da muss ich sagen: Wir sind, auch wenn es noch jetzt an einigen Trassen akut mangelt, doch in dem Prozess des Trassenausbaus deutlich weiter. Die Netzagentur hat die Planungen vorgelegt, das geht beschleunigt voran. Aber wer geglaubt hat, letztes Jahr beschließen wir die Energiewende und am nächsten Tag stehen da neue Netze, der war wohl auch etwas naiv.

Heuer: Aber der Ökoausbau ist teuer. Viele Verbraucher ächzen unter den hohen Kosten. Wie kann man denen helfen? Ist das nicht ein Anlass, die Subventionen für große Unternehmen zu drosseln?

Flasbarth: Wichtig ist die Erkenntnis, dass es keine billige Energieversorgung gibt. Jeder, der das behauptet, macht den Menschen etwas vor. Wir haben steigende Gas- und Ölpreise, wir haben insgesamt auf lange Sicht steigende fossile Energiepreise zu erwarten. Deshalb ist die richtige Strategie, auf erneuerbare Energien umzuschwenken. Das wird in der Zwischenzeit schon auch zu einer leichten Erhöhung der Energiepreise im Stromsektor führen, das haben wir im Augenblick. Da muss man sozial gegensteuern, damit niemand durchs Netz fällt. Das ist Aufgabe auch der Sozialpolitik. Aber das werden keine unzumutbaren Lasten für die Gesellschaft sein.

Heuer: Aber wenn man die Subventionen für große Unternehmen zumindest drosselt – die zahlen ja jetzt praktisch nichts für diesen Ökostrom -, dann hätte das doch aus Umweltgesichtspunkten auch den Vorteil, dass die großen Konzerne vielleicht doch noch stärker in Energiesparmaßnahmen investieren würden.

Flasbarth: Das Umweltbundesamt hat immer dafür plädiert, dass diese Sonderkonditionen auf diejenigen beschränkt werden, die hauptsächlich in einem scharfen internationalen Wettbewerb stehen und ansonsten durch die Energiepreise aus unserem Land vertrieben würden. Das kann niemand wollen, das ist auch für die Umwelt nicht sinnvoll. In einem solchen Kreis sollte es aber bleiben, sodass man etwas begrenzen könnte. Man darf aber auch nicht die Illusion auslösen, dass, wenn man das tut, damit die Verbraucher besonders stark entlastet würden. Es bleibt ein gewichtiger Kern an Unternehmen, die richtigerweise Sonderkonditionen erhalten, weil sie ansonsten im Wettbewerb nicht bestehen könnten. Wenn man die wegstreicht, bei denen das nicht der Fall ist, die etwas vom Gießkannenprinzip profitieren, entlastet das die Verbraucher, aber nicht so stark, wie so mancher meint.

Heuer: Nun haben wir in dieser Woche die Steuerschätzung vorgelegt bekommen. Sechs Milliarden Euro nehmen wir dieses Jahr mehr ein als gedacht. Hätten Sie eine sinnvolle Verwendung für diese sechs Milliarden Euro, Herr Flasbarth, im Zusammenhang mit der Energiewende?

Flasbarth: Na ja, zur Nachhaltigkeit gehört ja nicht nur der Umweltschutz, sondern es gehört auch dazu, dass wir nachhaltig mit unseren Finanzen umgehen. Deshalb ist die Vorstellung, dass man auch einen Teil dieser Mittel dafür nutzt, unsere Haushalte in Ordnung zu bringen, den Schuldenberg abzubauen, ja auch aus Umweltsicht nicht falsch. Wenn etwas im Umweltschutz investiert werden sollte, dann am ehesten im Bereich der Gebäudesanierung. Deshalb plädieren wir ja auch sehr stark dafür, dass Bund und Länder sich rasch darauf einigen, wie steuerliche Anreize für die Gebäudesanierung ausgestaltet werden können, damit der gegenwärtig zu beobachtende Investitionsstau schnell beendet wird.

Heuer: Die Deutschen reden sich die Köpfe heiß über die hohen Strompreise und die Ökoumlage. Wie viel Geld, Herr Flasbarth, haben wir eigentlich seinerzeit in die Atomkraft investiert?

Flasbarth: Jedenfalls kann man eins sagen: Nicht nur Atomkraft, sondern auch Kohle sind über Jahrzehnte vom Steuerzahler subventioniert worden. Das sind deutlich höhere Beträge als das, was wir im Augenblick für die Energiewende und für die erneuerbaren Energien aufwenden. Im übrigen das erste Mal, dass eine Generation damit in eine Energieversorgung investiert, die nicht zu höheren Zahlungen künftiger Generationen führen, sondern zu geringeren Zahlen, also wirklich eine richtige, eine kluge Investition. Insofern sind die kurzfristigen Debatten über die EEG-Umlage richtig, die muss man führen, auch da muss genau hingesehen werden, dass wir nicht zu viel zahlen. Aber im Vergleich zu Alternativen ist es immer noch ein guter und günstiger Weg.

Heuer: Und weil Sie die Kohle erwähnt haben, Herr Flasbarth, komme ich zum Schluss doch noch auf den Vorschlag von Volker Bouffier zurück, dem hessischen Ministerpräsidenten, den ich gerade mit Torsten Albig verwechselt hatte. Volker Bouffier schlägt vor, die Produzenten erneuerbarer Energien sollten Verträge mit konventionellen Kraftwerken schließen, um Versorgungslücken zu füllen. Ist das eine gute Idee?

Flasbarth: Ich glaube, es ist gut, dass jetzt eine Reihe von solchen Vorschlägen auf den Tisch kommen, wie man die Erneuerbaren, nachdem sie nun im Markt eingeführt sind, auch in die Lage versetzt, sozusagen die Führung im Energiesystem zu übernehmen. Dazu ist der Vorschlag von Herrn Bouffier einer. Es gibt andere, das stärker mit Biomasse, also mit anderen Erneuerbaren zu koppeln. Es gibt Vorschläge, wie man Kapazitätsreserven bereitstellen kann, damit die fluktuierenden erneuerbaren Energien ausgeglichen werden können. Ich glaube, es tut uns gut, dass wir diese Konzepte in den nächsten Wochen und Monaten intensiv miteinander diskutieren, dass sie auch noch mal wissenschaftlich auf ihre Vorteilhaftigkeit jeweils geprüft werden, und dann kann entschieden werden.

Heuer: Jochen Flasbarth, der Präsident des Umweltbundesamts, im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Ich danke Ihnen sehr.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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