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StartseiteForschung aktuellFlaschenhals im Nahen Osten25.05.2012

Flaschenhals im Nahen Osten

Alle Hausrinder stammen von 80 Tieren ab

Paläogenetik. - 41 Rinderrassen sind bei der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Rinderzüchter registriert. Im November 2010 lebten allein in Deutschland rund 13 Millionen Rinder. Eine internationale Forschergruppe rund um Wissenschaftler der Universität Mainz hat in den Erbinformationen dieser modernen Rinder nach den wilden Vorfahren gesucht und nur eine ganz geringe Zahl gefunden.

Von Joachim Budde

Europäische Rinder stammen von nur 80 Individuen ab. (AP)
Europäische Rinder stammen von nur 80 Individuen ab. (AP)
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"Die heutigen Kühe und alle Rinder, die wir finden, stammen letztendlich von 80 weiblichen Tieren ab, die irgendwo im Nahen Osten, im Südosten der Türkei, Syrien, Iran, Irak gelebt haben müssen. Wir haben die genetische Variabilität heutiger Kühe untersucht, haben aber auch gleichzeitig DNA analysiert aus Skeletten von prähistorischen Rindern aus dem Iran, und haben dann komplexe Computersimulationen und biostatistische Verfahren verwendet und haben zurückgerechnet, wie viele Kühe da am Anfang gestanden haben müssen."

Dass Professor Joachim Burger von der Universität Mainz in den prähistorischen Knochen aus dem Nahen Osten überhaupt DNA gefunden hat, ist alles andere als selbstverständlich. Denn in dem heißen Klima zerfallen die Erbinformationen binnen kurzer Zeit. Die Forscher haben Glück gehabt, im Iran besonders gut erhaltene prähistorische Knochen aufgespürt zu haben. Dass alle heutigen Rinder von einer so kleinen Zahl wilder Auerochsen abstammen, habe ihn überrascht, sagt Professor Mark Thomas vom University College in London, der an der Studie mitgearbeitet hat.

"Dass es so wenige sind, ist deshalb besonders interessant, weil bei Ziegen, aber auch bei Pferden genetische Untersuchungen ergeben haben, dass bei deren Domestikation sehr viel mehr Tiere verwendet wurden. Bei Rindern hingegen gibt es diesen genetischen Flaschenhals von wenigen Tieren."

Für die Molekularbiologen und Anthropologen wirft diese Erkenntnis auch Licht auf den Prozess der Domestikation, sagt Thomas.

"Diese wilden Auerochsen waren sehr launisch und so groß wie Lieferwagen – völlig anders als eine moderne Kuh. Es muss extrem schwierig gewesen sein, sie zu fangen, ganz zu schweigen davon, sie zu domestizieren. Vermutlich wurden Junge eingefangen, aber auch die wachsen zu großen wilden Tieren heran."

Ein schwieriges Unterfangen, auch deshalb haben die 80 Auerochsen vermutlich nie gemeinsam auf der Weide gestanden. Joachim Burger vermutet vielmehr, dass zwei bis drei Tiere pro Generation eingefangen und in die Zucht eingebracht wurden. Denn die Domestikation habe sehr lang gedauert. Die Forscher haben errechnet, dass sich der Prozess bei den Rindern über zwei Jahrtausende hingezogen hat. Die Menschen vor 10.500 Jahren können nicht gewusst haben, auf was für ein Experiment sie sich dabei eingelassen haben. Burger:

"Das müssen bemerkenswerte Menschen gewesen sein, denn die haben ein unglaublich hohes innovatives Potenzial besessen, sie haben im Prinzip die gesamte Lebensweise, die der Mensch seit 200.000 Jahren mindestens betrieben hat, revolutioniert, sie sind sesshaft geworden, sie haben Ackerbau betrieben, sie haben Pflanzen kultiviert und haben eben noch diese vier Spezies domestiziert: Rind, Schwein, Schaf, Ziege, das sind vermutlich eben keine Jäger und Sammler, sondern das sind sesshafte Ackerbauern, die damit beginnen."

Völlig unerwartet komme diese Erkenntnis allerdings nicht für die meisten seiner Kollegen, sagt Burger.

"Letztendlich schreiben die seit 30, 40 Jahren schon das, was wir jetzt mit genetischen Methoden noch einmal etwas genauer nachvollzogen haben und das wir auch mit einer Zahl hinterlegt haben, aber wie das heutzutage so ist: Es gibt im Prinzip auch jede andere und falsche Meinung, aber ich sage einmal, die guten Wissenschaftler sind nicht jetzt unglaublich davon überrascht, was überraschend dabei ist, ist die Tatsache, dass es sich eben um tatsächlich um so wenige Tiere handelt, das hat wirklich nun keiner voraussehen können."

Nie wieder haben sich die Menschen von den Hausrindern getrennt – auch nicht, als sie Mitteleuropa besiedelten. Und nie wieder haben sie ihre Kühe mit wilden Auerochsen gekreuzt.

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