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StartseiteKommentare und Themen der WocheReform des kompletten Systems nötig20.05.2020

FleischindustrieReform des kompletten Systems nötig

Die Abschaffung von Werkverträgen ist eine Schraube im komplexen System Fleischindustrie, kommentiert Jule Reimer. Damit sich wirklich etwas ändert, müsse die Politik aber noch an vielen anderen Schrauben drehen. Nötig sei etwa ein verlässliches Fleisch-Siegel für Verbraucher.

Von Jule Reimer

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5568x3712 Pixel imago images / Sven Simon Trotz Missstaenden in der Fleischindustrie- Aldi will die Fleischpreise senken. Blick in ein Kuehlregal mit in Folie geschweisstes abgepacktes Fleisch des Discounters ALDI am 20.05.2020. *** Despite the grievances in the meat industry Aldi wants to reduce meat prices Look into a refrigerated shelf with foil-wrapped packaged meat from the discounter ALDI on 20 05 2020 (imago images / Sven Simon)
Die Gesellschaft sei nur bereit mehr Geld fürs Fleisch hinzulegen, wenn es verlässliche Siegel gebe, meint Jule Reimer (imago images / Sven Simon)
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Endlich werden die Werkverträge in der industriellen Schlacht- und Fleischwirtschaft verboten. Sie sind absurd im Ausmaß und in der Anwendung. Kaum zu glauben, dass in Deutschland 50 bis 80 Prozent einer Belegschaft unter üblen sozialen Bedingungen beschäftigt werden kann. Ein Werkvertrag selbst ist nichts Ungewöhnliches: Er wird für eine befristete Auftragsarbeit geschlossen.

Jahrelange Nachsichtigkeit

In den Fleischfabriken spinnt sich jedoch darum ein wohlkalkuliertes Märchen: Schlachten, grobzerlegen, feinzerlegen, verpacken, verladen, – jeder Schritt wird hier zum abgeschlossenen Werk umgedeutet, nur um die Kosten zu drücken. Und so kommt es, dass fürs Schlachten ein anderer Subunternehmer beauftragt wird als fürs Grobzerlegen, fürs Feinzerlegen noch ein anderer und so weiter. Dabei beauftragt der Subunternehmer noch einen Subsubunternehmer und der noch einen… Und im Ergebnis kann der Eigentümer der Fleischfabrik so tun, als ob er für die Menschen, die die eigentliche Arbeit verrichten, gar nicht verantwortlich wäre.

Schlachter neben hängenden Fleischteilen (getty images / Image Source) (getty images / Image Source)Houben (FDP) kritisiert die beschlossenen Maßnahmen in der Fleischindustrie Die beschlossenen Maßnahmen in der Fleischindustrie seien reine Symbolpolitik, sagte der FDP-Politiker Reinhard Houben im Dlf. Es werde nur für einen kleinen Industriebereich eine Sonderlösung geschaffen, sagte er im Dlf. Probleme bei Saison-Arbeitern in anderen Bereichen würden außer Acht gelassen.

Diverse Bundesregierungen haben in den vergangenen 25 Jahren eine aggressive Exportstrategie für Milch- und Fleischprodukte gefahren, das Wegschauen bei den Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen war nur eine Variante davon. Subventionen für den Neubau von Großmastanlagen, in denen – sind sie gut geführt - viel Hygiene, aber wenig artgerechte Tierhaltung möglich ist. Jahrelange Nachsichtigkeit, mit der Folge dass zu viel Gülle auf den Feldern landete und jetzt das Grundwasser belastet. Weil Deutschland unbedingt die Märkte im näheren und weiteren Ausland erobern wollte, insbesondere in Asien, in China.

Mittlerweile scheint man in der Bundesregierung auch die Kosten in den Blick zu nehmen, die diese Strategie für den deutschen Steuerzahler mit sich bringt. Allein wegen des missbräuchlichen Ausbringens von zu viel Gülle drohen Strafen im sechsstelligen Bereich. Hinter vorgehaltener Hand geben viele Politiker zu, dass die Anzahl der Tiere in den deutschen Ställen abgesenkt werden muss. Das bedeutet auch Veränderungen für die Auslastung der Großschlachthöfe.

Widerstände der konventionellen Agrar- und Fleischindustrie sind groß

Hinzu kommt eine Gesellschaft, in der viele sehr wohl bereit wären, mehr Geld für Fleisch hinzulegen. Das tun sie aber nur, wenn ein verlässliches Siegel den Verbraucher einfach und verbindlich informiert, welchen Schicksalsweg das Hähnchen oder das Schwein genommen hat.

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Die hohe Zahl der Corona-Infizierten in Schlachthöfen lenkt den Fokus auf die dortigen Arbeitsbedingungen. Die Strukturen begünstigen die Ausbreitung des Virus und auch die Politik trägt ihren Teil dazu bei. Doch warum häufen sich die Fälle gerade dort?

In Brüssel wird zurzeit das ganz große Rad gedreht, erneut mit dem Ziel, die Agrarsubventionspolitik der EU sozialer, tier- und umweltfreundlicher zu machen. Die Widerstände der konventionellen Agrar- und Fleischindustrie sind groß.

Die Abschaffung der Werkverträge in der Fleischindustrie – besser gesagt, nur im Kernbereich der Fleischindustrie - ist eine Schraube im komplexen System. Damit sich wirklich etwas ändert, müssen die Verantwortlichen in Berlin und Brüssel aber noch an vielen anderen Schrauben drehen.

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

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