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StartseiteKommentare und Themen der WocheVerbote müssen her11.08.2019

Fleischpreise und KlimaVerbote müssen her

Wenn man das Klima schützen will, führt kein Weg an einer Begrenzung des Fleischkonsums vorbei, meint Ulrike Winkelmann. Und das gehe nur mit echten Verboten. Denn selbst eine höhere Mehrwertsteuer könne die wahren Kosten des Fleischs nicht decken.

Von Ulrike Winkelmann

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Schweine in einem Schweinestall (Getty Images / Scott Olson)
Um dem Billigfleischwahn Grenzen zu setzen, könnte man existierende Verbote auch erst einmal durchsetzen, kommentiert Ulrike Winkelmann (Getty Images / Scott Olson)
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Es gibt aktuell zwei argumentative Hülsen, um sich die Klimadebatte vom Hals zu halten. Erstens: Das bringt doch nichts im Einzelnen und vor Ort - das muss wenn, dann global gelöst werden. Zweitens: Die Ökoprediger nehmen doch selbst das Flugzeug und essen Fleisch. Beides heißt übersetzt: Lass mich in Ruhe.

Es sind rhetorische Manöver - so durchsichtig, dass man unterstellen möchte, dass wer so spricht, sich selbst nicht ernst nimmt. Nein, das Argument für mehr Klimaschutz gilt auch dann, wenn diejenigen, die es vortragen, sich nicht jeden Tag wie ökologische Säulenheilige verhalten. Greta Thunberg hätte auch recht, wenn sie statt im Segelschiff mit dem Flugzeug zum Klimagipfel anreisen würde. Die Fridays-for-Future-Jugendlichen haben recht, auch wenn sie das Einwickelpapier ihrer Schokoriegel in die falsche Mülltonne werfen. Wer fordert, den Fleischkonsum einzudämmen, hat recht, auch wenn er unlängst mit einem Schnitzel in der Kantine gesehen wurde.

Die Notwendigkeit von mehr, besserem und schnellerem Klimaschutz ist schlicht nicht mehr zu bestreiten. Genau deshalb aber muss die Diskussion darüber nicht in der Ecke der Privatmoral, sondern auf der Bühne der Politik geführt werden.

Die Selbstaufklärung der Konsumgesellschaft, in der jeder möglichst danach schaut, was er selbst im Kleinen bewirken kann, ist an ihre Grenzen gekommen. Mutmaßlich auch deshalb, weil die regierenden Parteien der letzten 20 Jahre klimaschädliche Politik mit klimafreundlichen Floskeln verbrämt und dadurch die Aufklärung sabotiert haben.

Im Ergebnis jedenfalls steht nun selbst die noch so belesene Konsumentin ratlos vorm Kühlregal, welches nun der ökologisch verträglichste Joghurt sein könnte. Und selbst wenn die Notwendigkeit des Klimaschutzes nun wirklich auf allen öffentlichen Kanälen stattfindet, sinkt der SUV-Verkauf ebenso wie zuletzt der Fleischkonsum nicht etwa, sondern steigt. Doch, nach kurzfristig fallenden Zahlen haben die Deutschen im vergangenen Jahr laut Ernährungsministerium wieder mehr Fleisch gegessen: über 60 Kilogramm - pro Nase beziehungsweise Mund.

Erkennbar überforderte Bürger

Angesichts der Möglichkeiten, die der Markt bietet und die Werbung nutzt, sind die Bürger als Konsumenten erkennbar überfordert – intellektuell wie moralisch.

Und natürlich müssen deshalb Verbote her, gesetzliche Verbote zur Beschränkung klimakillender Auswüchse der Marktwirtschaft. Man darf Verbote zwischendurch ruhig auch mal Verbote nennen. Warum eigentlich nicht? Ein Verbot ist die zum Gesetz geronnene, gesellschaftliche Missbilligung eines Verhaltens. Dadurch werden Freiheiten eingeschränkt – oh ja: zum Wohle anderer. Kommt immer mal wieder vor: Es ist nicht lange her, da war es erlaubt, anderen im Restaurant Zigarrenqualm ins Essen zu pusten. Ist jetzt verboten.

Verbote sind wertvolle Hilfestellungen

Verbote sind aber auch wertvolle Hilfestellung für all jene, die sich den Untiefen und Komplexitäten politischer Debatten nicht aussetzen wollen und daher sagen: "Solange es nicht verboten ist, kann es so schlimm nicht sein." Es sind übrigens genau dieselben Leute, die sich gern verächtlich über handlungsunfähige oder –unwillige Parteipolitiker mit ihrer "Anreiz statt Verbote"-Rhetorik äußern.

Frau schaut sich abgepackte Wurst- und Fleischprodukte in einem Kühlregal an, Lebensmittelabteilung, Selbstbedienung, Supermarkt, Deutschland, Europa (picture alliance / dpa / imageBROKER) (picture alliance / dpa / imageBROKER) Mehrwertsteuererhöhung
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Zwei Politiker fordern, dass die Mehrwertsteuer auf Fleisch auf 19 Prozent erhöht wird. Dagegen gibt es Widerstand – und es steht auch zur Diskussion, ob das reicht, um den Konsum zu bremsen.


An einer Begrenzung des Fleischkonsums führt kein Weg vorbei, wenn das Klima geschützt werden soll, das hat diese Woche auch der Weltklimarat überdeutlich gesagt. Die wahren Kosten des Fleisches spiegeln sich nicht im Supermarktpreis – und täten dies auch nicht, wenn bloß die Mehrwertsteuer erhöht würde.

Verbote richtig platzieren

Um hier politisch tiefer einzugreifen, kommt es eben darauf an, die notwendigen Verbote richtig zu platzieren. Es ist inzwischen verboten, Hühner in DIN-A4-großen Käfigen zu halten. Wie kann es immer noch erlaubt sein, ein gut über 100 Kilogramm schweres Schwein auf einem dreiviertel Quadratmeter einzusperren? Selbstverständlich ist das Tierquälerei – was denn sonst? Die ist übrigens schon verboten.

Um der industriellen Fleischerzeugung und dem Billigfleischwahn in Deutschland Grenzen zu setzen, könnte man existierende Verbote auch erst einmal durchsetzen. Und auch das wäre natürlich nur: einer von vielen notwendigen Schritten.

Ulrike WinkelmannUlrike Winkelmann (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Ulrike Winkelmann, Jahrgang 1971, ist seit 2014 Redakteurin in der "Hintergrund"-Abteilung des Deutschlandfunk. Geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in und bei Paderborn, studiert (Germanistik, Politologie, Staatsrecht) in Hamburg und London, volontierte sie 1995 bis 1997 bei der "taz hamburg", dem Hamburger Lokalteil der "tageszeitung". Ende 1999 stieg sie als Chefin vom Dienst bei "taz" in Berlin ein, wurde Innenpolitikredakteurin, Parlamentskorrespondentin, und Innenpolitik-Ressortleiterin. Ein Zwischenspiel 2010 bis 2011 als Politikchefin bei der Wochenzeitung "der Freitag".

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