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StartseiteSport am WochenendeFliegender Rollenwechsel14.11.2010

Fliegender Rollenwechsel

Wie man in den USA versucht, mit dem Phänomen der Transsexualität umzugehen

Der amerikanische Sport versucht auf eine besonders einfühlsame Weise mit einem Problem umzugehen. Deshalb spielt Kye Allums im College-Basketball bei den Frauen. Obwohl sie seit kurzem ein Mann ist.

Von Jürgen Kalwa

Die südafrikanische Läuferin Caster Semenya mit der Goldmedaille für ihren Sieg im 800-Meter-Lauf der WM2009 in Berlin, flankiert von Janeth Jepkosgei Busienei aus Kenia (li) und der Britin Jennifer Meadows (re.), die Silber bzw. Bronze gewannen. (AP)
Die südafrikanische Läuferin Caster Semenya mit der Goldmedaille für ihren Sieg im 800-Meter-Lauf der WM2009 in Berlin, flankiert von Janeth Jepkosgei Busienei aus Kenia (li) und der Britin Jennifer Meadows (re.), die Silber bzw. Bronze gewannen. (AP)
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Die Frage, ob man Männlein oder Weiblein ist, stellt sich für die meisten Menschen nicht. Sie wachsen in das von der Natur vorgegebene Rollenprogramm hinein und finden sich mit den Gegebenheiten zurecht. Das hat auch Kay-Kay Allums versucht. Sie trug als Teenager Röcke und Make-Up. Doch je älter sie wurde, desto weniger fühlte sie sich in dieser zweiten Haut wohl. Das war frustrierend. Denn - so sagt sie -"Leute haben versucht, mich zu jemandem zu machen, der ich nicht bin.”

In diesem Jahr zog die 21-jährige aus Minnesota den Schlussstrich unter diese Erfahrung und nannte sich um. Aus Kay-Kay wurde Kye. Aus einer Frau wurde ein Mann. Doch es gab da eine zusätzliche Komplikation. Sie hatte vor drei Jahren ein Stipendium erhalten, um für die George Washington University in der Hauptstadt Washington Basketball zu spielen. Frauen-Basketball. Und das auf Amerikas höchstem Niveau.

Vor ein paar Tagen gab Kye Allums eine Pressekonferenz:

""Du solltest nicht verbergen, wer du wirklich bist. Du kannst nichts daran ändern. Ich weiß nicht, was passieren wird. Ich weiß nicht, was die Leute sagen werden. Bisher hat sich jeder hinter mich gestellt.”"

Die Solidarität geht vor allem von der Universität und ihrem Trainer aus. Sie legten die Rahmenregeln so aus: Solange die fragliche Person sich keiner Hormontherapie unterzogen hat, gilt auf dem Spielfeld ihr alter Status: Sie ist eine Frau. Doch im Umgang mit ihr wird sie zu einem Mann, zu einem "Er”. Dieser "Er” blickte selbstbewusst in die Fernsehkameras, die zum Training in die Halle unweit der großen Denkmäler der politischen Geschichte Amerikas gekommen waren:

""Ich bin ein Junge, der keine Angst davor hatte, zu sagen, dass ich in einer Frauenmannschaft spiele. Dass ich mutig genug war, um mich gegen Leute zu stellen, die das Thema nicht verstehen und nicht darüber reden wollen.”"

Wer über das Thema freimütig und gleichzeitig taktvoll reden möchte, hat es nicht ganz einfach. Das zeigte sich neulich in der internationalen Leichtathletik, als nach der Weltmeisterschaft in Berlin die Südafrikanerin Caster Semenya in Verdacht geriet, mit dem Testosteronspiegel eines Mannes ausgestattet zu sein und deshalb einen enormen Vorteil gegenüber ihren Konkurrentinnen besaß. Besonders Südafrikas Funktionäre machten in der Angelegenheit einen schlechten Eindruck. Denn sie hatten bewusst vermieden, Semenya vor dem zu erwartenden Wirbelsturm aus gehässigen Nachrichten zu schützen und versucht, die Sache zu verharmlosen.

Kye Allums, der das Studienfach Inneneinrichtung belegt hat, ging da lieber gleich in die Offensive und machte die private Situation publik. Die Zeit scheint reif für ein solches Verhalten. So hat die Organisation beschlossen, die in den USA den Collegesport organisiert, sich mit dem Thema ganz generell zu beschäftigen und verbindliche Verhaltensmaßregeln für alle Universitäten zu erarbeiten. Denn der prestigeträchtige Wettstreit der Universitäten vor allem in den populären Sportarten produziert sehr viel Geld aus Fernsehlizenzen und Souvenirverkäufen. Es handelt sich keineswegs um ein gesellschaftliches Laboratorium.

Zumal sich die Fälle häufen, die daran erinnern, dass eindeutige Regeln fehlen. Die National College Athletic Association, kurz NCAA, gab unlängst bekannt, dass sich in den letzten zwei Jahren insgesamt 30 Hochschulen ratsuchend an sie gewandt hatten. "Diese Zahlen könnten steigen”, schrieb das Online-Bildungsfachmagazin "Inside Higher Ed” im Oktober, ehe der Fall Kye Allums dem Thema einen Namen und ein Gesicht gab. Denn: "Mehr Menschen stufen sich selbst als transsexuell ein. Mehr tun dies bereits im jungen Alter. Und eine zunehmende Zahl von Colleges haben eine gegen Vorurteile aller Art gerichtete offizielle Politik, die Transsexualität einschließt.”

Ein wirklich heikles Problem im Umgang mit den Regeln gegen Vorurteile entsteht im Sport vor allem dann, wenn transsexuelle Menschen den Wechsel vom Mann zur Frau vollziehen. Bislang gilt da ein Prinzip, dass das Leistungsvermögen von Männern einkalkuliert und den Gleichheitsgrundsatz vernachlässigt. Danach können im Collegesport transsexuelle Männer zwar in Frauenmannschaften aufgenommen werden, aber die Teams werden von da ab aus der offiziellen Wertung genommen. Und zwar solange, bis die Hormonbehandlung des fraglichen Spielers abgeschlossen ist.

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