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StartseiteInterviewDurch den Abwasserkanal zum Kabuler Flughafen27.08.2021

Flucht aus AfghanistanDurch den Abwasserkanal zum Kabuler Flughafen

Die Deutsch-Afghanin Frau L. gehört zu den Menschen die von der Bundesregierung aus Afghanistan ausgeflogen wurden. Einen Teil ihrer Familie musste sie dort zurücklassen. Im Deutschlandfunk berichtet sie von ihrer dramatischen Flucht durch einen Abwasserkanal und die verzweifelte Suche nach Hilfe.

Frau L. im Gespräch mit Thielko Grieß

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Eine Menschenschlange, die in das geöffnete Heck eines Flugzeugs führt, bei Nacht.  (picture alliance / Consolidated News Photos | Taylor Crul - US Air Force via CNP)
Der Hamid Karzai International Airport in Kabul ist derzeit Schauplatz vieler dramatischer Szenen (picture alliance / Consolidated News Photos | Taylor Crul - US Air Force via CNP)
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Mehr als 5.000 Menschen haben es mit deutschen Flugzeugen aus Kabul herausgeschafft. Unter ihnen war auch "Frau L.", eine Deutsch-Afghanin, deren richtiger Name so wie viele Details ihrer Biografie dem Deutschlandfunk bekannt sind. Zum Schutz ihrer Anonymität, zum Schutz vor Nachverfolgung und zum Schutz Ihrer Familie wird sie an dieser Stelle als Frau L. anonymisiert. Sie ist vor einigen Jahren aus Afghanistan nach Deutschland ausgewandert, besitzt inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft, ihre Familie lebt jedoch zu großen Teilen noch in Afghanistan. Die Familie hat es auch jetzt nicht gemeinsam nach Deutschland geschafft.

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Frau L. war zu Besuch bei ihrer erwachsenen Tochter in Kabul. Wie viele andere wurde auch sie vom schnellen Vormarsch der Taliban nach dem Abzug der internationalen Truppen überrascht. Drei Mal versuchte sie mit ihrer Familie zum Flughafen zu gelangen, um nach Deutschland zurückzufliegen, scheiterte aber immer wieder an den Kontrollposten. Bis sie von der Möglichkeit erfuhr, durch einen Abwasserkanal auf das Flughafengelände zu gelangen. Dort angekommen musste sie sich im Menschenansturm Gehör verschaffen. Irgendwann wurde ein deutscher Soldat auf sie aufmerksam und zog sie aus der Menge. Da aber noch Bestätigungen vom Auswärtigen Amt fehlten, wurden Frau L.s volljähriger Tochter und ihrem Schwiegersohn der Zutritt zum Bundeswehrflugzeug verweigert. Frau L. wurde vor eine Wahl gestellt: "Sie haben gesagt: Sie haben zwei Möglichkeiten. Entweder du mit deinem Kind und deinem Mann, ihr könnt ausfliegen. Oder du bleibst mit deiner ganzen Familie hier in Kabul. Du hast drei Minuten für die Verabschiedung – fertig."


Das Interview im Wortlaut:

Thielko Grieß: Warum sind Sie Anfang August nach Afghanistan gereist?

Frau L.: Ich konnte meine ältere Tochter ungefähr acht Jahre lang nicht besuchen, und in der Zwischenzeit starb ein Enkelkind, und meine Tochter ist dort allein, hat keine Familie, sie hatte Probleme. Deshalb wollte ich sie besuchen. 

Grieß: Haben Sie die Lage auch falsch eingeschätzt, haben Sie nicht geahnt, dass die Taliban so schnell in Kabul sein würden?

Frau L.: Ja natürlich, alle Leute sprechen darüber. Vorher habe ich mir auch Sorgen gemacht – alle Bekannten, mein Schwiegersohn aber sagen: "Nein, nein, die Taliban kommen nicht so schnell, das geht gar nicht. Das dauert ungefähr ein, zwei Monate, bis sie in Kabul sein werden. Hier gibt es doch eine Regierung und Soldaten und so weiter." Niemand hat gedacht, dass sie so schnell kommen.

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"Die Leute haben mit Panik reagiert"

Grieß: Wie erklären Sie sich das, dass es dann doch so schnell ging?

Frau L.: Unsere Regierung hat einfach alles verkauft und dann einfach alles den Taliban übergeben. Ohne zu kämpfen. Es war sehr einfach: Die Taliban waren in der Stadt, und die Soldaten haben ihre Uniformen ausgezogen und sind nach Hause gegangen. Ihre Waffen haben sie einfach niedergelegt.

Grieß: Die Taliban kontrollieren ja jetzt Kabul und das ganze Land. Wie hat sich das Leben in Kabul verändert, ab dem Moment, ab dem die Taliban die Macht übernommen haben?

Frau L.: Die ersten zwei, drei Tage war die Stadt, waren die Geschäfte alle geschlossen. Frauen gingen nicht mehr auf die Straße, sie haben sich zu Hause versteckt. Überall waren Kontrollpunkte und bewaffnete Taliban und ihre Autos. Die Leute haben mit Panik reagiert. Es war schrecklich, niemand war draußen.

Grieß: Sie selbst sind auch nicht auf die Straße gegangen?

Frau L.: Nein, nein, wir konnten nicht, wir hatten Angst.

Grieß: Und Sie haben sich nach einigen Tagen entschlossen, doch zum Flughafen zu fahren?

Frau L.: Ja, wir haben die Nachrichten im Internet gesehen und auch gehört, wie schrecklich voll es dort ist. Trotzdem haben wir es versucht, drei Mal, zwischen dem 16. und 21. August. Drei Mal – immer haben wir verschiedene Wege gesucht, um auf den Flughafen zu kommen. Aber wir haben es nicht geschafft.

Grieß: Können Sie uns das beschreiben: Sind Sie mit dem Auto hingefahren, oder gab es dazu keine Möglichkeit, und Sie mussten zu Fuß gehen?

Frau L.: Zu Fuß ging es nicht, weil der Weg zu weit war. Den halben Weg sind wir mit dem Auto gefahren. Aber auf Schleichwegen ohne Kontrollen. Ab einer Kreuzung ging es nur noch zu Fuß voran, weil viele, viele Leute dort unterwegs waren. Wir wussten ja auch nicht, wer die Leute waren: Taliban, Terroristen, oder einfach normale Leute? Sehr unterschiedliche Leute. Wir haben uns fest an den Händen gehalten, haben Kopf und Körper schwarz verschleiert.

"Die Taliban kontrollieren überall"

Grieß: Sie haben gesagt, Sie haben es drei Mal versucht, und zwei Mal wurden Sie abgewiesen. Können Sie uns beschreiben, wer Sie abgewiesen hat und warum?

Frau L.: Das erste Mal waren wir am nördlichen Tor des Flughafens, da waren noch 100, 200 Leute. Dort trafen wir auf eine Mauer, die von amerikanischen, türkischen und afghanischen Soldaten bewacht wurde. Die Leute davor haben sich gegenseitig geschubst, es war sehr eng. Ich konnte nicht atmen. Meine Tochter fiel hin, geriet unter die Füße der Anderen. Ich habe Angst bekommen! Wir haben uns dann zurückgezogen und haben es danach noch sieben, acht Mal probiert. Nur meinen Pass gezeigt, habe gesagt "Ich bin Deutsche, bitte lassen Sie uns rein!". Aber Sie haben "Nein" gesagt. Ich habe dann keine Kraft mehr gehabt, mein Mann auch nicht. Das war der erste Tag.

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Grieß: Wurden Sie auch von Taliban kontrolliert?

Frau L.: Die Taliban kontrollieren überall. Wir haben ja auch unsere Gesichter unter dem Schleier verborgen. Ich hatte meiner Tochter vorher gesagt: Wenn sie Dich fragen, sagst Du, dass Du krank bist und wir unterwegs zum Krankenhaus sind. Wenn Sie eine Frau, eine Familie, ein Kind sehen – dann haben sie geguckt, aber nicht gefragt.

Flucht durch den Abwasserkanal

Grieß: Ihr Bruder hat Ihnen dann berichtet, dass es durch einen Abwasserkanal die Möglichkeit gibt, auf das Flughafengelände zu gelangen. Wie haben Sie es dorthin geschafft?

Frau L.: Dieser Kanal ist ungefähr zwei Meter hoch, ungefähr vier Meter breit und das Wasser steht darin 70, 80 Zentimeter hoch. Mein Bruder hat mir gesagt, er sei dort um zwei Uhr nachts gewesen, und dann waren dort Soldaten aus Australien, Frankreich und der Schweiz. Und dann muss man Soldaten des eigenen Landes suchen. Mein Bruder fand Soldaten der Niederlande, die ihn von diesem Kanal wegbrachten. Er hat gesagt: Mach dir keine Sorgen wegen des Kanals, du kannst deine Kleidung später wechseln. Die ganze Nacht haben wir überlegt, ob wir es machen, ob das geht mit den Kindern. Und dann haben wir entschieden, es zu probieren, weil es keinen anderen Weg zur Evakuierung gibt. Sonst ist es vorbei, wenn wir es nicht machen. So wie jetzt.

Grieß: Und dann sind Sie durch diesen Kanal auf den Flughafen gelangt und haben dann Ausschau gehalten nach Bundeswehr-Soldaten?

Frau L.: Ja, wir waren dann dort, gegen Mitternacht, und tausende andere Menschen. Ich habe mir ein Kopftuch in den drei Farben Schwarz, Rot und Gold umgebunden. Mit meiner Tochter haben wir gerufen: "Wir sind Deutsche!", damit uns vielleicht jemand hört. Leider waren keine deutschen Soldaten in der Nähe, nur ganz weit weg. Sie haben nicht hingeguckt. Es waren zwar belgische Soldaten bei uns – die belgischen Nationalfarben sind ja ähnlich – aber die haben uns bloß mit der Hand gezeigt, dass sie keine Deutschen sind. Die Briten waren ganz anders: Die haben ihre Staatsbürger gesucht! Oder auch die Niederlande. Aber unsere Soldaten haben uns nicht gesucht.

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Ich konnte nicht mehr und habe meinem Mann gesagt: Ich kann nicht mehr, ich konnte nicht mehr stehen, wenn ich jetzt hinfalle, komme ich nicht mehr raus. Alle haben gedrückt und gedrängelt.

Aber ich habe meine Kraft zusammengenommen und mir gesagt: Du musst die Bundeswehrsoldaten finden. Mein Mann und ein anderer Mann haben meine Hand genommen. Und dann, zum Glück, habe ich auf einem Arm eine deutsche Flagge gesehen. Meine Tochter hat gerufen, ich habe meinen Pass gezeigt – und der Soldat hat uns gesehen und uns ein Zeichen gegeben, näher zu kommen.  

Ich weiß nicht, wie sie mich da rausgeholt haben, über die Mauer. Ich habe dann geschrien: Mein Mann, meine Familie ist noch dort unten, also hinter der Mauer. Wir haben dann gemeinsam mit dem Soldaten alle gesucht und gefunden. Die ganze Familie hat es so auf den Flughafen geschafft. Meine Tochter fiel noch hin und verlor ihre Schuhe im Kanal, also musste sie bis Taschkent ohne Schuhe laufen.

"Sie können ausreisen, aber die Familie darf nicht"

Grieß: Wie ging es dann weiter? Sie hatten Kontakt zu den Bundeswehr-Soldaten, und die haben sich dann Ihren Pass angeschaut und gesagt: Okay, Sie können mit, Ihre Familie kann auch mit? Und wie sind Sie dann in ein Flugzeug gekommen?

Frau L.: Tja, ich habe die Papiere meiner Familie vorgezeigt und habe gesagt, dass sie schon beim Auswärtigen Amt registriert sind. Dann ging es bis zum ersten Checkpoint. Dann kam der Check-In – und es wurden wieder Papiere verlangt. Ich habe gesagt: Das ist meine Familie. Und dann waren da Leute, die mir gesagt haben: "Sie können ausreisen, aber deine Familie darf nicht."

Ich habe versucht zu diskutieren: Mein Schwiegersohn ist Journalist, meine Tochter ist Architektin. Sie sind schutzbedürftig. Aber die Antwort war: Nein, Sie müssen eine E-Mail mit Zustimmung und Bestätigung vom Auswärtigen Amt haben.

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Grieß: Hatten Sie so eine E-Mail vom Auswärtigen Amt?

Frau L.: Nein, weder wir noch viele andere haben so eine Mail bekommen. Wir haben viele Mails geschrieben, mehrmals, wir hatten ja auch nicht immer Internet.

Grieß: Und keine Antwort erhalten. Und dann wurden Sie wieder getrennt?

Frau L.: Ja natürlich, sie haben gesagt: "Sie haben zwei Möglichkeiten. Entweder du mit deinem Kind und deinem Mann, ihr könnt ausfliegen. Oder du bleibst mit deiner ganzen Familie hier in Kabul. Du hast drei Minuten für die Verabschiedung – fertig."

Die ganze Familie hat geweint. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Ein Bundeswehr-Soldat, der dabei stand, war auch sehr traurig, als wir uns verabschiedet haben. Die Kinder haben viel geweint. Ich kann das nicht vergessen. (weint)

Grieß: Das ist absolut verständlich. Das ist eine schreckliche Situation, in der Sie da gewesen sind. Und Sie mussten es trotzdem entscheiden!

Frau L.: Ja, ich konnte nicht anders entscheiden. Wegen meines jüngeren Kindes, die ist 13 Jahre alt. Ich bin eine Mutter – zwischen den Kindern.

"Die Taliban suchen vielleicht meine Familie"

Grieß: Und Sie sind jetzt mit Ihrer jüngsten Tochter in Deutschland. Und Ihre ältere Tochter ist noch in Afghanistan?

Frau L.: Ja genau. Und man kennt dort meine Tochter, sie suchen vielleicht meine Familie. Ich weiß nicht, was mit ihr passiert.

Grieß: Können Sie uns beschreiben, wie der Flug von Kabul nach Taschkent abgelaufen ist?

Frau L.: Ich denke, im Flugzeug waren ungefähr 200 Leute. Das war alles in Ordnung, das war sehr gut koordiniert. Wir haben da nicht lange gestanden, vielleicht zwei Stunden, bis der Militärflieger abflugbereit war. Nach kurzer Zeit landeten wir in Taschkent, dort hat alles super gut funktioniert, mit Corona-Test und Lebensmitteln. Meine Tochter hat in Taschkent sogar einen Schuh für sich gefunden, einen Bundeswehr-Schuh.

Er ist ein bisschen groß, aber okay. Unsere Kleidung und unsere Füße konnten wir ein wenig waschen. Und dann bei der Lufthansa war - wie immer – alles gut.

Grieß: Das war der Flug von Taschkent nach Frankfurt am Main. Haben Sie Worte für diese Emotionen, diese Gefühle, die Sie vielleicht hatten, als Sie in Frankfurt angekommen sind?

Frau L.: Ja, ich dachte, ich träume. Ich habe es nicht geglaubt, gerettet und in Sicherheit zu sein. Ich habe andauernd "Gott sei Dank, Gott sei Dank" gesagt. Ich habe in die Gesichter der anderen Leute gesehen. Da war überall gleichzeitig Panik und Freude. Viele Leute haben wegen ihrer Familie geweint. Ein Mädchen zum Beispiel war ganz allein, sie konnte in dem Kanal ihre Mutter nicht mehr umarmen und ihr Tschüss sagen. Andere Familien wurden getrennt, einer hier, einer da, einer nach Amerika, einer nach Deutschland, einer in die Niederlande.

Mitglieder der Taliban vor einr Straßenabsperrung (IMAGO / Xinhua) (IMAGO / Xinhua)"Wir reden nicht gerne mit den Taliban, aber wir müssen es tun"
Innerhalb der Taliban müssten die Leute gefunden werden, die bereit seien, ein wenig nachzugeben, sagte der ehemalige Botschafter Jürgen Chrobog im Dlf. Allein seien die Taliban zum Staatsaufbau nicht fähig.

Grieß: In Deutschland wird nun viel darüber diskutiert, dass das jetzt so schnell ging, die Taliban so plötzlich kamen und niemand darauf vorbereitet war, nicht die deutsche Regierung, auch nicht die Bundeswehr. Und weil man so spät angefangen hat. Dabei geht es nicht nur um deutsche Staatsbürger wie Sie, sondern um diese sogenannten Ortskräfte, die mit den Deutschen zusammengearbeitet haben, die Schutzbedürftigen. Hat Deutschland diese Menschen verraten – wer trägt dafür die Verantwortung?

Frau L.: Ich weiß es nicht, wer die Verantwortung hat. Jetzt geht es nicht mehr. Aber später muss die deutsche Regierung einen Weg für diese Ortskräfte finden, so wie unsere Familie. Mein Schwiegersohn ist Journalist und hat in den vergangenen Jahren über die Friedensgespräche mit den Taliban berichtet. Er ist bekannt. Und er ist schutzbedürftig, das habe ich dort am Flughafen den Soldaten gesagt, aber sie haben gesagt: Nein, wir können nicht.

Grieß: Sie waren über Jahre Direktorin einer Mädchenschule. Was wird jetzt aus dieser Mädchenschule?

Frau L.: Vor einigen Tagen habe ich von der Schule gehört: Die Kinder bis zur siebten Klasse einschließlich dürfen zur Schule. Und die anderen bleiben im Moment zu Hause.

Situation an afghanischen Schulen

Grieß: Also alle, die älter sind als Jahrgang 7?

Frau L.: Ja. Und nun dürfen die Mädchen nur noch von Lehrerinnen und die Jungen nur noch von Lehrern unterrichtet werden. Das geht überhaupt nicht auf, weil es mehr Lehrerinnen als Lehrer gibt. Genauso auf der Universität: Männer für Männer, Frauen für Frauen. Damit alle getrennt sind.

Grieß: Und das bedeutet: Das ist ja ein Mädchengymnasium, also viele älter als der Jahrgang 7. Das heißt, die Mädchen können jetzt kein Abitur mehr machen, keinen Abschluss. Ist das alles geschehen auf Anweisung der Taliban?

Frau L.: Ja, offiziell haben sie das allerdings nicht gesagt. Aber ich bin in der WhatsApp-Gruppe meiner früheren Schule. Und da gab es diese Anweisung. Man weiß nicht, wie es weiter geht. Vielleicht wird so etwas zwischen den Taliban und anderen Ländern verhandelt, wenn dort über Frauen und Mädchen diskutiert wird und so weiter.

Blick in einen Klassenraum in Kabul (Afghanistan), aufgenommen am 27.03.2021 ( picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Rahmat Gul) ( picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Rahmat Gul)Afghanistans Schulen
Die Taliban haben angekündigt, die Schulen geöffnet zu lassen, auch für Mädchen. Aussagen wie diese würden nur gemacht, damit internationale finanzielle Leistungen weiterliefen, sagte Marga Flader vom Verein Afghanistan-Schulen im Dlf.

Grieß: Haben Sie Hoffnung, dass diese Verhandlungen etwas Positives bringen?

Frau L.: Ich habe diese Hoffnung, aber ich glaube es nicht.

Grieß: Ich danke Ihnen von Herzen, dass wir an Ihren Erlebnissen teilhaben durften und dass Sie uns davon berichtet haben. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute.

Frau L.: Vielen, vielen Dank an Sie, dass Sie mir diese Zeit gegeben haben, um etwas über mich zu erzählen. Ich hoffe, es wird alles gut in unserem Land und für unsere Bevölkerung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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