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StartseiteSport am WochenendeFluchthelfer Eberhard Gienger - die Geschichte der DDR-"Sportverräter"04.08.2010

Fluchthelfer Eberhard Gienger - die Geschichte der DDR-"Sportverräter"

Warum erfolgreiche Athleten und Trainer die SED-Diktatur verließen

Jürgen Sparwasser, Falko Götz, Lutz Eigendorf, Hans Georg Aschenbach, Wolfgang Thüne, Jörg Berger. Sie alle waren als Sportler, Trainer und Ärzte in der DDR äußerst erfolgreich. Sie waren privilegiert. Sie alle haben einst dennoch die DDR verlassen. Die Stasi nannte sie "Sportverräter".

Von Jens Weinreich

Hans Georg Aschenbach, in den siebziger Jahren Weltmeister und Olympiasieger im Skispringen, floh 1988.  (Bundesstiftung Aufarbeitung)
Hans Georg Aschenbach, in den siebziger Jahren Weltmeister und Olympiasieger im Skispringen, floh 1988. (Bundesstiftung Aufarbeitung)

Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und das Zentrum Deutsche Sportgeschichte erinnerten daran heute Abend auf einer Diskussionsveranstaltung.

Das "Zentrum Deutsche Sportgeschichte" um die Historikerin Jutta Braun will die Geschichte der sogenannten "Sportverräter" aufarbeiten. Seit 1994 die Gauck-Behörde eine Studie veröffentlicht hat, gibt es in der Forschung dazu eigentlich keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse, wohl aber wurden im Journalismus viele Geschichten jener Sportler erzählt, die einst die DDR verlassen haben. Es waren mindestens 615 im Laufe der Jahrzehnte. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Das Ministerium für Staatssicherheit, auch verantwortlich für die Geheimhaltung des DDR-Dopingsystems, hat ihnen einen sogenannten Zentralen Operativen Vorgang (ZOV) gewidmet - mit dem Namen "Sportverräter".

Eberhard Gienger, ehemaliger Reckweltmeister und heutiger CDU- Bundestagsabgeordneter, bei einer Diskussion über die sogenannten "Sportverräter" der DDR. Die Diskussion fand am 4. August in Berlin statt, veranstaltet von Bundesstiftung Aufarbeitung (Bundesstiftung Aufarbeitung)Eberhard Gienger, ehemaliger Reckweltmeister, half seinem Konkurrenten Wolfgang Thüne 1975 bei der Flucht. (Bundesstiftung Aufarbeitung)Der ehemalige Turner Wolfgang Thüne ist 1975 nach der Europameisterschaft in Bern von seinem Konkurrenten, dem damaligen Reckweltmeister und heutigen CDU-Bundestagsabgeordneten Eberhard Gienger, in die Bundesrepublik gebracht worden. Gienger war Fluchthelfer und konnte die Geschichte, die in Zeiten des Kalten Krieges jederzeit Gefahr bedeutete, 25 Jahre lang einigermaßen geheim halten. Erst zehn Jahre nach der Wende wurden die Umstände der Flucht bekannt.

Thüne sieht sich nicht als Held. Er war, wie alle Leistungssportler, Begünstigter des Systems, er war kein Widerstandskämpfer. Aber er hat die DDR verlassen:

"Ich hätte diesen Schritt wahrscheinlich nicht getan, wenn auch die Ehe funktioniert hätte. Eigentlich sind das drei Sachen gewesen, wenn man das so sieht. Das ist eigentlich die politische Beeinflussung gewesen, die ganze Zeit. Die sportliche Beeinflussung. Und auch die familiäre Situation. Das waren eigentlich die Ursachen, warum ich dann letztendlich gegangen bin."

Von familiären Problemen spricht auch Hans Georg Aschenbach, in den siebziger Jahren Weltmeister und Olympiasieger im Skispringen. Aschenbach blieb 1988, da war er bereits Sportmediziner bei einem Mattenspringen in Hinterzarten in der Bundesrepublik:

"Niemand, der Kinder macht so was, wenn vielleicht auch dort nicht alles funktioniert. Aber letztlich war für mich ausschlaggebend, dass ich dann in der Berufung zum Arzt für die Nationalmannschaft Skisprung verantwortlich war für die Erarbeitung der Dopingpläne."

Der Armeearzt Aschenbach hätte Dopingsubstanzen an junge Skispringer verabreichen müssen. Das wollte er nicht:

"Das war mir als Mediziner eigentlich ... ich wollte es nicht. Das war letztendlich der ausschlaggebende Grund, wo ich gesagt habe, das will ich nicht. Und die einzige Möglichkeit, das nicht zu tun, ist letztendlich alles zu verlassen, das System zu verlassen und zu versuchen, irgendwo neu anzufangen."

Aschenbach war kein Held. Aber er war der erste DDR-Olympiasieger, der ausführlich über das Dopingsystem berichtet hat - 1989 in der Bild-Zeitung. Er wurde dafür angefeindet. Im Sport bis heute. Und letztlich hat auch Aschenbach, wie Thüne, mit der Flucht seine erste Familie verloren.

"Weil sie das nicht vergessen können und nicht verzeihen, was da passiert ist. Die Ex-Frau sowieso nicht. Mein Sohn auch nicht. Die Tochter hat es nicht so ganz mitgekriegt, die war zwölf. Mein Vater war Parteigenosse, und zwar ein richtiger. Mit dem kann ich heute noch nicht darüber diskutieren, weil er es nicht versteht. Die Einzige, die mich verstanden hat, war meine Mama. Vielleicht sind Mütter da auch ein bisschen anders. Damit muss ich heute auch umgehen."

Über seine Flucht, über das Dopingsystem und über seine Arbeit in der Sportmedizin Freiburg berichtet Hans Georg Aschenbach am Sonntag, den 8. August 2010, ausführlich im Sportgespräch des Deutschlandfunks.

Weitere Informationen:
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Zentrum deutsche Sportgeschichte (ZdS)

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