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StartseiteForschung aktuellFluchtpunkt für Eisbären16.12.2010

Fluchtpunkt für Eisbären

Klimaerwärmung spart Refugium in Nordkanada aus

Umwelt. - 2007 schien das Schicksal der Eisbären besiegelt zu sein - in dem Jahr, als das Meereis in der Arktis so schnell schwand wie noch nie zuvor beobachtet, sah es so aus, als ob ihr Schicksal besiegelt sei. In "Nature" und auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco wird diese Sicht nun zurechtgerückt. Es kann Refugien geben, in denen Tiere wie der Eisbär überdauern können, bis die Zeiten wieder besser - sprich: kühler - werden.

Von Dagmar Röhrlich

Für Eisbären wird es eng. (Andreas Kieling)
Für Eisbären wird es eng. (Andreas Kieling)

Es gibt Hoffnung für Eisbären und Robben: Schließlich soll es selbst am Ende des 21. Jahrhunderts während der arktischen Sommer noch Meereis geben:

"Das arktische Meereis schmilzt in einer wärmeren Welt während des Sommers schnell. Weil die meisten Modellrechnungen jedoch nahelegen, dass es nicht völlig verschwinden wird, haben wir mit Hilfe von Beobachtungsdaten und Simulationen berechnet, wo dieses Eis sein wird, denn es taugt nur dann als Rückzugsgebiet für arktische Tiere, wenn es sich irgendwo anreichert. Unseren Daten zufolge wird es tatsächlich ein Refugium geben und zwar zwischen dem Nordrand des Kanadisch-Arktischen Archipels und dem Nordwesten Grönlands."

Dort sammele sich schon heute das älteste und damit dickste Meereis an, beschreibt Stephanie Pfirman vom Lamont-Doherty Earth Observatory in New York. Selbst am Ende des Jahrhunderts werde es dort rund ums Jahr mindestens eine halbe Million Quadratkilometer Meereis geben. Pfirmann:

"Selbst gegen Ende des Jahrhunderts ist es wahrscheinlich, dass sich auch dann noch in den Wintermonaten neues Meereis bildet, weil es während der halbjährigen Polarnacht sehr kalt wird. Dieses Eis wird dann vor allem vom Wind, aber auch von den Meeresströmungen gegen die Küsten dort getrieben und sammelt sich an."

Allerdings wird sich die Arktis grundlegend verändert haben, schließlich fehlt dann der stabile Eisblock, der bislang das Meer über dem Nordpol ähnlich unpassierbar macht wie es ein Kontinent tun würde. Die Folge: Das Eis aus dem gesamten Nordpolarmeer kann dann dorthin driften:

"Das wirft die Frage nach der Qualität auf, die das Eis hat, wenn es dort ankommt. Für die Robben ist beispielsweise wichtig, dass noch viel Schnee darauf liegt. Außerdem kann das Treibeis Schadstoffe aus dem gesamten Einzugsgebiet einschleppen, denn in der Arktis werden alle Gebiete miteinander verbunden sein."

Wie der Mensch die Arktis erschließt, wird unter diesen Bedingungen für den Naturschutz im Refugium entscheidend sein. Selbst weit entfernte Ölunfälle könnten dann fatale Folgen für die Eisbären oder Robben in ihrem letzten Reservat haben. Dass ihnen wirklich nur dieser Restlebensraum bleibt, das könnte noch verhindert werden, erklärt Steven Amstrup von der privaten Forschungsorganisation Polar Bear International:

"2007 habe ich für den Amerikanischen Geologischen Dienst ein Forscherteam geleitet, das sich mit der Zukunft der Eisbären beschäftigte. Wir kamen zu dem Schluss, dass sie gegen Ende des Jahrhunderts ausgestorben sein könnten, weil es kein Eis mehr gibt, von dem aus sie jagen könnten. Dabei nahmen wir an, dass die Treibhausgas-Emissionen weiterhin steigen wie bisher. Deshalb haben wir jetzt untersucht, ob es einen Punkt gibt, von dem an das Verschwinden des Meereises nicht mehr aufgehalten werden kann und ob eine Reduktion der Emissionen den Eisbären hilft."

Das Ergebnis: Seine Berechnungen zeigen keinen Umschlagpunkt - und wenn die Emissionen deutlich gekürzt würden, stabilisierte sich das Eis, so dass sich die Bären in weiten Teilen ihres heutigen Verbreitungsgebiet mit geringeren Beständen halten könnten. Das gibt zwar Hoffnung, aber Artenschützer beobachten inzwischen einen anderen besorgniserregenden Trend: Wo zunehmend das Eis als Barriere fehlt, kommen verschiedene Bärenarten miteinander in Kontakt. In freier Wildbahn sind Kreuzungen von Grizzly- und Eisbären aufgetaucht. Brendan Kelly von der US-amerikanischen Wetter- und Ozeanographiebehörde:

"Inzwischen gibt es 34 Beispiele für Kreuzungen zwischen nahe verwandten Arten, etwa zwischen Narwal und Weißem Wal oder zwischen Sattel- und Mützenrobbe. Es ist nicht unbedingt schlecht, wenn so etwas passiert. Problematisch wird es, wenn die 'Elternarten' aussterben, weil die eigenen Partner so selten sind, dass sie sie nicht mehr treffen."

Dabei seien die Hybridarten oft biologisch nicht so fit, wie ihre Eltern. In einem deutschen Zoo etwa habe ein junger Hybrid-Bär zwar das Jagdverhalten eines Eisbären gezeigt, erzählt Brendan Kelly, aber er konnte nicht so gut schwimmen. In freier Wildbahn hätte er es wohl schwer gehabt.

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