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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs geht um eine dauerhafte Perspektive21.08.2021

Flüchtende aus AfghanistanEs geht um eine dauerhafte Perspektive

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan wächst in Deutschland die Sorge vor neuer ungeordneter Zuwanderung. Die aktuelle Lage ist jedoch wenig vergleichbar mit 2015, kommentiert Michael Seidel. Dennoch gibt es Lehren aus den Fehlern von damals zu ziehen.

Ein Kommentar von Michael Seidel

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Aus Afghanistan Geflüchtete in einem Flüchtlingslager nahe Moria.  (picture alliance / Nicolas Economou)
Die Chancen für Integration stehen angesichts recht guter Sprachkenntnisse besser als bei vielen der Flüchtenden von 2015, meint Michael Seidel (picture alliance / Nicolas Economou)
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Zum Ende dieser niederschmetternden Woche mit einer rasanten Dynamik rund um die Afghanistan-Krise kann zumindest eines festgehalten werden: Selten waren Politiker in ihrer Hilflosigkeit so schnell bemüht, Kernforderungen von Hilfsorganisationen zu erfüllen.

Angefangen bei der Luftbrücke für Ortskräfte über die Aussetzung von Abschiebungen bis zur Ausweitung der Aufnahme auf besonders gefährdete Menschen. Dennoch blieben viele politische Aussagen vage. Und so bleibt in Teilen der deutschen Bevölkerung – und zwar quer durch die politischen Milieus – die Sorge vor einer neuen ungeordneten Zuwanderung. Doch die Situation ist mit 2015 wenig vergleichbar.

Willkommenskultur lebt

Angesichts der desaströsen Fehleinschätzungen der Dynamik der Machtübernahme durch die Taliban sind Zweifel an den politischen Bereitschaftserklärungen nicht nur verständlich, sondern höchst angebracht. Niemand sollte je wieder vertrauensselig politischen Zusicherungen glauben. Alle müssen kritisch hinterfragt werden, bis der Nachweis ihrer Umsetzung und Wirksamkeit erbracht wird. Das ist eine Lehre aus 2015. Denn zu komplex ist das Geflecht der Zuständigkeiten, der technischen Verknüpfung und der politischen Intentionen vom Bund über die Länder bis zu kommunalen Ausländer- und Sozialbehörden.

Zunächst immerhin gibt es eine große Bereitschaft aus den Bundesländern, aber auch aus einzelnen Städten und Landkreisen, afghanischen Flüchtlingen Zuflucht zu bieten. Willkommenskultur lebt also, trotz aller konservativen und neurechten Verächtlichmachung.

Im Unterschied zu 2015 ist übrigens davon auszugehen, dass die meisten Menschen, die jetzt aus Afghanistan kommen, in bestimmter Weise qualifiziert sind. Außerdem sollten sie von den Institutionen, für die sie gearbeitet haben, registriert sein, sodass ihre Identität und Integrität sich weitaus besser überprüfen lassen dürfte als etwa bei den Migranten, die auf ihrer Odyssee übers Mittelmeer oder die Balkanroute alles Hab und Gut verloren oder absichtsvoll weggeworfen hatten.

Hunger – ein Auslöser für die Fluchtbewegung 2015

Dennoch: Den Ortskräften, den Journalisten, den Frauenrechtlerinnen, die jetzt herausgeholt werden, dürften weitere Menschen folgen, die ein Leben unter dem Taliban-Regime schlicht nicht ertragen wollen. Nicht alle werden nach Deutschland oder Europa ziehen wollen.

Dürre in der Nähe der afghanischen Stadt Kandahar (imago/Xinhua) (imago/Xinhua)Machtübernahme der Taliban - "Afghanistan leidet noch unter einer ganz anderen Katastrophe"
Afghanistan-Kenner Wolfgang Bauer bezweifelt im Dlf aber, dass die Taliban in der Lage seien, die eigentliche Katastrophe des Landes zu bewältigen: Dürre und wachsende Armut.

Umso mehr aber muss Anrainerstaaten geholfen werden, humanitäre Hilfe und Integration zu organisieren. Mit diplomatischem Druck und finanzieller Hilfe auch aus Deutschland.

Was passiert, wenn solche Hilfe ausbleibt, war Anfang 2015 etwa im Libanon zu erleben. Ausbleibende Zahlungen von rund 64 Millionen Dollar an das Welternährungsprogramm beschränkten die Ausgabe von Lebensmittelgutscheinen. Hunger wurde ein Auslöser für die Flüchtlingskrise. Bis dahin wollten die geflohenen Syrer nahe der Heimat bleiben.

Noch im Februar 2015 hatten Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks UNHCR einer deutschen Bundesrats-Delegation in der libanesischen Bekaa-Ebene eindringlich gemahnt: Wenn diese Hilfen ausblieben, würden die Flüchtlinge nicht in ihren eiskalten Zeltlagern ausharren können, sondern übers Gebirge an die Mittelmeerküste ziehen und sich aus dem sichtlich überforderten Land auf den Weg nach Europa machen. Die Hilfen wurden damals zu spät wieder aufgenommen. Aus dem Szenario wurde Realität.

Eine dauerhafte Perspektive für afghanische Familien

Die Situation jetzt ist eine andere. Aber es braucht einen sorgsam überlegten Plan für eine echte Integration der afghanischen Familien in die deutsche Gesellschaft. Denn eines ist klar: Eine schnelle Rückkehr oder gar Rückführung in die Heimat wird es nicht geben können, weil ein Regimewechsel am Hindukusch in unabsehbare Ferne gerückt ist.

Es geht also um eine dauerhafte Perspektive. Und die beginnt damit, diese Menschen nicht über Gebühr in zentralen Einrichtungen ausharren zu lassen, sondern sie zügig in Wohnungen unterzubringen und zwar so, dass keine abgeschlossenen Communities entstehen.

Zudem brauchen diese Menschen berufliche Perspektiven, damit sie auf eigenen Füßen stehen können, für ihr Selbstwertgefühl, aber auch, um nicht dauerhaft von staatlicher Unterstützung abhängig zu sein. Die Chancen für Integration stehen angesichts recht guter Sprachkenntnisse und Ausbildungen weitaus besser als bei vielen der Menschen, die 2015 nach Deutschland geflohen sind.

Expertise für Landesintegrationsprogramme nutzen

Doch ein Selbstläufer wird das nicht. Bislang haben Bund und Länder diese Integrationsarbeit aber zumeist auf engagierte private Vereine und freie Träger abgewälzt. In Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise gibt es landesweit verschiedene Fachdienste, die geräuschlos und erfolgreich arbeiten: So gelang es einer Initiative gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat, sogar Migranten mit prekärem Aufenthaltsstatus zu mehr als 60 Prozent in Arbeit zu vermitteln.

Doch solche Initiativen stoßen permanent an juristische Hürden vor allem im Ausländerrecht oder zumindest an dessen rigide Auslegung durch die Behörden. Die Expertise solcher Akteure aufzugreifen und daraus konzertierte Landesintegrationsprogramme zu knüpfen - das wäre ein neuartiger politischer Ansatz. So schafft man das.

Michael Seidel (Ecki Raff)Michael Seidel (Ecki Raff)Michael Seidel ist seit 1. Januar 2013 Chefredakteur im Zeitungsverlag Schwerin GmbH & Co.KG (medienhaus:nord), in dem die "Schweriner Volkszeitung", die "Norddeutschen Neuesten Nachrichten" (Rostock) sowie "Der Prignitzer" (Land Brandenburg) erscheinen. Er studierte nach dem Volontariat beim DDR-Fernsehen in Leipzig Journalistik, arbeitete zunächst für TV und Radio, 1995 wechselte er zur Tageszeitung "Nordkurier". Mehr als elf Jahre war er Landes-Korrespondent in Schwerin, ab 2006 Newsdesk-Chef im Neubrandenburger Haupthaus, ab 2008 stellvertretender, ab 2009 Chefredakteur beim "Nordkurier". Zu seinen journalistischen Schwerpunkten gehören seit Anfang der 1990er-Jahre die Themen politische Bildung, Bürgergesellschaft und Rechtsextremismus. 

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