Die Nachrichten

Die Nachrichten

Die Nachrichten

Flüchtlinge auf LesbosNeues Lager soll in fünf Tagen fertig sein

Migranten hinter einem Zaun, der ein provisorisches Zeltlager für etwa 3.000 Flüchtlinge auf der Insel Lesbos abgrenzt. (Petros Giannakouris/AP/dpa)
Die griechische Armee hat auf Lesbos ein provisorisches Zeltlager für etwa 3.000 Flüchtlinge errichtet (Petros Giannakouris/AP/dpa)

Die griechische Regierung hat angekündigt, innerhalb von fünf Tagen neue Unterkünfte für die Flüchtlinge auf der Insel Lesbos fertigzustellen. Dort sind nach dem Brand im Lager Moria etwa 12.000 Menschen ohne Dach über dem Kopf und ohne sanitäre Einrichtungen. Einige hundert sind seit Samstag in ein neu errichtetes Zeltlager gezogen, das sie nicht verlassen dürfen.

Unter den dort untergebrachten Menschen sind viele Familien. Nach Angaben des griechischen Militärs bietet das Camp Platz für 3.000 Menschen. Um einer Ausbreitung des Coronavirus vorzubeugen, dürften die Menschen es nicht verlassen.

Angst vor Abschottung

Die ARD-Korrespondentin Isabel Schayani berichtet auf Twitter, dass viele befürchten, erneut in einem geschlossenen Lager eingesperrt zu werden. Manche hätten auch Angst vor einem neuen Brand. Nach Schayanis Angaben versuchen Mitarbeiter des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR und des griechischen Migrationsministeriums, die Menschen zu überzeugen, ins neue Camp zu gehen.

Bei der Aufnahme müssen sich alle Neuankömmlinge einem Corona-Schnelltest unterziehen. Der staatliche griechische Rundfunk ERT berichtete, dass bei sieben Migranten das Virus entdeckt worden sei. Die Betroffenen seien zur Isolation in einen abgelegenen Teil des Zeltlagers gebracht worden. Im Lager Moria waren vor dem Brand 35 Coronavirus-Infektionen registriert worden.

Hilfsorganisationen verteilen Essen heimlich

Die Lage auf Lesbos ist weiter angespannt. Tausende Migranten harren auf den Straßen aus. Schayani berichtet, dass Hilfsorganisationen heimlich Essen verteilen. Die griechische Regierung biete Hilfe nur denen an, die sich wieder in ein Lager begeben. Die Behörden suchen noch nach weiteren Orten, wo Zeltlager eingerichtet werden können. Viele Anwohner auf Lesbos wehren sich gegen die Errichtung neuer Unterkünfte.

Am Samstag war es auf Lesbos immer wieder zu spontanen Demonstrationen und zu Zusammenstößen zwischen Flüchtlingen und Polizisten gekommen. Migranten warfen mit Steinen. Die Polizei setzte Tränengas ein.

Müller: "Moria ist kein Flüchtlingslager, das ist ein Gefängnis"

Der Migrationsforscher Jochen Oltmer kritisierte im Deutschlandfunk-Interview, dass die EU mit Lagern wie in Moria, durch schlechte Lebens- und Wohnbedingungen und durch ein Arbeitsverbot Menschen abschrecken wolle. Diese Abschottungspolitik der EU führe dazu, dass tausende Migranten vergeblich auf ein Asylverfahren warteten.

Ähnlich äußerte sich Entwicklungsminister Gerd Müller von der CSU im Interview der Woche des Deutschlandfunks. Müller sagte, in Moria herrschten inakzeptable humanitäre Standards. "Wer in diesem Lager einmal war, der wird nicht von Flüchtlingslager sprechen, sondern das ist ein Gefängnis." Nun müssten die Menschen verteilt werden. Deutschland könne dabei ein Zeichen setzen.

SPD, Grüne und Linke fordern Aufnahme von mehr Flüchtlingen

In Deutschland geht die Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen weiter. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken forderte in der "Bild am Sonntag", Deutschland müsse vorangehen und könne sich auch unabhängig von der Entscheidung anderer EU-Länder zur Aufnahme weiterer Flüchtlinge bereit erklären. Die Ankündigung von Innenminister Horst Seehofer (CSU), in einem ersten Schritt 100 bis 150 unbegleitete Minderjährige aufzunehmen, reiche nicht aus.

Ähnlich äußerte sich Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Sie hatte sich in den vergangenen Tagen vor Ort über die Lage auf der Insel Lesbos informiert und beschrieb die Situation der Geflüchteten so: "Sie harren mitten im Dreck aus, sind schutzlos der Sonne ausgeliefert, ohne Wasser und genügend Essen." Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch plädierte in de Zeitungen der Funke-Mediengruppe für finanzielle Sanktionen gegen EU-Staaten, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen. Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) schlug im "Tagesspiegel am Sonntag" einen Krisengipfel von Bund, Ländern und Kommunen zur Aufnahme von Flüchtlingen vor. Viele Städte und Gemeinden bieten seit längerem an, Migranten aus den Lagern auf den griechischen Inseln aufzunehmen.

Österreich will Unterkünfte liefern

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz hatte am Samstag bekräftigt, dass sein Land keine Menschen aus dem abgebrannten Lager aufnehmen werde. In einem Facebook-Video sagte er, "wenn wir diesem Druck jetzt nachgeben, dann riskieren wir, dass wir dieselben Fehler machen wie im Jahr 2015". Stattdessen will Österreich 400 Unterkünfte mit Heizungen, Betten und Decken für 2.000 Hilfsbedürftige nach Lesbos transportieren lassen. Zudem würden zehn Sanitäter und ein Arzt des Bundesheeres abgestellt.

Diese Nachricht wurde am 13.09.2020 im Programm Deutschlandfunk gesendet.