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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie EU und das traurige Bild des Westens26.08.2021

Flüchtlinge aus AfghanistanDie EU und das traurige Bild des Westens

Während die letzten Evakuierungsflüge Kabul verlassen, wären schnelle unbürokratische Angebote aus Europa jetzt ein Zeichen der Humanität, kommentiert Bettina Klein. Die EU habe aber in dieser Krise politisch nicht viel zu bieten und müsse aufpassen, dass sie nicht am Ende Teil des Problems werde.

Ein Kommentar von Bettina Klein

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Menschen verlassen ein in Belgien gelandetes Flugzeug aus Afghanistan. BELGA PHOTO BENOIT DOPPAGNE (picture alliance/dpa/BELGA | Benoit Doppagne)
Menschen verlassen ein in Belgien gelandetes Flugzeug aus Afghanistan (picture alliance/dpa/BELGA | Benoit Doppagne)
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Am Flughafen Kabul schließt sich in diesen Stunden ein Zeitfenster. Ein Fenster der Möglichkeiten, im übertragenen Sinne. Und es schließen sich ganz buchstäblich Türen. Grausam zu sehen, wie Menschen in Anbetracht dieser Tatsache versuchen, ihr Leben oder zumindest ihr Schicksal zu retten. Dies ist kein Vergleich, aber verzweifelte Menschen angesichts sich schließender Grenzen rufen auch in Deutschland historische Erinnerungen wach.

Niemand kann sich diesen Bildern entziehen. Und für welche geschlossenen Kapitel sie in Zukunft noch stehen werden, ist im Moment kaum vorherzusehen. Als sei das nicht Schrecken genug, bestätigt sich am Donnerstagnachmittag die Warnung vor Anschlägen am Flughafen. Die den Beginn eines neuen Zeitalters - mindestens - in Afghanistan zu symbolisieren scheinen. Mit unklaren Folgen für den weiteren Ablauf der Ereignisse.

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Die Bundeswehr hat am Donnerstag (26.8.2021) die letzten Evakuierungsflüge abgewickelt und insgesamt mehr als 5.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Die meisten von ihnen, über 4.000, sind afghanische Staatsbürger, die nach Deutschland gebracht werden sollen. Dies sind in etwa die Größenordnungen. Einen Überblick über alle Zahlen zu bekommen, ist nicht einfach, während alle Staaten noch darauf konzentriert sind, möglichst viele Menschen aus dem Land herauszuholen.

EU bereitet sich noch vor

Die USA, ohne deren Fähigkeiten der Flughafen nicht offen gehalten werden kann, evakuierten etwa 100.000 Menschen seit Mitte August. Unklar, was mit ihnen geschieht, wann sie eine neue Heimat finden werden, sofern sie nicht US-Staatsbürger sind oder dort eine Aufenthaltsgenehmigung besitzen sind. Die Dinge sind im Fluss.

Die Europäische Union ist derweil noch dabei, sich vorzubereiten. Nächste Woche Dienstag tagen die Innenminister in einer Sonderkonferenz. Doch es ist unklar, welche Hilfe sie unmittelbar anbieten werden. Und wem sie überhaupt noch helfen können - angesichts der schwindenden Möglichkeiten, das Land überhaupt zu verlassen. Um wie viele Menschen wird sich die EU am Ende also kümmern müssen?

Schnelle unbürokratische Angebote wären jetzt ein Zeichen der Humanität. Stattdessen beschworen diffuse Warnungen aus verschiedenen Hauptstädten die Sorge vor einer neuen Migrationskrise. Während die Zahl von tatsächlich Schutzsuchenden aus Afghanistan in der Zukunft völlig offen ist.

Die finanziellen Leistungen für Hilfsorganisationen wurden zwar aufgestockt. Auch die Nachbarstaaten Afghanistans sollen weiter Unterstützung bei der Versorgung von Flüchtenden bekommen. Doch politisch hat die Europäische Union in dieser Krise nicht viel zu bieten. Sie muss aufpassen, dass sie nicht selbst zum traurigen Bild des Westens beiträgt und am Ende Teil des Problems wird.

Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein ist Korrespondentin des Deutschlandradio im Studio Brüssel. Zuvor war sie seit 2004 Moderatorin und Redakteurin der aktuell-politischen Sendungen im Deutschlandfunk, davor im Deutschlandradio Kultur. Korrespondentenvertretungen in Washington. Recherche-Jahr in den USA. Volontariat im RIAS Berlin und Studium der Fächer Religionswissenschaften, Geschichte und Politik.

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