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StartseiteDlf-MagazinDie Konkurrenz ist groß07.01.2016

Flüchtlinge contra ObdachloseDie Konkurrenz ist groß

Bleiben Obdachlose gegenüber den Flüchtlingen auf der Strecke? Ist die Konkurrenz zwischen Bedürftigen nur gefühlt oder tatsächlich da? Seit Pegida und andere Rechtspopulisten die gesellschaftlichen Randgruppen für ihre Anti-Flüchtlingspropaganda entdeckt haben, stellt sich die Frage - welche gesellschaftliche Sprengkraft steckt darin?

Von Almuth Knigge

Morgens um halb neun in der Bremer Neustadt.  In der Küche der Bremer Suppenengel dampft  es schon im  Kochtopf. Grünkohl  mit Mettwurst und Kassler stehen auf dem Speiseplan, Milchreis, Obstsalat und jede Menge belegte Brote. Was die Lebensmittelspenden und der Vorratskeller eben so hergeben.

Küchenchef: "Ich hab noch jede Menge Rosenkohl zum Schnippeln, säckeweise,  um gleich mal anzukündigen, dass hier nicht nur rumgestanden wird."

Reporterin: "Kommt denn Rosenkohl in Grünkohl ?"

Küchenchef: "Nein, der wird schon vorbereitet, der wird dann eingefroren, dann hab ich mal wieder was."

Reporterin: "Also echt Grünkohl und Rosenkohl das sind beides Sachen, die mag ich überhaupt nicht."

Valtink: "Dann sind Sie genau richtig hier."

Also putzt auch die Reporterin Rosenkohl. Zehn große Säcke, knapp 50 Kilo, müssen in die Kühlkammer.  Zeit für Gespräche. Mit Peter Valtink zum Beispiel, dem Geschäftsführer. Promovierter Physiker und selbst erfahrener Beihilfeempfänger, wie er von sich sagt. Bevor er bei den Suppenengeln angefangen hat zu arbeiten.  Valtink weiß, dass viele "Kunden", wie sie hier  die Bedürftigen und Obdachlosen  nennen, den Flüchtlingszustrom  skeptisch verfolgen - und Angst haben, auf der Strecke zu bleiben.

"Sie ist eigentlich gar nicht real, das ist eigentlich nur eine latente Angst, die da ´ne Rolle spielt, weil das sind ja eigentlich getrennte Welten. Die Flüchtlinge kommen hier  in Auffanglager, in Übergangswohnheime und sind eigentlich völlig getrennt und losgelöst von der Situation der Obdachlosen. Das mag sich vielleicht in naher Zukunft ein bisschen ändern, wenn diese Flüchtlinge auch in den Wohnungsmarkt drängen, aber auch da sehe ich ehrlich gesagt rein objektiv noch keinen großen Grund, dass sich dieser soziale Konflikt noch verschärft."

Noch werden die Flüchtlinge in den Unterkünften versorgt, noch warten viele auf ihre Anerkennung als Asylbewerber, noch sind sie damit beschäftigt, Deutsch zu lernen. Aber irgendwann ist die Konkurrenz um Wohnungen, Arbeitsplätze oder, Kinderbetreuung  da - auch wenn wenige  Politiker das bislang öffentlich sagen.

Um solchen sozialen Konflikten ein bisschen vorzubeugen, haben wir uns das ausgedacht "Flüchtlinge kochen für Obdachlose" - das heißt, wir fahren in die einzelnen Übergangswohnheime mit Leuten von uns und kochen zusammen mit den Flüchtlingen dort - Rezepte, die von den Flüchtlingen kommen.

Keine Solidarität mit Flüchtlingen

Es gibt auch Firmen, die ihre Mitarbeiter zu den Suppenengeln schicken - als Social Day. Beim letzten Mal gab es Kichererbsensuppe mit Hähnchenfleisch. Hat allen geschmeckt, sagt Valtink. Aber viel wichtiger ist der Symbolwert.

"Das ist  eine solidarische Maßnahme und auf diese Art und Weise  beugen wir zumindest ein bisschen diesem sozialen Konflikt vor."

Denn der wird kommen, ist sich Britta Klocke sicher. Auch sie kümmert sich um Wohnungslose. Sie arbeitet der bei der Inneren Mission in Bremen.

"Wir brauchen auch dringend Personal,  wir brauchen Erzieher, wir brauchen Betreuungshelfer und die bewerben sich alle in der Flüchtlingshilfe, es ist einfach jetzt brandaktuell und natürlich auch ´ne schöne Arbeit, weil das Menschen sind, wo die Hilfe sichtbarer ist als bei Wohnungslosen, weil wir haben da ja ewig diesen Drehtüreffekt, das sind ja ganz wenige, die wirklich ihr Leben verändern können."

Die Konkurrenz um Hilfe ist im Moment also eher noch eine Konkurrenz um Helfer und Aufmerksamkeit

- Reporterin: "Wie viel Liter sind das jetzt?"

- Küchenchef: "Das sind heute so 30 bis 35 Liter..."

Mittlerweile ist es Mittag geworden. Der Grünkohl ist fertig,  knapp 100 Stullen sind geschmiert.  Die Essensausgabe im Lloydhof, einer stillgelegten Senatskantine mitten in der Bremer Innenstadt, kann beginnen.  Bis zu 300 "Kunden" haben die Suppenengel täglich.

Nicht die passende Kleidung

Die Stimmung ist ruhig, entspannt, alles ist extrem gut durchorganisiert. Nach 20 Jahren sind die Bremer Suppenengel Hilfeprofis.

"Ich hätte gerne was mit Käse und eine mit Wurst."

Es gibt auch eine kleine Kleiderkammer. Ein paar Frauen wühlen in den gespendeten Sachen. Sie haben schon viele Spendenstellen in der Stadt abgeklappert nach passender  Winterkleidung und sind unzufrieden.

"Momentan ist sehr viel los, ich finde das schade, weil jetzt ich kriege nicht so viel."

"Für die Flüchtlinge wird natürlich mehr gegeben als für uns, das ist klar.Wir müssen unsere Sachen erarbeiten, für die ist das klar, dass sie Flüchtlinge sind, dass sie nichts haben,  dass sie kriegen, aber wie weit soll das gehen?"

"Ja - wie weit soll das gehen. Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Schicksale der Menschen, die auf die Versorgung durch die Suppenengel angewiesen sind"

Vitali: "Wissen sie was, diese Flüchtlinge einfach sollen nach Heimat gehen, gehören nicht zu Europa - alle sind Muslims, alle sind schwarz, einfach gehören nicht zu Europa."

Ist das Islamophobie , Rassismus? Oder sind es Abstiegsängste, die die Bedürftigen hier plagen? Oder doch Sozialneid? Wohl von allem ein bisschen. Deutlich aber wird - sehr groß  ist die Solidarität mit Flüchtlingen nicht:

Heinz: "Na gut, mein Geld krieg ich, das bleibt, da wird mir nichts von genommen. Aber das merkst du, wenn die da hingehen oder wenn unsereiner mal was will, dann heißt es nein, gibt es nicht, und wenn die kommen, die kriegen alles in den Hintern gesteckt, auf Deutsch gesagt, und ich weiß nicht, das finde ich nicht so in Ordnung."

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