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StartseiteInterview"Dänemark muss wieder ein humanes Aufnahmeland werden"10.09.2015

Flüchtlinge"Dänemark muss wieder ein humanes Aufnahmeland werden"

"Es ist beschämend, dass wir nicht so helfen, wie wir könnten", sagte Jette Waldinger-Thierings vom Südschleswigschen Wählerverband im DLF. Dänemark müsse wieder ein humanes Aufnahmeland werden. Es sei Tradition gewesen, Menschen hervorragend zu integrieren und mit offenen Armen aufzunehmen.

Jette Waldinger-Thierings im Gespräch mit Jasper Barenberg

Dänische Polizisten stehen in Rødby vor einem ICE. (picture alliance / dpa / Jens Norgaard Larsen)
Die dänische Polizei bewacht im Bahnhof von Rødby einen Zug, mit dem in der Nacht viele Flüchtlinge aus Deutschland angekommen waren. Die Syrer und Iraker weigern sich, auszusteigen und sich registrieren zu lassen. (picture alliance / dpa / Jens Norgaard Larsen)
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Wegen des Flüchtlingsandrangs hatte Dänemark gestern den Zugverkehr von und nach Deutschland gestoppt. In Rödby saßen daher in zwei Zügen rund 340 Flüchtlinge stundenlang fest. Waldinger-Thierings sagte, sie fürchte, dass die neue Regierung unter dem dänischen Ministerpräsidenten Lars Løkke Rasmussen bewusst die Züge gestoppt hätte. Das Land müsse wieder dazu zurückkehren, die Menschen mit offenen Armen zu empfangen, sagte die Landtagsabgeordnete. Der Südschleswigsche Wählerverband ist die Partei der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein.


Das komplette Interview zum Nachlesen:

Jasper Barenberg: Wir haben heute Morgen darüber berichtet: Immer mehr Flüchtlinge sind in den letzten Tagen in den Norden Deutschlands gereist. Sie wollen weiter nach Schweden, aber die Behörden in Dänemark lassen sie nicht so ohne Weiteres durch. Seit gestern sitzen Hunderte Flüchtlinge im Grenzgebiet fest, weil die Flüchtlinge nicht in Dänemark registriert werden wollen, andererseits aber auch nicht zurückgeschickt werden wollen nach Deutschland. Manche versuchen es dann dies- oder jenseits der Grenze zu Fuß und so mancher strandet irgendwo im Grenzgebiet, zum Entsetzen der Anwohner dort.

O-Ton Anwohnerin: "Da gehen viele Gefühle durch mich durch. Ich bin sehr, sehr traurig, ich bin wütend, ich schäme mich. Aber im Großen und Ganzen schäme ich mich, weil ich denke, die Menschenrechte nicht nur in Dänemark, sondern in der ganzen EU sind völlig fehlgeschlagen."

Barenberg: So eine Anwohnerin vor Ort, und am Telefon ist die Kieler Landtagsabgeordnete Jette Waldinger-Thiering, vom SSW, der Partei der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein. Schönen guten Morgen.

Jette Waldinger-Thiering: Schönen guten Morgen!

Barenberg: Von Scham, Frau Waldinger-Thiering, hat die Frau gerade gesprochen, die das alles mitbekommen hat im Grenzgebiet, und sie hat auch davon gesprochen, dass Menschenrechte verletzt würden, in Dänemark, aber auch in ganz Europa. Wie beurteilen Sie diese chaotisch anmutende Situation seit gestern?

Waldinger-Thiering: Ich muss sagen und ich will der Frau auch Recht geben, es gibt in Dänemark zwei verschiedene Sichtweisen auf die Problematik der Flüchtlinge, und die Frau hat auch ganz richtig zum Ausdruck gebracht und das ist auch eigentlich die Meinung, die vorherrscht in Dänemark, es ist beschämend, dass wir nicht so helfen wollen, wie wir eigentlich könnten. Und ich glaube auch, das ist ganz wichtig, das einfach mal klarzustellen, dass die meisten Dänen einfach gerne helfen möchten, und das sieht man auch. Der erste gestrandete Zug zum Beispiel in Rödekro am Dienstagabend, da sind ja auch Anwohner hingefahren und haben hallo gesagt, haben Getränke eingepackt und was zu essen und haben gesagt, die haben doch Durst, die haben Hunger, wir müssen helfen. Und ich glaube, dieser Appell, der muss einfach nach ganz Europa geschickt werden, dass man ruhig auch nach Dänemark reisen kann, auch wenn die jetzige Regierung unter Staatsminister Lars Lökke Rasmussen ja eigentlich mit der Integrationsministerin einen anderen Weg einschlagen wollte, nämlich dass die syrischen Flüchtlinge oder die Flüchtlinge, die gekommen sind, weiter nach Schweden reisen konnten, damit sie ihr Kontingent abgeben konnten. Ich glaube, das ist auch das, wenn man mit den Flüchtlingen redet und die ganzen Interviews verfolgt. Sie wollen nach Schweden. Sie wollen dorthin, wo sie schon zum einen Familie haben. Sie wollen aber auch dorthin, wo die Aufnahmebedingungen etwas leichter gehen als in Dänemark, und ich glaube, das ist so ein Punkt, den man mitnehmen muss in seinen ganzen Betrachtungen.

Barenberg: Über Schweden würde ich gleich noch mit Ihnen sprechen wollen. Zunächst mal die Situation im Grenzgebiet. Wir haben uns hier in der Redaktion auch gelegentlich gefragt. Wir wissen alle, Schweden ist ebenso wie Deutschland im Moment ein Zielpunkt, ein Wunschort, zu dem die Flüchtlinge wollen. Wie hat sich das in den letzten Wochen schon entwickelt? Waren Sie jetzt überrascht davon, dass auf einmal Hunderte von Flüchtlingen offenbar in den Zügen sitzen auf dem einen oder anderen Weg in Richtung Dänemark? Warum ist das so eskaliert in den letzten zwei Tagen?

Waldinger-Thiering: Ich glaube, es ist so eskaliert, weil der Zug, der erst bei uns in Lübeck ankam, der dann weiterreisen durfte, fahren durfte nach Puttgarden, und die Flüchtlinge, die dort im Zug waren, die dann ja nicht den Zug verlassen wollten, sie wollten auch nicht in die Turnhalle, die wollten einfach mit dem Ziel weiter nach Schweden. Dann wurde ihnen erst gesagt, ja, das könnt ihr, dann könnt ihr nicht, und das sind Zustände, wo natürlich dann auch die Lokalbevölkerung kommt und hilft, helfen will, und dann auch ganz viele aus dem Bereich um Kopenhagen herum, die dann kommen und sagen, passt auf, wir wollen euch helfen, wir nehmen euch mit in unsere Autos, wir fahren euch nach Schweden. Das ist dann die nächste Situation, die dann dort entsteht, dass diejenigen, die dann heute Morgen und auch gestern Nacht Menschen einfach nach Schweden gebracht haben, dann ja auch angeklagt werden für Menschenschmuggel. Das ist eine ganz verfahrene Situation und ich hoffe ganz richtig und wichtig, dass der Staatsminister seinen Worten Taten folgen lässt, damit Dänemark wieder ein humanes Aufnahmeland wird und auch seinen Verpflichtungen nachkommt in einem europäischen Kontext.

Barenberg: Frau Waldinger-Thiering, wir kennen Dänemark, haben jahrelang berichtet über ein Dänemark, das als liberales, offenes Land galt, wenn es um Migranten und um Flüchtlinge geht. Die jetzige rechtsliberale Regierung, Sie haben das angesprochen, fährt einen anderen Kurs. Ist das aus Ihrer Sicht die unmittelbare Vorgeschichte dieser Entscheidung, jetzt durchzugreifen und die Züge zu stoppen?

Waldinger-Thiering: Ich befürchte, dass diese Entscheidung daraus resultiert, dass diese neue Regierung einen anderen Kurs fährt. Ich möchte aber auch dazu sagen, dass die Sozialdemokraten auch diesen Kurs mit eingeschlagen hatten, und ich finde, es geht nie gut, wenn man meint, man will irgendwie um eine Partei rechts herumfahren. Das endet immer in einem ganz fürchterlichen Dilemma, und ich finde, in diesem Dilemma befindet Dänemark sich jetzt. Sie können etwas von Schleswig-Holstein lernen, dass man auch Menschen aufnehmen kann, sie integrieren kann, und das konnte Dänemark immer hervorragend und deshalb ist ja Dänemark auch immer unter den Flüchtlingen und Migranten auch das Ziel gewesen: wir wollen nach Dänemark, da werden wir integriert, dort kriegen wir Sprachkurse, dort haben wir eine Aussicht, dort haben wir eine Perspektive. Und ich hoffe einfach, dass Lars Lökke Rasmussen wieder seinen Worten Taten folgen lässt, die auch zu seinen Worten passen, dass sie wieder dieses Land werden, das mit offenen Armen die Menschen aufnimmt.

Barenberg: In Kiel sind Sie als SSW Teil der Regierung. Was können Sie von Ihrer Seite aus tun, um die Situation jetzt zu verbessern? Immerhin: die Züge rollen ja wieder.

Waldinger-Thiering: Ja, die Züge rollen, und ich glaube, wir als eine Fraktion, die diese Landesregierung mitträgt, können dafür Sorge tragen, dass wir natürlich durch unsere Kontakte nach Dänemark und auch durch unsere Ministerin einfach noch mal die Trommel dafür rühren und sagen, hallo, nehmt die Flüchtlinge auf, lasst uns da irgendwie was gemeinsam machen. Das hat unser Innenminister ja auch gesagt, ihr könntet ruhig ein paar mehr aufnehmen. Ich glaube, das müssen wir auch in einem Dialog unserer Landesregierung machen, und daran wird auch der SSW seinen Part haben, dass das in gute Bahnen gelenkt wird, denn so kann das wirklich nicht weitergehen.

Barenberg: ... sagt heute Morgen hier im Deutschlandfunk Jette Waldinger-Thiering vom SSW, der Partei der dänischen Minderheit. Vielen Dank für Ihre Zeit heute Morgen.

Waldinger-Thiering: Danke für Ihren Anruf. Vielen Dank! - Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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