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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Ich vermisse eine vernünftige Integrationsstrategie"31.08.2016

Flüchtlinge "Ich vermisse eine vernünftige Integrationsstrategie"

Ein Jahr nach Merkels Satz "Wir schaffen das" wird Bilanz gezogen. Die größte Herausforderung sei, bis spätestens Anfang 2017 die Asylverfahren für die angekommenen Flüchtlinge abzuschließen, sagte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Danach müsse man sich um Sprachkompetenz und Bildung kümmern.

Herbert Brücker im Gespräch mit Katja Scherer

In einer ehemaligen Turnhalle auf dem Gelände der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Regensburg (Bayern) sind am 25.09.2015 Flüchtlinge untergebracht. (picture alliance/dpa - Armin Weigel)
Was wurde im letzten Jahr erreicht. (picture alliance/dpa - Armin Weigel)
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Katja Scherer: Die Bundesbehörden beschäftigen einem Bericht zufolge nur fünf Flüchtlinge. Das schreibt die "Bild"-Zeitung und bezieht sich dabei auf eine Anfrage der Linksfraktion an das Bundesinnenministerium.

Dass die Integration von so vielen Menschen mit unterschiedlicher Qualifikation schwierig wird, das war von Anfang an klar. Angesichts solcher Zahlen stellt man sich allerdings doch die Frage: Sind wir eigentlich auf einem guten Weg?

Der Ökonom Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung beschäftigt sich seit Jahren mit der Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt, und ich wollte von ihm wissen: Was haben wir bisher schon erreicht?

Herbert Brücker: Ja, wir haben die gesetzlichen Grundlagen geschaffen, dass ein Teil der Geflüchteten an Sprach- und Integrationskursen teilnehmen kann. Wir haben das sehr spät gemacht, erst im Oktober vergangenen Jahres. Wo wir ein bisschen weiter sind, ist in dem ganzen Bereich Allgemeinbildung/Schule. Das läuft eigentlich ganz gut. Wir sind konzeptionell relativ weit, es gibt gute Programme der Bundesagentur für Arbeit, des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, wie man Integrationskurse und Qualifizierungsmaßnahmen und Ähnliches miteinander kombiniert. Aber nur ein kleiner Teil davon ist jetzt schon völlig in der Praxis umgesetzt.

Scherer: Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen, die jetzt konkret anfallen?

Brücker: Klar ist: Wir müssen es schaffen, dass die Asylverfahren für die Menschen, die im vergangenen Jahr gekommen sind, möglichst bis Ende, Anfang nächsten Jahres auch wirklich abgeschlossen sind. Die Menschen sind da viel zu lange und sind da auch viel zu lange zur Untätigkeit verdammt. Das ist die allergrößte Herausforderung.

Die zweite große Herausforderung ist Sprachkompetenz. Die Menschen, die zu uns kommen, von denen spricht vielleicht fünf Prozent Deutsch. Es sprechen vielleicht nur 10 bis 20 Prozent vernünftig Englisch. Das heißt, wir haben ein Riesenproblem in der Sprachkompetenz.

Dann die nächste große Herausforderung ist: Viele der Menschen, die kommen, haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Und ich würde sagen, das Wichtigste ist Rechtssicherheit, Sprachkompetenz und Bildung.

Scherer: Sie hatten ja schon angesprochen: Es gab in der Vergangenheit sehr viele ambitionierte Projekte von Handwerkskammern, aber auch von Unternehmen, um Flüchtlinge in Arbeit zu bringen. Was ist aus diesen Pilotprojekten geworden? Ist das schon eine nachhaltige Strategie?

Brücker: Pilotprojekte sind gerade keine Strategie. Sie sind gut, da werden auch viele tolle Sachen gemacht, von denen man auch sehr viel lernen kann. Da muss man auch vielen Beteiligten ein großes Lob aussprechen. Aber unter einer Strategie verstehe ich eigentlich, dass sich ein Land wie Deutschland klare Ziele setzt, was es mit der Integration eigentlich erreichen will: Wie viele Menschen sollen in welchem Zeitraum Deutsch lernen? Wann wollen wir wie viele Menschen in den Arbeitsmarkt integriert haben? Solche Ziele sind nie formuliert worden und solange man diese Ziele nicht definiert hat, kann man auch nicht vernünftige Maßnahmen entwickeln. Insofern vermisse ich eigentlich eine vernünftige Integrationsstrategie.

Scherer: Es gibt ja auch immer wieder Unternehmen, die angekündigt haben, Ausbildungsplätze oder Praktikaplätze für Flüchtlinge zu schaffen. Im Nachhinein hat man dann Zahlen gehört, dass es doch nur sehr wenige Unternehmen waren, die de facto Flüchtlinge eingestellt haben. Machen die Unternehmen in Deutschland genug?

Brücker: Das Problem ist: Wir haben keine belastbaren Zahlen. Es geht immer wieder durch die Medien die Zahl, dass die DAX-Unternehmen nur 30, nur 50 Leute eingestellt haben. Das Problem ist: Die DAX-Unternehmen wissen das selber gar nicht, weil man weiß in der Regel nicht, ob jemand als Flüchtling gekommen ist oder als Ausländer einen anderen rechtlichen Status hat. Wir gehen davon aus, dass von den Menschen, die arbeitssuchend gemeldet sind, mindestens zehn Prozent, wahrscheinlich 15 Prozent im Arbeitsmarkt jetzt angekommen sind. Das passiert überwiegend bei kleinen Unternehmen, das passiert sehr häufig bei Unternehmen, die anderen Migranten gehören. Bei den mittleren und bei den Großunternehmen läuft es leider nicht ganz optimal. Ich glaube, die könnten in der Tat mehr tun. Und sie müssen, glaube ich, auch flexibler werden. Man muss sich im Prinzip ein bisschen lösen von unserer Welt der perfekten Zertifikate mit dualer Berufsausbildung und muss ansetzen an dem, was die Menschen mitbringen.

Scherer: Sie hatten angesprochen: Ganz wichtig ist es, dabei klare Ziele zu haben. Wer ist jetzt in der Pflicht? Wenn man zum Beispiel die nächsten zwölf Monate anschaut, was konkret müssen wir dann schaffen?

Brücker: Ich denke, wir brauchen Ziele, wir brauchen Strategien und wir brauchen Verantwortlichkeiten. Es gibt jetzt klare Adressaten: Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge liegt die Verantwortung für die Durchführung der Asylverfahren. Die Frage mit den Integrationskursen liegt eigentlich auch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Wir müssen klar definieren, welche Akteure welche Teile bei der Bildung machen. Da liegt viel bei den Ländern, Schulbildung, aber da liegt auch viel Verantwortung bei den Hochschulen. Und wie gesagt: Wir brauchen da Ziele, wir brauchen da Mittel, wir brauchen die entsprechenden Maßnahmen, und da würde ich sagen, ist das Glas maximal halb voll, weil in vielen Bereichen fehlt es entweder an Mitteln, oder an Strategien, oder an Zielen, oder an allem zusammen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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