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StartseiteCampus & KarriereEine Chance für die Zukunft25.11.2015

Flüchtlinge im HandwerkEine Chance für die Zukunft

Die Integration von Flüchtlingen ist eine große Aufgabe, und Bildung ist dabei ein Schlüssel. In Köln läuft seit September ein Pilotprojekt, in dem Flüchtlinge zielgerichtet auf eine Ausbildung im Handwerk vorbereitet werden. Bundespräsident Gauck kam zu Besuch und wurde kritisch in Augenschein genommen - aber nicht wegen seines Amtes.

Von Moritz Küpper

Bundespräsident Joachim Gauck spricht am 24.11.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) im Bildungszentrum Butzweilerhof mit einem Auszubildenden im Kfz-Handwerk aus einer Zuwandererfamilie. (Picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Bundespräsident Joachim Gauck spricht mit einem Auszubildenden im Kfz-Handwerk aus einer Zuwandererfamilie. (Picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Azad Danane schaut kritisch hinüber: "Für seine Alter ist es sehr gut und eine klassische Frisur und sieht toll aus, ja."

Der 30-jährige Iraker steht neben einem Spiegel im Bildungszentrum Ossendorf, erste Etage, der Raum des Friseur-Handwerks. Ein paar Meter weiter steht - mit klassischem grauem Haarschnitt - der Bundespräsident. Joachim Gauck unterhält sich mit zwei Mädchen, die - ebenfalls wie Danane, der Gaucks Frisur beurteilt - hier lernen wollen. Es ist ein bundesweites Pilotprojekt, dass die Handwerkskammer Köln anbietet und von dem sich das Staatsoberhaupt ein Bild machen wollte.

22 Flüchtlinge, darunter acht aus Syrien, fünf aus Eritrea und zwei aus dem Irak, absolvieren eine zehnmonatige Berufsvorbereitung. Denn: Lernen ist wichtig, weiß auch Danane: "Für mich Ausbildung ist sehr wichtig. Ohne Ausbildung man muss nicht bleiben. Kann man seinen Kindern später sagen: Ich habe eine Ausbildung."

Insgesamt neun Prozent der Auszubildenden im Bezirk der Handwerkskammer Köln haben einen ausländischen Pass, noch einmal etwa der doppelte Anteil kommt aus Zuwandererfamilien. Da lag es nahe, einen Vorbereitungskurs für Flüchtlinge ins Leben zu rufen. Die Idee: In zehn Monaten lernen die 22 Teilnehmer vormittags vier Stunden Deutsch, dazu gibt es Unterricht in Mathematik und weiteren Fächern. "Und am Nachmittag geht es dann in die unterschiedlichsten Werkstattbereiche. Am Anfang ein rollierendes System, wo jeder überall mal hinkommt zu Bau, Elektro, Metall, Holzverarbeitung", berichtet Richard Draga, der stellvertretende Leiter des Bildungszentrums.

"Und in der Schlussphase geht es nach Interessenslage. Das heißt, da wo sich Interessen zeigen und ausbilden, werden wir natürlich auch dafür sorgen, dass diejenigen dann entsprechend untergebracht sind." Das Ziel: Im Anschluss sollen alle Teilnehmer die Ausbildung und die anschließende Prüfung schaffen.

"Wir haben ein Komplett-Paket: Sprachliche Vorbereitung inklusive werkstattlicher, praktischer Vorbereitung. Und das Ganze geht natürlich auch ineinander über: Das heißt, Sie lernen im Deutsch-Unterricht nicht nur Guten Tag, Guten Morgen, Guten Abend, sondern, die lernen auch wirklich fachbezogenes Deutsch."

In mittlerweile elf Sprachen informiert die Handwerkskammer über Ausbildungsberufe, demnächst kommt ein Faltblatt auf Arabisch hinzu. Nicht zuletzt aus Eigeninteresse, wie Ausbilder Draga meint: "Mittelfristig brauchen wir Nachwuchs im Handwerk und ich sehe in dem Flüchtlingsstrom eine Chance, diesen Markt zu decken."

Eine Meinung, die auch der Bundespräsident vertritt. Deswegen ist er nach Köln gekommen, deswegen schaute er sich erst die Kfz-Lern- sowie die Baulehrwerkstatt an und deswegen bleibt er im Ausbildungsraum der Friseure kurz stehen - direkt neben Azad Danane - und spricht zu den begleitenden Reportern: "Wenn wir diese Reserve heben wollen, brauchen wir diese kombinierten Aktivitäten hier, von Kammern, von einzelnen Betrieben, auch die öffentliche Hand fördert hier verschiedene Dinge, hier ist eine Erstbegegnung mit verschiedenen Handwerksberufen."

Bisher hat keiner der Teilnehmer das im September begonnene Programm verlassen, wie Ausbildungsleiter Draga stolz berichtet. Und sollte sich herausstellen, dass die Vorbereitung gut läuft und auch in sechs Monaten machbar sei, ließen sich noch mehr Flüchtlinge auf diesem Weg integrieren: "Dann könnten wir uns überlegen, ob wir zu einem späteren Zeitpunkt eine zweite Gruppe hier im Hause einmal durchführen und die dann parallel zur ersten Gruppe durchlaufen, aber: Das alles wird sich zeigen, da müssen auch wir Erfahrungen sammeln."

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