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StartseiteEine WeltDas Leid der Kinder 23.07.2016

Flüchtlinge im IrakDas Leid der Kinder

Eine internationale Geberkonferenz für den Irak hat Zusagen von mehr als 2,1 Milliarden Dollar für den Kampf der Regierung des Landes gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" erbracht. Doch Geld allein kann dem Land nicht helfen. Die schwere Regierungskrise muss beendet werden, sagen Beobachter. Derweil leiden die Menschen in den Flüchtlingslagern weiter.

Von Anna Osius

Ein Kind in einem Flüchtlingslager in der irakischen Stadt Erbil (dpa / picture-alliance / Str)
Ein Kind in einem Flüchtlingslager im Irak. Das Leben ist hart, vor allem die Kleinen leiden. (dpa / picture-alliance / Str)
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Völlig entkräftet kommen sie im Flüchtlingslager westlich von Bagdad an: Frauen tragen unterernährte Babys und Kinder, die zu schwach sind, um zu laufen, alte Männer schleppen sich an Krücken durch den staubigen Sand, gestützt von Helfern. Bilder, die sich in den vergangenen Monaten im Irak fast täglich wiederholen. 

"Der Islamische Staat hat uns großes Leid zugefügt", erzählt eine alte Frau, das Gesicht halb hinter einem staubigen Tuch verborgen. "Wir mussten unter schrecklichen Umständen leben. Gott sei Dank sind jetzt die irakischen Truppen gekommen und haben uns gut behandelt."

Fast 3,5 Millionen Menschen sind innerhalb des eigenen Landes auf der Flucht, seit die Gewalt im Irak Anfang 2014 eskalierte: Die Terrormiliz Islamischer Staat brachte große Teile des Landes unter seine Kontrolle. Die irakischen Regierungstruppen versuchen mit Hilfe der internationalen Anti-IS-Koalition, Gebiete von den Islamisten zurückzuerobern. Zunehmend erfolgreich: Zuletzt konnten sie den IS aus der Stadt Fallujah zurückdrängen. Doch jedes Gefecht, jede Frontverschiebung löst eine neue Flüchtlingswelle aus.

Schlange stehen in brütender Hitze – Alltag im Flüchtlingscamp

"In diesem Camp fangen wir die Vertriebenen aus Fallujah auf, erzählt Carsten Hansen, der für den Norwegian Refugee Council südlich von Fallujah im Einsatz ist. 60.000 Menschen sind hier angekommen und leben unter sehr schwierigen Bedingungen. Wir verteilen jetzt einfache Dinge wie Matratzen und Decken, denn viele hier haben die letzten Wochen auf dem Sandboden geschlafen, ohne irgendeine Versorgung."

Schlange stehen in brütender Hitze für ein paar Liter sauberes Wasser – Alltag im Flüchtlingscamp. Der heiße Wüstenwind fegt durch die provisorischen Zelte und Container, Großfamilien teilen sich einen Raum, Kinder schlafen auf dem Boden im Staub. Vor allem sie sind die Leidtragenden des Konflikts, berichten humanitäre Helfer. Fast fünf Millionen Kinder sind es, die im Irak dringend humanitäre Hilfe brauchen – das ist jedes dritte Kind im Land. Wenn sie den Konflikt überhaupt überleben, denn der IS hat es bei seinen Gräueltaten gezielt auf die Kinder abgesehen:

"Eltern im Flüchtlingscamp haben mir erzählt, wie der IS ihre beiden Kinder, sechs und neu Jahre alt, vor ihren Augen getötet hat", berichtet Justin Forsyth, Direktor bei Unicef. "Sie haben ihnen einfach die Kehle durchgeschnitten. Eine Mutter erzählte, dass ihr 14-jähriger Sohn neben ihr stand und erschossen wurde. Sie lassen die Eltern leben und töten die Kinder."

Die Kinder, die überlebt haben, sind oft traumatisiert und wissen nicht, wohin. Viele haben seit Jahren keine Schule mehr besucht. Eine verlorene Generation?

Vor allem geht es um die Versorgung mit dem Nötigsten

"Wir können uns nicht erlauben, eine ganze Generation von Kindern zu verlieren, weil sie keine Bildung haben", warnt Justin Forsyth. "Wir versuchen, provisorische Schulen in den Flüchtlingscamps aufzubauen und Lehrer auszubilden. Damit die Kinder wenigstens etwas lernen, inmitten dieser Konflikte und Kriege."

Es geht um Bildung, aber vor allem geht es um die Versorgung mit dem Nötigsten: Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind insgesamt mehr als zehn Millionen Menschen im Irak dringend auf lebenserhaltene humanitäre Unterstützung angewiesen – das sind mehr Menschen, als die Einwohner von Berlin, Hamburg, München und Köln zusammen.

Die Vereinten Nationen haben ausgerechnet: Sie brauchen für ihren humanitären Einsatz rund zwei Milliarden US-Dollar. Das war der Grund für die Geberkonferenz, die in der vergangenen Woche in Washington stattgefunden hat und die diese Unterstützung zusagte. Doch Geld allein kann dem Irak nicht helfen – da sind sich Beobachter einig. Wathiq al-Hashim leitet die irakische Gruppe für strategische Studien, eine Denkfabrik in Bagdad. Er sagt, dass die Regierungskrise in Bagdad so schnell wie möglich beendet werden müsse, um der konfessionell motivierten Gewalt wirksam entgegentreten zu können:

Bald steuern die Kämpfe im Irak auf einen neuen Höhepunkt zu

"Der Irak erlebt eine schwere politische Krise, eine der schlimmsten seit der Gründung des Landes 1921. Wenn die politischen Blöcke sich weigern, für das Wohl des Landes Kompromisse zu schließen, dann wird es noch auf längere Zeit konfessionelle Spannungen und politische Fehden im Land geben."

Bald steuern die Kämpfe im Irak auf einen neuen Höhepunkt zu: Die irakischen Regierungstruppen wollen zusammen mit der Anti-IS-Koalition versuchen, die Großstadt Mossul vom IS zurückzuerobern. Mossul ist seit mehr als zwei Jahren in den Händen der Terrormiliz. Damit werden auch die Flüchtlingszahlen weiter anstiegen: Helfer rechnen mit rund einer Million weiterer Flüchtlinge und planen derzeit acht neue, große UN-Flüchtlingslager. Und da sei die Internationale Gemeinschaft gefragt, sagt Lisa Grande, humanitäre Irak-Koordinatorin bei den Vereinten Nationen: 

"Es ist unsere Verantwortung als Weltgemeinschaft, den Menschen im Irak in ihrer dunkelsten Stunde beizustehen".

Einen Beistand, auf den trotz aller Zusagen auf der Geberkonferenz immer noch zehntausende Iraker dringend warten – bei ihrer Flucht vor dem Grauen des Islamischen Staates.

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