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StartseiteInformationen am MorgenDüstere Zukunftsaussichten16.11.2015

Flüchtlinge in der TürkeiDüstere Zukunftsaussichten

Nichts zu tun, keine Arbeit, keine Perspektive: Das ist der Alltag für viele syrische Flüchtlinge in der Türkei. Viele sehen deshalb derzeit in der Türkei keine Zukunft - und werden deshalb in Richtung Europa gehen.

Von Thomas Bormann

Flüchtlinge warten an einer Bushaltestelle in Istanbul. (picture alliance / dpa / Sergey Stroitelev)
Flüchtlinge warten an einer Bushaltestelle in Istanbul. (picture alliance / dpa / Sergey Stroitelev)
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Hussein Rashid aus Aleppo war froh, dass er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in die Türkei flüchten konnte. In Istanbul haben sie eine kleine, sehr einfache Wohnung gefunden. Hussein Rashid schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Das Geld reicht gerade so, aber auch nur, weil seine 15-jährige Tochter als Kellnerin arbeitet und sein 12-jähriger Sohn in einer Autowerkstatt etwas Geld verdient. Beide gehen nicht zur Schule, aber das ist eh sehr schwierig für syrische Flüchtlingskinder in der Türkei, klagt Hussein Rashid:

"Wir wollten unsere jüngeren Kinder zur Schule anmelden, aber der Schul-Leiter hatte immer wieder gefordert, wir müssten noch Papiere und Dokumente vorlegen. Am Ende haben sie unsere Kinder nicht in die türkische Schule aufgenommen."

"Ich mache den ganzen Tag nichts", sagt die 9-jährige Tochter Suzanne. "Ich schaue nur Fernsehen. Freunde hab ich nicht."

So leben Hunderttausende syrische Flüchtlingskinder in der Türkei: Sie haben nichts zu tun - oder sie arbeiten, weil die Familie sonst nicht über die Runden kommt.

Besser sieht es in den Flüchtlingslagern in der Türkei aus. In den Lagern gehen fast alle Kinder zur Schule. Die türkische Regierung hat insgesamt 24 Lager eingerichtet mit Platz für 250.000 Personen.

Trotzdem - ein Leben im Lager ist keine Dauerlösung. Viele Flüchtlinge fühlen sich dort eingesperrt und wollen sich eine neue Existenz aufbauen.Doch die Türkei bietet dazu kaum Chancen - weder für die Flüchtlinge in den Lagern noch für die bis zu zwei Millionen Syrer, die sich auf eigene Faust in der Türkei durchschlagen. Die meisten bekommen weder Sozialhilfe noch eine Arbeitserlaubnis. So bleibt den Flüchtlingen nur schlecht bezahlte Schwarzarbeit. Nicht jeder findet etwas.

"Im Moment kann ich gar nichts machen", sagt ein 19-jähriger Syrer in Istanbul. Sein Freund, der in Syrien eine Ausbildung als Zahntechniker abgeschlossen hat, schuftet als Hilfsarbeiter in einer Schuhfabrik in Istanbul - für den Hungerlohn von umgerechnet 170 Euro im Monat. "Im Frühling, wenn es auf dem Meer nicht mehr so gefährlich ist, werde ich auch über Griechenland nach Deutschland flüchten", sagt er, aber sein Freund warnt:

"Viele Menschen sind dabei gestorben, sie sind im Meer ertrunken, das ist kein guter Weg. Tausende aber gehen trotzdem diesen Weg."

Der Istanbuler Politikwissenschaftler Ersin Kalaycioglu meint, Präsident Erdogan mache es sich viel zu einfach, wenn er sich immer wieder rühmt, die Türkei habe mehr als zwei Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen:

"Viele dieser Menschen sehen für sich in der Türkei keine Zukunft - auch nicht in Syrien, aber in Europa. Wir wissen nicht, wie viele es sind, aber es mögen Hunderttausende sein. Unter den gegebenen Umständen werden diese Leute auf jeden Fall gehen wollen. Erdogan müsste das ändern, indem den Menschen Jobs angeboten werden, Bildung, Gesundheitsversorgung und irgendeine Zukunft.

Hussein Raschid, der Familienvater mit den fünf Kindern in Istanbul, tut es in der Seele weh, dass er seine älteren Kinder zum Arbeiten schicken muss, damit die Familie über die Runden kommt. Dabei ist er doch vor allem deshalb aus Syrien geflüchtet, damit seine Kinder eine Zukunft haben. Hussein Rashid:

"Ich hoffe, meine Kinder werden eines Tages studieren können. Es wäre eine Schande, wenn sie keine Bildung bekommen. Ich hoffe, sie werden eine bessere Zukunft haben - weit weg vom Krieg."

 

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