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StartseiteDeutschland heuteMenschenverachtende Zustände10.08.2015

Flüchtlinge in DeutschlandMenschenverachtende Zustände

Die hohen Temperaturen der vergangenen Tage machen den vielen Flüchtlingen in Deutschland zu schaffen. Besonders dramatisch ist die Lage in Berlin - vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber im Stadtteil Moabit. Die Behörde ist völlig überlastet, Hunderte Flüchtlinge müssen draußen ausharren, bis sie registriert werden.

Von Verena Kemna

Ein Flüchtlingskind sitzt in Berlin auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales auf einem Grünstreifen. (pa/dpa/Zinken)
Ein Flüchtlingskind sitzt in Berlin auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales auf einem Grünstreifen. (pa/dpa/Zinken)
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Über dem von der Hitze verdörrten Rasen hängt der Geruch von Staub. Neben extra aufgestellten Toilettenhäusern steht ein großer LKW mit der Aufschrift: Röntgenmobil. Frauen mit Kopftüchern und langen Kleidern sitzen auf dem Boden, einige stillen ihre Babys. Junge Männer laufen unruhig Auf und Ab, sprechen arabische Wortfetzen in ihre Handys, andere Stehen in kleinen Gruppen. Wo der Eingang zum Landesamt für Gesundheit und Soziales genau ist, lässt sich nur erahnen. Ein Menschenknäuel drängt sich vor dem Gebäude der Zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Berlin-Moabit. Der Berliner Familienvater Frithjos Borbe ist seit zwei Tagen einer von vielen ehrenamtlichen Helfern, neben ihm eine schmächtige Frau mit ockerfarbenem Kopftuch und langem Kleid. Sie bleibt stumm, wirkt verängstigt.

"Sie ist alleine, sie hat ihre Familie im Libanon gelassen. Ihr Mann hat dort Arbeit, vier Kinder, einen Sohn hat sie verloren, der ist erschossen worden. Sie versucht jetzt natürlich die nachzuholen irgendwie."

Die Frau ist aus Syrien geflohen, sagt Frithjos Borbe. Er und seine Frau Jana haben die Syrerin am Wochenende vor einer überfüllten Notunterkunft abgeholt und erst mal bei sich zuhause übernachten lassen.

"Wir haben unser Kinderzimmer für sie geräumt, aber das geht auf Dauer nicht. Jetzt haben wir ihr eine andere Unterkunft organisiert, aber, wir versuchen sie natürlich weiterhin zu betreuen. Wir besorgen ihr jetzt auch ein Telefon und Telefonkarte, damit sie erreichbar ist. Auch über Soziale Medien, haben wir einen Dolmetscher organisiert und Kleidung. Sie hatte nur das, was sie am Leib getragen hat und dann haben wir Wechselsachen organisiert, ein bisschen Unterwäsche.

Überforderte Behörden

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales ist zuständig für die Unterbringung der Flüchtlinge. Doch mit weniger als 1.000 Mitarbeitern offensichtlich völlig überfordert. Nicht nur die Opposition, auch die regierende SPD spricht von unmenschlichen Bedingungen auf dem Gelände. Geändert hat sich bisher nichts. Der Berliner Frithjos Borbe ist entsetzt.

"Also ich finde es traurig und peinlich, dass in einem so reichen Land wie Deutschland solche Zustände herrschen. Am Donnerstag, Freitag mussten Leute hier draußen schlafen. Wir waren ja am Samstag bei einer Notunterkunft und da hat es auch nicht für alle gereicht. Ich finde, das kann eigentlich nicht sein. "

Er hält Formulare in der Hand. Es sind Papiere, die der syrischen Flüchtlingsfrau bei ihrem Start in Berlin helfen sollen. Doch es ist alles auf Deutsch, für die Frau völlig unverständlich. Viele irren mit ihren Papieren in der Hand durch Berlin und haben keine Ahnung wo sie eigentlich hin sollen, sagt Jana Voigt. Sie unterstützt ihren Mann Frithjos und ist fest entschlossen, der Syrerin auch weiterhin zu helfen.

"Sie hatte einen Hotelgutschein, das wusste sie gar nicht, deswegen hat sie vor dem Heim geschlafen weil keiner ihr das gesagt hat. Sie kann es nicht lesen, also es ist menschenverachtend."

Hilfe aus der Bevölkerung

Neben ihr steht Reyna Bruns, auch die junge Regisseurin hat sich spontan entschlossen zu helfen. Sie wohnt nur wenige Meter von der Zentralen Aufnahmestelle entfernt am Tiergarten und hat einer jungen Mutter mit Tochter und Sohn am Wochenende ein frei stehendes Zimmer angeboten. Es sei ihr nicht leicht gefallen, meint sie, aber die Flüchtlinge aus Afghanistan hätten sonst schutzlos im Park übernachtet.

"Ich habe dann hin- und her überlegt, gedacht, es geht einfach gar nicht, geguckt ob jetzt da Frauen und kleine Kinder, Familien sind. Und die waren irre ängstlich, irre höflich, wahnsinnig rücksichtsvoll. Die haben mich immer gefragt, ob es auch wirklich kein Problem ist und ich habe sie dann heute früh hier vor dem Amt abgesetzt und gucke jetzt mal, dass ich sie wiederfinde."

Sie sucht in der Menge nach ihrer Flüchtlingsfamilie. Jana Voigt und Reyna Bruns sind sich zufällig vor der Zentralen Aufnahmestelle begegnet und froh darüber.

"Die Heime sind voll, es kommen ja immer mehr, es ist einfach voll – übrigens, diese Geschichte mit dem Park, das war nicht die Idee der Familie dahin zu gehen, sondern das war die Security, die am Wochenende, als das Amt zu war, gesagt hat, da hinten ist ein Park, kommt am Montag wieder."

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