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StartseiteDeutschland heuteTröglitz ist nicht überall09.04.2015

Flüchtlinge in DeutschlandTröglitz ist nicht überall

Gießen gilt als die Flüchtlingshauptstadt Hessens. Allein in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge leben aktuell rund 3.000 Menschen. Anders als in Tröglitz blickt man in Gießen auf eine lange Tradition der Flüchtlingspolitik zurück.

Von Ludger Fittkau

Flüchtlinge sitzen auf Feldbetten in einem Zelt der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen. (picture alliance / dpa/ Boris Roessler)
Wenn die Kapazitäten der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen ausgelastet sind, müssen Neuankömmlinge in Zelten untergebracht werden. (picture alliance / dpa/ Boris Roessler)
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Eine Bushaltestelle am Stadtrand von Gießen. Ganz in der Nähe liegt eine alte US-Kaserne, die als Flüchtlingsunterkunft dient. Eine Gruppe junger Afrikaner will von hier aus mit dem Bus in die Gießener Innenstadt fahren. Sekreya ist 16 Jahre alt und kommt aus Somalia.

"Ich kam vor rund vier Monaten hier an. Es ist besser, als dort, wo ich herkam. In Somalia herrscht Krieg. Ich habe hier um Asyl gebeten und hoffe, dass mein Leben weitergeht."

Weitergegangen ist das Leben seit Jahrzehnten für viele Heimatlose, nachdem sie in Gießen waren. Denn Gießen ist so etwas wie die hessische Flüchtlingshauptstadt, sagt der Gießener Regierungspräsident Dr. Lars Witteck:

"Das kann man durchaus so sagen. Gießen hat eine lange Tradition in der Aufnahme von Flüchtlingen. Schon 1946 ist eine Barackensiedlung für ehemalige deutsche Kriegsgefangene und Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten entstanden.
Gießen war dann seit den 50er-Jahren bis 1989/90 zentrale Aufnahmestelle des Bundes für Flüchtlinge aus der DDR und anderen Ostblockstaaten. Und seit 1991 befindet sich hier die hessische Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge, insbesondere für Asylbewerber.
Das bedeutet, Gießen hat seit dem Zweiten Weltkrieg eine lange Erfahrung mit der Aufnahme von Flüchtlingen."

Nicht alles ist perfekt

Rund 3.000 sind zurzeit alleine in der Kaserne untergebracht, vor der die jungen Afrikaner auf den Bus warten. Zur Gruppe gehört ein 17-Jähriger aus Ghana, der seinen Namen nicht nennen will. Er ist enttäuscht von den ersten Wochen in Deutschland. Die Leute hier seien unfreundlich, sagt er. Er hat den Eindruck, die Gießener fürchten sich vor Schwarzafrikanern:

Gleich nebenan an der Haltestelle steht Nicole Julia Behrens. Die Frau Mitte 30 hat eine etwa achtjährige Tochter an der Hand. Das einige ihrer Nachbarn sich vor den Flüchtlingen aus Afrika fürchten - das sei tatsächlich so, bestätigt sie. Aber längst nicht alle:

"Ich denke, das ist ganz unterschiedlich. In Gießen ist sowieso alles kunterbunt gemischt. Aber Alteingesessene haben natürlich Probleme damit. Ich meine, die haben Probleme mit allem, was sich verändert."

Was zu den sichtbaren Veränderungen in Gießen gehört, sind große Zelte, die auf dem Kasernengelände stehen, auf dem die Flüchtlinge untergebracht sind. Teilweise müssen Neuankömmlinge einige Tage lang in diesen Zelten schlafen. Lars Witteck, der zuständige Gießener Regierungspräsident:

"Mir gefällt das nicht. Ich mag keine Zelte, das ist für mich keine Frage von Temperaturen oder von Feuchtigkeit draußen. Es ist aber tatsächlich so, dass durch die massive Entwicklung der Zahlen und auch dadurch, dass im vergangenen Herbst einige Einrichtungen anderer Bundesländer geschlossen waren, wir gezwungen waren, Zelte aufzustellen und das dieses Provisorium bis heute anhält. Und wir hoffen sehr, dass durch die Einrichtung neuer Außenstellen, die erste wird in Neustadt Ende April oder Anfang Mai bezugsfertig sein, wir dieses überwinden können."

Dann wird auch wieder eine Journalistengruppe die neue Unterkunft besichtigen dürfen, verspricht das Regierungspräsidium. Im Normalbetrieb der Gießener Flüchtlingsunterkünfte müssen Reporter nämlich draußen bleiben. Die Unruhe wäre zu groß, sagt die Behörde.

Deutsch lernen hilft

Also spreche ich draußen vor dem Zaun an der Bushaltestelle mit den jungen Afrikanern, die in das Stadtzentrum fahren wollen. Anders als der von Deutschland frustrierte junge Mann aus Ghana, der von einer Weiterreise nach Kalifornien träumt, will der 16-jährige Sekreya aus Somalia gerne in Deutschland bleiben:

"I am learning – Deutsch."

Die deutsche Nachbarin Nicole Julia Behrens kann das nur begrüßen.

"Natürlich ist es leichter für sie selbst, sich zu verständigen. Weil man ja angesprochen wird, wo kann man hier einkaufen gehen oder wo ist irgendwas. Und dann ist es auch schwierig für die Jungs, das auf die Reihe zu kriegen, ja."

Dabei hilft, dass die Flüchtlinge die Erstaufnahme-Einrichtung meist schon nach wenigen Wochen wieder verlassen können. Dann nämlich werden sie auf kleinere Unterkünfte und Wohnungen im gesamten Bundesland aufgeteilt. Dort soll es dann auch regelmäßigen Deutschunterricht geben. Dann können die Flüchtlinge die Erfahrung in der Gießener Massenunterkunft mit den Schlafzelten auf dem eingezäunten Kasernenhof schnell abschütteln, hofft Nicole Julia Behrens:

"Ich glaube, dass sie sich da gegenseitig ein bisschen auf den Keks gehen. Mal ganz ehrlich, würde es Ihnen gefallen, mit mehreren tausend Menschen zusammen in einen Käfig gepfercht zu werden?"

Nein, ganz ehrlich, das würde mir auch nicht gefallen. Auch nicht in Gießen, der routinierten Flüchtlingshauptstadt Hessens.

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