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StartseiteEuropa heuteAm Limit16.08.2016

Flüchtlinge in ItalienAm Limit

Zwar sind seit fast einem Jahr Kriegsschiffe der EU im Einsatz, um Schlepper zu überführen - trotzdem ist die Zahl der Flüchtlinge, die in Europa ankommen, nicht kleiner geworden. Die Lager in Italien sind restlos überfüllt. Viele Flüchtlinge wollen weiter in andere Länder, aber dürfen es nicht. Dazu kommt der Protest der Einheimischen.

Afrikanische Flüchtlinge auf Sizilien sind in Wärmedecken eingehüllt. (picture alliance / dpa / Olivier Corsan)
Viele der Menschen, die nach Italien fliehen, kommen aus Libyen. (picture alliance / dpa / Olivier Corsan)
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Achike Onyesue kam vor einem halben Jahr auf einem Boot nach Sizilien und wartet seither in Palermo auf den Asylbescheid. Jeden Tag sieht er Neuankömmlinge in seiner Behelfsunterkunft, andere dagegen verschwinden über Nacht.

"Das sind jene, die es in dem Lager nicht mehr aushalten und auch nicht auf der Straße enden wollen. Sie fliehen weiter, nach Frankreich oder Deutschland, wo sie Angehörige haben. Das ist ihr Ziel."

Menschen wollen weiter nach Frankreich

Doch das ist immer schwerer zu erreichen. Die Grenzen in Norditalien werden genauer kontrolliert. Grenzschützer in Österreich, Frankreich und der Schweiz fangen viele der Flüchtlinge ab und schicken sie täglich zu Hunderten nach Italien zurück, so wie es die Dublin-Regeln vorschreiben. In der ligurischen Grenzstadt Ventimiglia herrscht deshalb seit einer Woche Aufruhr. Hunderte von Immigranten versuchen immer wieder über Strände und Klippen nach Frankreich zu fliehen, kaum dass sie von dort zurückgeschickt wurden. Begleitet vom unverhüllten Hass einiger Einheimischer.

"Was wollt ihr denn hier in Ventimiglia? Geht doch hin, wo ihr hergekommen seid. Wir haben selbst genug Leute ihr, die nichts zu essen haben."

Die Bewohner des Badeortes fürchten massive wirtschaftliche Einbußen auf dem Höhepunkt der Saison. Fremdenverkehrschef Gianni Berrino:

"Wir fordern die Regierung auf, unverzüglich zu handeln, damit sich solche Zustände hier in Ventimiglia nicht mehr wiederholen."

Polizei ist ratlos

Doch der angereiste Polizeichef Franco Gabrielli sieht auch keine Lösung:

"Wir versuchen ja sie bei uns in Lagern unterzubringen, aber sie wollen um jeden Preis über die Grenze."

In Mailand stauen sich derzeit 3.500 Neuankömmlinge. Eilends wird derzeit eine Kaserne zum Notlager umfunktioniert. In Fiumicino bei Rom werden Flüchtlinge in privaten Ferienunterkünften untergebracht. Doch auch das führt zu unverhohlen rassistischen Protesten der Einheimischen.

"Hier wird ein ganzes Volk unterwandert. Das ist ein Völkermord an der Rasse der Weißen. Wir wollen diese Immigranten nicht."

Rassistische Proteste der Einheimischen

Ungeeignete Unterkünfte, aber auch endlose bürokratische Prozeduren und vor allem ihre miserable soziale Lage schüren auch den Unmut der Migranten. In Salerno, südlich von Neapel demonstrierten sie zu Dutzenden vor der örtlichen Polizeistation.

"Wir sind jetzt seit zwei Jahren hier, warten immer noch auf unsere Dokumente, niemand sagt uns etwas. In dem Lager, in dem wir untergebracht sind, gab es schon drei schwere Unfälle. Ohne Dokumente finden wir auch keine vernünftige Arbeit. Wenn wir etwas finden, dann zahlt man uns fünf Euro pro Tag. Wir sind es leid. Helft uns, helft uns doch."

Seit Jahresbeginn sind etwa 100.000 Migranten, viele von ihnen Flüchtlinge aus afrikanischen Krisengebieten, in Sizilien an Land gegangen. Etwa so viele wie im Vorjahr. Doch während 2015 ein großer Teil in andere europäische Länder weiterzog, muss sich Italien seit der lückenlosen Registrierung in den Hotspots und der systematischen Zurückweisung aus den Nachbarländern nun praktisch alleine um die neu ankommenden Migranten kümmern.

Lager sind überfüllt

Die bestehenden Lager in Süditalien und speziell in Sizilien sind bereits voll. Im Norden weigern sich viele Gemeinden, die Flüchtlinge aufzunehmen. Deshalb wird die Zahl derer, die aus Italien weiter ziehen wollen, wohl steigen, meint Achike Onyesue in Palermo. Was oft auch Sinn ergebe, sagt er:

"Hier fühlt man sich bei der Ankunft erst mal wie ein kleines Kind. Man muss die Sprache lernen und die fremde Kultur. Und das fällt umso schwerer, wenn jemand Angehörige in Europa hat, zu denen er aber nicht weiterreisen darf. Wie viel einfacher wäre der Neuanfang, wenn man bei der eigenen Familie sein könnte."

Achike will trotz aller Schwierigkeiten in Palermo bleiben. Er hat niemanden in Europa. Er muss sein neues Leben ganz alleine beginnen.

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