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StartseiteSprechstundeMedizinische Versorgung eine Herausforderung04.08.2015

FlüchtlingeMedizinische Versorgung eine Herausforderung

Syrien, Afghanistan oder Eritrea - weltweit flüchten Millionen Menschen vor Krieg und Perspektivlosigkeit. Auch nach Deutschland. Mit der steigenden Zahl der Flüchtlinge und Asylsuchenden wächst auch die Herausforderung, sie medizinisch zu versorgen. Populisten schüren gar Ängste vor eingeschleppten Krankheiten.

Lennart Pyritz im Gespräch mit Christian Floto

Neu angekommene Flüchtlinge in der Auffangeinrichtung für Asylbegehrende (AfA) in Trier-West  (picture alliance/dpa/Harald Tittel)
Neu angekommene Flüchtlinge in der Auffangeinrichtung für Asylbegehrende (AfA) in Trier-West (picture alliance/dpa/Harald Tittel)

Christian Floto: Herr Pyritz, mit welchen medizinischen Problemen sind Flüchtlinge und Asylsuchende konfrontiert?

Lennart Pyritz: Oft sind die Lebensbedingungen dieser Menschen mit besonderen gesundheitlichen Belastungen verbunden. In ihren Herkunftsländern herrscht Gewalt und Armut, die Gesundheitsversorgung funktioniert schlecht, es mangelt an sauberem Trinkwasser und Lebensmitteln. Dazu kommt die oft lange und strapaziöse Reise. Und schließlich die dichtgedrängte Unterbringung in Massenunterkünften in Deutschland.

Solche Bedingungen können Infektionskrankheiten fördern. Durch den Krieg in Syrien sind dort in der Vergangenheit etwa die Impfquoten gegen Kinderlähmung zurückgegangen. Das Robert Koch Institut hat daraufhin gewarnt, dass mit syrischen Flüchtlingen auch Polio-Viren nach Deutschland gelangen könnten. Es gibt auch immer wieder Fälle von Tuberkulose, Krätze, Masern und Windpocken. Und natürlich leiden viele Menschen psychisch unter den Erfahrungen, die sie gemacht haben.

Floto: Wie werden diese Menschen nach ihrer Ankunft in Deutschland medizinisch betreut? Und wie wird die Ausbreitung solcher Infektionskrankheiten verhindert?

Pyritz: Die Gesundheitsämter untersuchen in den Erstaufnahme-Einrichtungen auf übertragbare Krankheiten, auch auf Tuberkulose. Bei einem positiven Befund werden die Menschen sofort behandelt, bei Ansteckungsgefahr auf einer Isolierstation. Ich habe mit Dr. Harald Michels telefoniert, Arzt und Leiter des Gesundheitsamtes in Trier. Dort wurden im vergangenen Jahr bei mehr als 10.000 untersuchten Asylbewerben 50 Fälle von Tuberkulose festgestellt. In keinem Fall haben sich das Personal oder andere Personen infiziert.Auch eine Einschleppung von Kinderlähmung nach Deutschland ist Michels nicht bekannt. In der Erstaufnahme-Einrichtung werden die Menschen auch auf Masern und Windpocken getestet. Da sieht Michels zwar ein minimales Infektionsrisiko für die Bevölkerung, "aber im Prinzip eher für die, die den Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission nicht folgen. Wenn ich mein Kind nicht Masern, Mumps, Röteln impfen lasse, dann habe ich ein Restrisiko. Aber das habe ich auch, wenn ein deutsches Kind an Masern erkrankt in der gleichen Klasse wie mein Kind."

Zusätzlich zum Pflichtprogramm des Gesundheitsamtes gibt es dann weitere medizinische Angebote: Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken, aber auch gegen Diphtherie, Keuchhusten und Kinderlähmung.

Floto: In diesem Jahr gab es bereits mehr als doppelt so viele Asylanträge wie im selben Zeitraum des Vorjahres. Inwiefern führt das zu Problemen bei der medizinischen Versorgung?

Pyritz: Es gibt Berichte aus mehreren Erstaufnahme-Einrichtungen in Deutschland, nach denen es erheblich an Personal und Platz mangelt. Solche Probleme kennt auch Harald Michels in Trier: "Die liegen auf engstem Raum zusammen. Die müssen in Zelten teilweise untergebracht werden. Die müssen auch mal zwei, drei Nächte auf dem Flur liegen, auf Matratzen. Was natürlich zum einen zu einer wirklich räumlichen Enge führt und auch dazu, dass das an sich gut gemeinte Impfangebot, ein Angebot für Vorsorgeuntersuchungen, zumindest nicht mehr flächendeckend umgesetzt werden kann."

Derzeit sind in mehreren Bundesländern weitere Erstaufnahmeeinrichtungen in Planung, um eine angemessene Versorgung zu gewährleiten. Probleme gibt es allerdings auch beim Wechsel in die Kommunen.

Floto: Was für Probleme sind das?

Pyritz: Zum einen ist die schnelle Weitergabe medizinischer Daten in die Kommunen nicht immer gewährleistet. Darüber habe ich mit Prof. Gerhard Trabert gesprochen. Er ist Gründer des Vereins "Armut und Gesundheit in Deutschland". Ich habe ihn auf seinem Mobiltelefon an Bord des privaten Flüchtlings-Rettungsschiff MS "Sea-Watch" vor Lampedusa erreicht, wo er derzeit als Arzt arbeitet. Seiner Meinung nach sollte jeder Flüchtling eine Art Krankenakte bekommen: "Also wir plädieren für so etwas wie eine Krankenakte oder eine Patientenbroschüre, wo alle diese Daten eingetragen werden. Denn nur durch diese Kontinuität kann ich dann auch adäquat weiter behandeln, gegebenenfalls auch frühzeitig denjenigen behandeln."

Dazu gilt generell: Zu einer effizienten Therapie gehört die Verständigung zwischen Arzt und Patient. Ist kein Dolmetscher dabei, gibt es da oft Probleme. Der Verein "Armut und Gesundheit in Deutschland" hat deshalb Anamnesebögen in 15 Sprachen vorbereitet, die über erste Sprachbarrieren hinweghelfen sollen.

Floto: Wie ist denn die medizinische Versorgung in den Kommunen generell organisiert?

Pyritz: Das regelt das Asylbewerberleistungsgesetz. Es sieht in den ersten 15 Monaten nur eine Behandlung von Schmerzen oder akuten Erkrankungen vor. Da ist für die Ärzte manchmal unklar, was im Einzelnen darunter fällt. Und für die Erkrankten bedeutet das ein umständliches Verfahren. Sie müssen beim Sozialamt, das die Kosten trägt, einen Berechtigungsschein beantragen, der ihnen den Arztbesuch erlaubt.

Das lässt sich ethisch hinterfragen. Eine Studie von Forschern aus Heidelberg und Bielefeld im Fachmagazin "Plos One" hat vor kurzem gezeigt, dass das Verfahren zumindest ökonomisch unsinnig ist: Demnach waren die jährlichen Behandlungsausgaben bei Asylsuchenden mit eingeschränktem Zugang zur medizinischen Versorgung pro Kopf um etwa 40 Prozent höher als bei denen, die Anspruch auf die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung haben.

Die Studienautoren bringen die bundesweite Umsetzung des sogenannten "Bremer Modells" in die Diskussion. Dort ist es so, dass Asylsuchende ohne Wartezeit eine Gesundheitskarte und damit eine Anbindung an die medizinische Regelversorgung erhalten.

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