Samstag, 20.07.2019
 
StartseiteDlf-MagazinNicht überall willkommen24.07.2014

FlüchtlingeNicht überall willkommen

Die aktuelle Flüchtlingswelle ist die größte nach dem Zweiten Weltkrieg. In Köln hat sich die Zahl der Flüchtlinge 2013 verdoppelt. Diese Menschen müssen ein neues Zuhause finden. Doch wo sie unterkommen sollen, darüber herrscht keine Einigkeit, wie ein Blick nach Köln-Rondorf zeigt.

Von Silke Hahne

Ein Mädchen hält eine Puppe im Arm. (Uwe Zucchi / picture alliance / dpa)
Ein syrisches Flüchtlingskind nach der Ankunft am Flughafen Kassel-Calden. (Uwe Zucchi / picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

Migranten | Allein im fremden Land (Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 04.03.2014)

Asyl | Schließt die Flüchtlingsheime (DRadio Wissen, Meine Zukunft, 16.09.2013)

Köln-Rondorf, nördlicher Ortsrand. Ein- und Mehrfamilienhäuser grenzen an eine riesige Wiese mit hohem Gras und Wildblumen, dahinter ein Feldweg. Ländliche Idylle. Dieser Blick war sicher kein Auswahlkriterium für den Containerbau, der hier bald auf die Wiese kommt. 80 Flüchtlinge sollen darin unterkommen. Trotz der nahen Autobahn – ein ruhiger Ort zum Ankommen, wenn man zum Beispiel wie die Menschen aus Syrien aus einer zerbombten Stadt kommt.

"Es geht ja bei den Flüchtlingen um die sozialintegrativen Einrichtungen. Wir haben hier keine Kirche, wir haben hier nicht das Haus der Familie, wir haben hier nicht zwei Kinderspielplätze und einen Bolzplatz in der Nähe, wir haben keine günstigen Einkaufsmöglichkeiten. Soll ich noch weiter machen? Also sie sehen, diese Außenlage hier vorne ist schon etwas problematisch."

Stephan Sondermann hadert nicht mit den neuen Nachbarn; Er hadert mit dem Standort für den Containerbau. Von den Menschen her sollte der gedacht werden, regt sich das Mitglied einer eigens gegründeten Bürgerinitiative auf. Als Unbeteiligter fragt man sich: Kann ein Standort per se problematisch für die Integration von Flüchtlingen sein? Oder spielen da nicht die Anwohner eine entscheidende, sogar die entscheidende Rolle? Sondermanns Antwort passt zu der Besonnenheit, die er mit seiner Mimik und Gestik auch ausstrahlt.

Ein geeignetes Zuhause 

"Wir sind nicht gegen ein Flüchtlingsheim am Weißdornweg. Sondern wir sind dagegen, dass auf diese Art und Weise ein ungeeignetes Gebiet – in diesem Fall Weißdornweg – als Standort für ein Flüchtlingsheim verwendet wird. Dass wir hier mit allen Kräften, die uns zur Verfügung stehen, diese Menschen annehmen und ihnen eine menschenwürdige Heimat schenken: Das steht doch aus humanitären Gründen wirklich außer Zweifel."

Auf diese "Art und Weise": Damit meint Sondermann, dass sich die Nachbarschaft übergangen fühlt. Übergangen von der Stadt Köln. Die Bürger wurden seiner Ansicht nach nicht früh genug und nicht ausreichend von ihrem Bezirksbürgermeister informiert.
Es gab in Rondorf Informationsveranstaltungen - die thematisierten aber einen anderen Standort, am östlichen Dorfrand. An diesen Treffen nahmen kaum Anwohner vom Weißdornweg teil. Warum auch?
Trotz der Beschwerden: Josef Peter Nägel von der Dorfgemeinschaft des Stadtteils hat den Eindruck, dass Flüchtlinge in Rondorf willkommen sind.

"Also da habe ich in der Ortschaft keine Gegenstimme gehört, die sagt: Wir sind gegen Flüchtlinge. Sondern die sagen: Gut, wenn wir aufnehmen müssen, dann wollen wir das auch ordentlich machen und versuchen, die Leute zu integrieren. Wobei ich wie gesagt bei dem Begriff Flüchtlinge und Integrieren ein bisschen vorsichtig bin. Ich möchte ja, dass wenn die wieder heimwollen, dass die Möglichkeit auch bleibt."

Angst vor den Flüchtlingen

Nägel hat lange für die Bundeswehr gearbeitet. Man merkt dem 81-Jährigen auch jetzt noch an, dass er es gewohnt ist, den Ton anzugeben. Auf einer Fahrt durch Rondorf will er zeigen, dass es noch jede Menge anderer guter Standorte für einen Containerbau gibt. 400 Meter die Straße runter führt die Fahrt an einem großen Supermarkt vorbei.

"Das ist auch so´n Grund. Wieso sollen die Flüchtlinge unbedingt sehr nah an einen Supermarkt wohnen? Versteh ich nicht ganz, wenn ich kein Geld hab, muss ich nicht am Supermarkt wohnen, ja? Ne? Und arbeiten dürfen sie auch nicht, also haben sie ja auch mal Zeit, 100 Meter weiter zu laufen."

Nägel fährt die unterschiedlichen Orte im Dorf ab, die er für geeigneter hält zur Unterbringung der Flüchtlinge im Container:

"'Hier da wär auch ein schöner Platz, ne!' – Reporterin: 'Bisschen klein' – 'Naja. Aber wie gesagt: Die Begeisterung wäre da wahrscheinlich auch nicht so groß.'"

So sei das eben, sagt Nägel: Die alten Anwohner haben Angst vor den Flüchtlingen und die jüngeren fürchten um den Wert ihrer Grundstücke. Kölns Sozialdezernentin Henriette Reker:

"Bezüglich des Wertverlustes, der befürchtet wird, kann man natürlich immer nur darauf hinweisen, dass Köln eine wachsende Stadt ist, mit Verknappung von Wohnraum und schon aus diesem Grund, dass da Häuser gegenüber sind oder in der Nähe, wo Flüchtlinge wohnen, sicherlich kein Wertverlust eintreten wird."

Gesellschaftliche Wichtigkeit 

Reker kennt die Argumente der Rondorfer. Sie unterscheiden sich nicht von denen anderer Anwohner, mit denen sie in den letzten Jahren auf vielen Bürgerveranstaltungen diskutiert hat.

"Ja, es sind Erste-Welt-Probleme. Natürlich kann ich nachvollziehen, dass wenn ich mein gesamtes Eigentum in ein Einfamilienhaus gesteckt habe, was mir durch ein bodentiefes Fenster den Blick auf ein freies Feld ermöglichte und da plötzlich ein Haus steht – egal wer da wohnt – dann freut man sich da nicht drüber. Aber hier geht's ja darum auch abzuwägen: Was ist denn nun jetzt gesellschaftlich wichtiger, was ist menschlich wichtiger. Und mittlerweile sollte es ja jeder begriffen haben: Wir haben die größte Flüchtlingswelle nach dem Zweiten Weltkrieg."

In Köln hat sich die Zahl der Flüchtlinge im vergangenen Jahr auf mehr als 3.000 verdoppelt. Und die Tendenz für dieses Jahr deutet auf eine weitere Verdopplung hin. Gleichzeitig wurden marode Heime abgerissen. Und städtische Flächen für neue Unterkünfte sind gerade in begehrten Lagen rar. Reker appelliert daher, in der Flüchtlingsfrage vor allem an eins zu denken, auch in Rondorf:
"Es sind ja keine Marsmenschen, die da kommen. Es sind Familien mit Kindern. Und die Kinder sind ja, selbst wenn ihre Eltern auch Probleme mitbringen, sind mindestens die Kinder ein großes Potenzial."

Auf der Wiese am Dorfrand wird neben dem Containerbau demnächst auch ein neuer Spielplatz entstehen. Der Supermarkt ist fünf Geh-Minuten entfernt. Es soll in der Flüchtlingsunterkunft einen Sozialarbeiter und Sicherheitspersonal geben.
Wenn die Rondorfer sich an ihr Versprechen halten und die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen – vielleicht können dann diese Vorteile ihre Bedenken hinfällig machen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk