Mittwoch, 02.12.2020
 
Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteDeutschland heuteOpferfest in der Fremde24.09.2015

FlüchtlingeOpferfest in der Fremde

Ab heute feiern die Muslime vier Tage lang das Opferfest. Es sind die wichtigsten Feiertage im Islam, vergleichbar mit Ostern. Auch in Düsseldorf-Eller gab es ein Fest, für geflüchtete Muslime unter anderem aus Syrien und Afghanistan. Sie sollen für einen Moment ihr Schicksal vergessen können.

Von Murat Koyuncu

Asylbewerberkind Alma aus Syrien steht am 18.11.2014 im Kindergarten der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Meßstetten (Baden-Württemberg) mit anderen Flüchtlingskindern im Kreis, um einen Geburtstag zu feiern. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
Die Kinder laufen umher, spielen miteinander, tanzen, sind glücklich. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
Mehr zum Thema

Gipfel zu Flüchtlingskrise Die EU demonstriert Einigkeit

Flüchtlingsgipfel der Länder Überforderte Kommunen und fehlende Konzepte

Deutscher Arbeitsmarkt Flüchtlinge - gebraucht, aber ausgebremst

Charly Martin hat alle Hände voll zutun: Kaum hat der Ballonkünstler die grün-weiße Blume fertig, greift er wieder nach seiner Luftpumpe, um die nächsten Ballons aufzublasen.

Die 8-Jährige Leyla ist an der Reihe. Das afghanische Mädchen ist erst seit zwei Monaten in Deutschland und spricht noch kein Deutsch. Schüchtern zeigt sie mit dem Finger auf eine fertige Deko-Figur am Wagen des Künstlers. Ein kleines Hündchen soll es werden.

"Also man kommt hier rein und sieht, die sind unglaublich reserviert, sind sehr schüchtern, aber höflich und wissen noch gar nicht so richtig, was los ist. Und innerhalb von wenigen Augenblicken mit zwei, drei kleinen Kunststückchen oder einem Luftballon-Tierchen sieht man gerade bei den Kindern, wie die Augen aufgehen und da wirklich ein Strahlen und Lächeln kommt und das ist geil!"

Seit rund zwei Stunden steht der Künstler Charly Martin im Veranstaltungssaal und begeistert sowohl Kinder als auch Jugendliche. Neben seinen Ballonfiguren zeigt der 42-Jährige auch Zaubertricks und lässt die Gäste für einen Moment ihr Schicksal vergessen.

"Es ist völlig banal und 100-prozentig effektiv. Ich hätte damit niemals gerechnet, ich dachte

'Oh Gott, wie kriegst Du das hin? Die sprechen kein deutsch und wir müssen dann englisch und übersetzen...' Es war nichts nötig, Du brauchst kein Wort sagen. Du machst einfach das, was Du professionell machst, also unterhalten und das geht auch ohne Worte. Und selbst wenn Du was redest, die verstehen genug, wenn Du in Aktion bist und was machst."

Schon das zweite Mal feiert Hussein das Opferfest in der Fremde

An diesem Abend sollen Geflüchtete zusammen mit Helfern und interessierten Gästen speisen und ins Gespräch kommen. Für Mitveranstalterin Hildegard Düsing-Krems eine selbstverständliche Geste.

"Uns könnte es genauso gehen. Wir kommen in einem Land an, kennen das Land nicht, ich kenne Syrien auch nur vom Namen einiger Städte. Und ich wünsche mir, dass in einer vergleichbaren Situation ich auch willkommen wäre. Und darum mache ich das auch gern. Und heute Abend haben wir gesehen, wie wir ein Lächeln auf die Gesichter der Kinder aber auch der Erwachsenen zaubern können und wir sie ihren Flüchtlingsalltag für ein paar Stunden vergessen können."

Unter den etwa 50 Geflüchteten, die an diesem Abend hier sind, ist auch Hussein. Der Syrer ist seit etwa einem Jahr in Deutschland, seit zwei Jahren ist er von seiner Heimat und seiner Familie getrennt. Das Opferfest feiert er schon das zweite Mal in der Fremde.

"Hier, ich habe viele Freunde, sie kommen auch aus Syrien. Wir feiern zusammen, zum Beispiel wir gehen in die Moschee. Dann machen wir eine Runde, besuchen alle Freunde und wir sagen dann 'Eid Mubarak' – das ist ein Glückwunsch. In Syrien ist es ganz anders. Ich feiere da mit meiner Familie und sie sind alle da und wir feiern zusammen mit Bekannten und Freunden, aber auch hier in Deutschland ist es gut. Und ich sage: ich habe auch eine zweite Familie hier ... meine Freunde, die auch aus Syrien kommen, deutsche Freunde, Freunde aus der Türkei, aus Afghanistan, aus Afrika ... alle Leute, das ist sehr schön."

Auch sein Freund Hussam teilt mit ihm das gleiche Schicksal. Wie gern würde er dieses Fest zusammen mit seiner Frau feiern. Leider ist das nicht möglich. Sie ist in der Türkei und die beiden haben sich seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Er hofft, dass sie sehr bald nachkommt. Das gemeinsame Feiern heute ist für ihn aber ein kleiner Trost.

"Aber ich bin sehr glücklich, dass wir in Deutschland die Möglichkeit haben, unsere Kultur auszuleben. Und die Idee, hier mit uns muslimischen Geflüchteten das Opferfest zu feiern, finde ich großartig. Es zeigt mir, wie viel Toleranz hier steckt."

Die Kinder laufen umher, spielen, tanzen, sind glücklich

Der 38-Jährige hat einen langen Weg hinter sich. Mehrere Monate war er unterwegs, bis er endlich in Deutschland ankam und ziemlich positiv überrascht wurde.

"Ich war während meiner Flucht schon in einigen Ländern zu Gast. Aber nirgendwo habe ich eine so bunte Gesellschaft wie hier in Deutschland gesehen. Hier leben viele unterschiedliche Kulturen nebeneinander. Man lernt voneinander und miteinander und die Basis, die sie haben, ist die deutsche Sprache – und das find ich toll."

Der Fotograf und Webdesigner möchte seine neue Chance in Deutschland nutzen und andere Menschen für sein Schicksal sensibilisieren. Geplant sei eine kleine Foto-Ausstellung mit Bildern, die er während seiner Flucht aufgenommen habe.

Neben Speisen, Getränken und dem Ballonkünstler gibt es auch Musik. Die Kinder laufen umher, spielen miteinander, tanzen, sind glücklich. Sie scheinen für einen Moment alles vergessen zu haben. Einige Erwachsene aber können auch hier nicht völlig abschalten. Hin und wieder haben sie diesen sehnsuchtsvollen Blick in den Augen. Wie Hatice aus Afghanistan.

"Meine Brüder und meine Schwester sind noch im Iran. Meine Eltern habe ich vor einigen Jahren in Afghanistan verloren. Ich vermisse sie alle. Aber was kann ich machen. Ich musste mich für diesen Weg entscheiden. Ich möchte für meinen Sohn das Beste. Er soll eine gute Schulbildung und ein besseres Leben haben. In Afghanistan oder im Iran hätte er keine sichere Zukunft. Wenn es in unserer Heimat keinen Krieg geben würde, wären wir auch nicht hier – niemand verlässt einfach so seine Heimat. Wir mussten hier herkommen. Wir haben in Wäldern geschlafen, auf Bergen oder an Stränden. Das war nicht schön, es war schrecklich."

Nun ist sie mit ihrem 7-jährigen Sohn Iljas seit zwei Wochen hier und hat neue Hoffnung.

"Ich versuche das alles zu vergessen und ein neues Leben zu starten. Endlich können wir in Frieden leben. Wir sind zwar heimatlos, aber durch Deutschland haben wir ein neues Zuhause – vielen Dank."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk