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Flüchtlingsdrama950 Tote befürchtet

Eine von der italienischen Küstenwache veröffentlichte Aufnahme zeigt das Schiff "Gregoretti' auf der Suche nach Überlebenden der Flüchtlingskatastrophe (picture alliance / dpa / ITALIAN COAST GUARD / HANDOUT ANSA STATES)
Eine von der italienischen Küstenwache veröffentlichte Aufnahme zeigt das Schiff "Gregoretti' auf der Suche nach Überlebenden der Flüchtlingskatastrophe (picture alliance / dpa / ITALIAN COAST GUARD / HANDOUT ANSA STATES)

Auf dem im Mittelmeer gesunkenen Schiff mit zahlreichen Flüchtlingen sollen mehr Menschen gestorben sein als bisher angenommen, Überlebende berichten von 950 Menschen an Bord. Die Kritik an der EU wächst, heute wollen die Außenminister in Luxemburg über die Folgen beraten.

Italienische Behörden befürchten Hunderte Tote. Ein voll besetztes Fischerboot war in der Nacht zum Sonntag vor der libyschen Küste gekentert. Nach Angaben eines Überlebenden sollen 950 Menschen an Bord gewesen sein, zuvor war man von 700 ausgegangen. Bis zum Abend konnten 28 Überlebende gerettet und 24 Leichen geborgen werden.

Schmuggler sollen Flüchtlinge im Laderaum eingeschlossen haben

"Wir waren 950 Menschen an Bord, auch 40 bis 50 Kinder und etwa 200 Frauen", sagte ein aus Bangladesch stammender Überlebender laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa der Staatsanwaltschaft Catania. Viele Menschen seien im Laderaum eingeschlossen gewesen. "Die Schmuggler haben die Türen geschlossen und verhindert, dass sie herauskommen", erzählte der Mann, der in ein Krankenhaus gebracht worden war. Offizielle Angaben zur Zahl der Vermissten gab es jedoch nicht. 

Laut UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) könnte es sich um das schlimmste Drama der jüngsten Vergangenheit in der Region handeln. "Sollte sich die Bilanz dieser Tragödie bestätigen, sind in den vergangenen zehn Tagen mehr als 1000 Menschen im Mittelmeer ums Leben gekommen", sagte Sprecherin Carlotta Sami. Anfang der Woche waren nach Berichten von Überlebenden 400 Menschen bei einem anderen Unglück umgekommen. Seit Anfang des Jahres wären es damit nach UNHCR-Schätzungen mehr als 1600 tote Flüchtlinge.

Außenminister beraten in Luxemburg

Das zweite schwere Unglück im Mittelmeer innerhalb von nur einer Woche löste heftige Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik aus. Politiker und Hilfsorganisationen forderten einen Kurswechsel oder eine Fortsetzung des ausgelaufenen Seenotrettungsprogramms "Mare Nostrum". Papst Franziskus appellierte, "mit Entschlossenheit und Schnelligkeit" zu handeln, um ähnliche Tragödien zu verhindern. Die Flüchtlingsinitiative "Watch The Med" erklärte: "Das Sterben muss ein Ende haben. Wir fordern sichere und legale Wege, um Zufluchtsorte zu erreichen, ohne sich in tödliche Gefahren begeben zu müssen." 

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte am Sonntag das Ende von "Mare Nostrum" scharf und gab den Regierungen der EU-Staaten eine Mitschuld an der neuerliche Flüchtlingskatastrophe. Die EU-Regierungen hätten sich im vergangenen Jahr gegen die erfolgreiche Seenotrettungsoperation entschieden, erklärte die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, Selmin Caliskan, am Sonntag in Berlin.

Die EU-Außenminister wollen am Montag bei ihrem Treffen in Luxemburg über Konsequenzen beraten. Bundesinnenminister Thomas de Maizière bezeichnete die Bekämpfung der Schlepperbanden als zentralen Punkt. "Wir dürfen und werden es nicht dulden, dass diese Verbrecher aus bloßer Profitgier massenhaft Menschenleben opfern", sagte er in Berlin. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte in der ARD, entscheidend sei die Situation in Libyen: "Nur stabile Verhältnisse dort werden auch verhindern, dass Libyen weiterhin von den Schleppern und Schlepperorganisationen benutzt wird." Italiens Regierungschef Matteo Renzi will sich für einen EU-Sondergipfel zum Thema in den kommenden Tagen einsetzen. 

Suche nach Überlebenden gilt als hoffnungslos

Das Unglück hatte sich kurz vor Mitternacht etwa 70 Seemeilen (130 Kilometer) vor der libyschen Küste ereignet. Vermutlich brachten die Flüchtlinge das völlig überladene Boot selbst zum Kentern. Sie hatten einen Notruf abgesetzt, woraufhin der portugiesische Frachter "King Jacob" zur Hilfe eilte. Als dieser sich näherte, stürmten die Migranten alle auf eine Seite des Bootes, das dann umkippte. Die Passagiere stammten laut Überlebenden aus Algerien, Ägypten, Somalia, Nigeria, dem Senegal, Mali, Sambia, Bangladesch und Ghana.

Die herbeigerufenen Retter suchten den gesamten Tag über mit etwa 20 Booten und Hubschraubern nach Überlebenden, jedoch ohne Erfolg. "Da sind nur Kraftstoff und Trümmer, wir finden nichts mehr", sagte einer der Retter der Ansa. Das Wasser ist mit 16 bis 17 Grad zwar relativ warm, viele der Migranten konnten jedoch vermutlich nicht schwimmen. Die Küstenwache warnte, möglicherweise werde es keine Gewissheit über die Zahl der Toten geben, da das Meer an der Stelle sehr tief sei.

(nch/cc)

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