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StartseiteInterview"Es fehlen Strukturen"13.04.2016

Flüchtlingslager in Idomeni"Es fehlen Strukturen"

Die Lage im Flüchtlingslager im griechischen Idomeni bleibt nach den Ausschreitungen am vergangenen Wochenende angespannt, sagte Nina Skandalaki von der Hilfsorganisation "Humedica" im DLF. Die hygienischen Bedingungen seien eine Katastrophe, die Perspektive für die Menschen schlecht - so könne die Stimmung immer wieder kippen.

Nina Skandalaki im Gespräch mit Sandra Schulz

Flüchtlingskinder an einem mit Stacheldraht ausgestatteten Zaun an der griechisch-mazedonischen Grenze im Lager Idomeni. (picture alliance / dpa / Kostas Tsironis)
Flüchtlingskinder an einem mit Stacheldraht ausgestatteten Zaun an der griechisch-mazedonischen Grenze im Lager Idomeni. (picture alliance / dpa / Kostas Tsironis)
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Die letzten zwei Tage sei es im Camp ruhig gewesen, so Skandalaki, es sei aber schwer vorauszusehen, wie sich die Stimmung entwickele. Die Aktion am Sonntag sei mit Flyern vorbereitet worden - wer die geschrieben habe, sei aber unklar. Am Wochenende hatten hunderte Flüchtlinge im Norden Griechenlands vergeblich versucht, den Grenzzaun zu Mazedonien zu durchbrechen, um ihre gewünschte Weiterreise nach Westeuropa zu erzwingen. Mazedonische Grenzschützer hatten daraufhin Medienberichten zufolge Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschosse in die Menge geschossen. 

Im Lager entstehen immer wieder Gerüchte, die Grenze würde bald geöffnet. Wer Urheber solcher Gerüchte ist, sei schwer einzuschätzen, so Skandalaki. Schleuser und auch Freiwillige würden dafür verantwortlich gemacht. Es gebe viel Bewegung im Camp, jeder könne jederzeit ein- uns ausgehen. Es gebe viele Freiwillige, nicht nur von Organisationen, sondern auch Privatleute.

Viele Flüchtlinge hätten das Lager mittlerweile verlassen - die meisten blieben jedoch, in der Hoffnung, die Grenze werde doch eines Tages wieder geöffnet: "Es fällt vielen schwer, den Standort zu verlassen, sie wollen den Zeitpunkt nicht verpassen."

Die Perspektive für die Flüchtlinge sei schlecht. Zwar sei die primäre Gesundheitsversorgung gewährleistet, dennoch fehlten dem Camp Strukturen. Da es sich um kein offizielles Lager handele, würden keine permanenten Strukturen entwickelt: "Es wird immer ein schlecht versorgtes Lager bleiben."

Skandalaki kann sich nicht vorstellen, dass das Lager in naher Zukunft geräumt wird. Friedlich sei das auch nicht möglich.


Das Interview in voller Länge:

Sandra Schulz: Mit Tränengas und Gummigeschossen hatten die mazedonischen Sicherheitskräfte die Flüchtlinge am Wochenende zurückgedrängt und ihren Versuch gestoppt, über die Grenze zu gelangen. Noch immer harren mehr als 10.000 Menschen in Idomeni aus. Immer wieder ist zu lesen und zu hören, dass die Lage immer prekärer wird, und was genau das heißt, darüber wollen wir in den kommenden Minuten sprechen. Am Telefon begrüße ich Nina Skandalaki, Koordinatorin der Hilfsorganisation Humedica in Idomeni. Guten Morgen!

Nina Skandalaki: Guten Morgen. - Hallo!

Schulz: Wie ist die Situation jetzt im Camp?

Skandalaki: Die Situation im Camp ist angespannt seit den letzten Ausschreitungen am Sonntag. Die Stimmung ist im Moment ein bisschen schwer zu durchschauen. Die letzten zwei Tage war es ruhig. Wir hatten befürchtet, dass es zu neuen Ausschreitungen kommt. Das ist nicht passiert. Allerdings kann die Stimmung immer sehr schnell kippen und von einer Stunde zur anderen kann es wieder dazu kommen, dass es wieder zu einer ähnlichen Aktion kommt, wie wir sie am Sonntag hatten. Für uns ist das schwer vorauszusehen. Wir fangen unseren Tag an und sind darauf vorbereitet, dass es immer wieder dazu kommen kann.

"In vielen steckt noch die Hoffnung, dass die Grenze aufgemacht wird"

Schulz: Und es gibt ja auch immer wieder neue Gerüchte. Gestern ist es zum letzten Mal gemeldet worden, dass eine Grenzöffnung bevorstehe. Wie kommen denn diese Gerüchte in die Welt?

Skandalaki: Das ist auch ein bisschen schwer zu durchschauen. Sie müssen sich vorstellen, Idomeni ist kein offizielles Camp. Das ist ein inoffizielles Camp. Dementsprechend ist auch die Bewegungsfreiheit groß. Es kann im Prinzip auch jeder ein- und ausgehen. Es wird schon verstärkt kontrolliert seit Sonntag von der Polizei und es wurden auch, glaube ich, ein paar Festnahmen gemacht. Trotzdem kann grundsätzlich jeder gehen. Es gibt viele Organisationen, die vor Ort sind. Es gibt sehr, sehr viele Freiwillige, die vor Ort sind. Die meisten von ihnen gehören zwar Organisationen an, andere aber auch nicht. Das heißt, es sind auch Menschen unabhängig dort. Und diese Gerüchte - hier heißt es, hier wird vor allem darüber berichtet, dass diese Gerüchte über Grenzöffnungen viel von solchen Freiwilligen kommen, unter anderem auch von NGOs. Der Name von NGOs hat eigentlich schon massiv hier darunter gelitten. Und auch von Schleusern natürlich. Für uns ist es schwer zu durchschauen, was davon wirklich stimmt. Die Aktion am Sonntag wurde vorbereitet durch Flyer am Tag zuvor. Wer sie jetzt letztendlich tatsächlich geschrieben hat, wie viele Leute daran beteiligt waren, das ist für uns nicht einzusehen im Endeffekt.

Schulz: Ist es denn überhaupt klar, oder bleibt ihnen diese Resthoffnung, hoffen diese Menschen wirklich, dass die Grenzen nach Mazedonien sich noch mal öffnen werden?

Skandalaki: Ja nicht alle. Seit Sonntag haben wir auch gesehen, dass wirklich wieder mehr Menschen tatsächlich auch abgefahren sind, das Lager verlassen haben. Aber trotzdem haben wir, wie Sie auch gesagt haben, über 10.000 Menschen noch da und in sehr, sehr vielen von ihnen steckt noch die Hoffnung, dass die Grenze tatsächlich aufgemacht wird. Wir können uns da schlecht einmischen, das ist auch nicht unsere Aufgabe dort. Mir ist es selber passiert, dass ich zweimal privat gefragt wurde von Flüchtlingen. Ich kann dann nur einfach meine private Meinung, meine persönliche Meinung wiedergeben, dass ich nicht denke, dass die Grenze wieder geöffnet wird. Aber in diesen Situationen habe ich selber auch gemerkt, dass sie eigentlich mit so einer Antwort gar nicht gerechnet haben. Ich glaube schon, dass bei sehr, sehr vielen auf jeden Fall noch die Hoffnung da ist. Auch wenn sie jetzt vielleicht langsam schwindet, fällt es trotzdem vielen schwer, diesen Standort zu verlassen, weil viele sich denken, sie möchten einfach diesen Zeitpunkt nicht verpassen, auch wenn die Grenze für eine Stunde vielleicht oder für eine halbe Stunde offen ist, dass sie dann schnell rübergehen können.

"Bei Lebensmittelverteilungen fehlt eine zentrale Koordinierung"

Schulz: Wie sind die Menschen denn jetzt versorgt?

Skandalaki: Medizinisch sind sie, ich will jetzt nicht sagen, gut versorgt, aber die primäre Gesundheitsversorgung ist auf jeden Fall da. Es sind mehrere medizinische Organisationen tätig, die auch eine gute Arbeit machen. MSF ist vor Ort, MDM, Praxis und das Griechische Rote Kreuz und ein paar andere noch. Ich weiß jetzt nicht, wer alles genau hier ist. Aber wir versuchen, die medizinischen Organisationen untereinander zu koordinieren und abzusprechen, wer welchen Spot abdeckt, sodass wir uns auch nicht duplizieren. Bei den Lebensmittelverteilungen habe ich bisher nicht so die Durchsicht, wer was macht, aber es wird sehr viel verteilt. Aber da ist das Problem noch viel größer, dass eine zentrale Koordinierung fehlt.

Schulz: Welche Unterstützung kommt denn von der griechischen Regierung?

Skandalaki: Von der griechischen Regierung wird jetzt bei den Lebensmittelverteilungen, soweit ich weiß - ich bin mir nicht ganz sicher. Ich habe nicht so die Einsicht, muss ich auch ganz ehrlich sagen, ob von der griechischen Regierung jemand da ist und direkt Hilfe leistet.

Schulz: Das ist wahrscheinlich auch die Schwierigkeit an Ihrer Arbeit, sich überhaupt den Überblick zu verschaffen und zu wissen, wo welche Probleme und Schwierigkeiten gerade sind. Wie arbeiten Sie denn unter den Bedingungen?

Skandalaki: Schwer, aber wir operieren in einem kleinen Van und bauen unser Zelt jeden Tag auf und ab. Aber weil wir uns mit anderen medizinischen Organisationen zusammenschließen und immer in Kontakt sind, glaube ich, sind wir immer noch besser dran als andere Organisationen. Ich glaube, da kann man sich auch die Arbeit erleichtern, wenn man mit den anderen einfach zusammenarbeitet und versucht, die Arbeit zu synchronisieren und zu koordinieren.

"Ich glaube dass Idomeni nicht so schnell geräumt wird"

Schulz: Was ist denn jetzt Ihre Prognose? Wie wird es weitergehen in Idomeni? Eigentlich sagt die griechische Regierung ja, sie will das Lager evakuieren, ist vielleicht die freundliche Formulierung, räumen, müsste man wohl eher sagen. Ist das vorstellbar, dass das friedlich läuft?

Skandalaki: Nein. Ich glaube, friedlich kann man dieses Lager nicht evakuieren. Ich kann mir im Moment aber auch nicht vorstellen, das ist aber meine persönliche Meinung jetzt. Ich glaube nicht, dass dieses Lager gewaltsam geräumt wird. Ich glaube, das ist auch wieder nur meine persönliche Meinung, dass Idomeni nicht so schnell geräumt wird.

Schulz: Aber was ist dann die Perspektive für die ja wie gesagt mehr als 10.000 Menschen, die da ausharren?

Skandalaki: Das ist eine sehr schlechte Perspektive. Dadurch, weil es auch kein formelles Lager ist, kann man auch keine permanenten Strukturen aufbauen. Man kann medizinische Hilfe leisten und man kann Lebensmittelverteilungen machen, aber es fehlen trotzdem Strukturen, wie man sie in formellen Lagern hat, und da, glaube ich, werden sich auch die meisten Organisationen schwer tun, die Hilfe sehr auszuweiten. Deswegen wird es, denke ich, schon immer ein schlecht versorgtes Lager bleiben. Das sieht man auch, wenn man durchläuft. Die hygienischen Bedingungen sind eine Katastrophe. Wir behandeln mit zwei Ärzten und jeder Arzt von uns sieht so zwischen 60 und 80 Patienten. Die Aussichten von den Menschen werden sich da nicht verbessern.

Schulz: Nina Skandalaki, Koordinatorin der Hilfsorganisation Humedica in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Ganz herzlichen Dank für diese Einschätzungen und Eindrücke.

Skandalaki: Gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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