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StartseiteDeutschland heuteBerufsabschluss, aber kein Bleiberecht22.08.2018

FlüchtlingspolitikBerufsabschluss, aber kein Bleiberecht

Industrie und Politik debattieren über einen leichteren sogenannten Spurwechsel für Flüchtlinge mit Berufsqualifikation. Die Prüfung des Aufenthaltsstatus kann Jahre dauern und vor allem für junge Asylbewerber sehr belastend sein.

Von Hilde Weeg

Der Ausbilder für die gewerblich-technische Berufsausbildung, Thomas Schabacker (M), zeigt am 14.12.2016 in der Ausbildungswerkstatt der Deutschen Bahn AG in Erfurt (Thüringen) dem Flüchtling Amar Warda (r) aus Syrien das Löten auf einer Leiterplatte. (dpa / Martin Schutt)
Weg zur dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung: Ausbildung junger Flüchtlinge (dpa / Martin Schutt)
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Sommerfest bei der Ofenbaufirma in einem kleinen Ort bei Hannover. Draußen im großen Garten wird an diesem Tag auch die Gesellenprüfung der zwei Azubis gefeiert, Tobias und Harouna. Ihr Ritterschlag ist eine Lehmtaufe. Im Garten steht dafür eine mit nassem Lehm gefüllte Badewanne bereit. Beide steigen ein, nur mit ihrer Badehose bekleidet. Und werden bis zu den Haarspitzen eingetaucht. Thomas Zander freut sich mit, er ist Betriebsleiter und hatte Anfang 2015 mit entschieden, den jungen Flüchtling als Auszubildenden anzunehmen, obwohl der kaum Deutsch konnte.

"Besonders war, dass er trotz der anfänglichen Sprachprobleme, sich superschnell sprachlich eingearbeitet hat - und viel Verständnis aufgebracht hat für die Fachbegriffe. Und auch immer mit sehr viel Engagement sich gezeigt hat."

Harouna ist vor vier Jahren als Minderjähriger aus Mali geflohen, über Libyen und das Mittelmeer. Sein Vorteil: Er spricht Französisch, und hat einige Jahre die Schule besucht. Das half, um nicht nur die Sprache hier besser zu verstehen. Aber lernen musste er hier weit mehr: wie man hier lebt und arbeitet. Außerdem alles, was fachlich zum Handwerk gehört, von der Berechnung der Ofengröße bis zum Setzen der Steine. Zander ist beeindruckt...

"...wie schnell er sich auch in die kulturellen Codes unserer Gesellschaft eingearbeitet hat - und sehr schnell auch ironische oder humorvolle Bemerkungen verstanden hat."

Asylverfahren hat Vorrang

13 Mitarbeiter arbeiten im Betrieb, alle haben mit geholfen und neben Geld auch viel Zeit investiert, damit Harouna die Ausbildung schafft. Jetzt will der Betrieb ihn weiter beschäftigen, aber der Status ist vorerst ungeklärt:

"Leider unterliegt er noch dem Asylverfahren - das heißt, solange das nicht abgeschlossen ist, greift auch kein anderer Paragraf des Aufenthalts- oder Ausländerrechts. Demzufolge muss das erst abgewartet werden."

Über das Asylverfahren entscheidet das BAMF, bei dem der Fall seit zwei Jahren liegt. Am Land, der Stadt Hannover und der Bundesagentur für Arbeit liegt es nicht, bisher haben sie sich kooperativ gezeigt. Harouna kommt nun auch. Den klebrigen Lehm abgewaschen und ist ansprechbar - ein hoch aufgeschossener junger Mann, zur Feier des Tages im weißen Hemd zur Jeans. Was ihm der Abschluss bedeutet:

"Das bedeutet für mich sehr viel Sachen. Damit kann man Zukunft vorbereiten - es ist eine große Sache, finde ich!"

Die Ausbildung war für ihn zugleich der Weg in die Gesellschaft:

"Die Kollegen haben sehr geholfen - wir haben den ganzen Tag geredet, das hilft auch, um die Sprache zu lernen. Auch wenn ich nicht verstehe, dann frage ich immer wieder - was ist das und wie geht das. Damit kann man zwei Sachen lernen - die Sprache und die fachlichen Sachen."

Betrieb setzt sich für Einbürgerung ein

Bis zum Abschluss hatte er gehofft, dass mit dem festen Arbeitsvertrag auch sein Status geklärt werden könnte und der Weg zur Einbürgerung frei wird. Vorerst bleibt das aber in der Schwebe. Dabei bemühen sich der Betrieb und auch die Behörden sehr, einen Spurwechsel für Harouna hinzubekommen, auch wenn es bisher kompliziert ist. Der Betrieb hat - auch aus ökonomischen Gründen - viele Bittbriefe geschrieben, bis hinauf zu Stephan Weil, dem Ministerpräsidenten Niedersachsens. Zander und sein Chef setzen sich für den Betrieb und für Harouna ein, eine langfristige Perspektive zu bekommen. Aus dem niedersächsischen Innenministerium kam Anfang August eine fünfseitige Stellungnahme dazu, Zander hat sie gelesen:

"Die Reaktion war durchweg positiv, aber mit dem Verweis auf die aktuelle Gesetzeslage, und mit einer - nicht ablehnenden, aber realistischen Einschätzung, dass es sechs bis acht Jahre dauern wird, so wie es aktuell gesetzlich geregelt ist, bis Harouna eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommt."

Unter den Gästen beim Sommerfest ist auch Susanne Laudien-Kranz, die als Integrationshelferin tätig ist. Sie kennt Harouna seit seiner Ankunft in Hannover:

"Ich denke, dass er einfach einen sicheren Status braucht, weil er darunter leidet."

Für weiteres jahrelanges Warten hat sie wenig Verständnis:

"Er hat eigentlich alles gemacht, Alles, was erforderlich ist, oder was gewünscht wird, hat er geleistet."

Prüfung kann Jahre dauern

Das letzte Schreiben vom BAMF liegt nun zwei Jahre zurück, wann und wie es entscheidet, ist ungewiss. Wenn das Asyl abgelehnt wird, bliebe ihm nach aktuellem Recht die Möglichkeit zum Antrag auf Aufenthaltserlaubnis für qualifizierte Geduldete. Dazu muss die Arbeitsagentur zustimmen. Immerhin - eine wohlwollende Prüfung wird vom Innenministerium in Aussicht gestellt. Trotzdem kann es noch Jahre dauern - es sei denn, die Bundesregierung gibt offiziell grünes Licht für schnellere Spurwechsel. Bis dahin gilt:

"Es kann jeden Tag was im Briefkasten sein - was gut ist oder was schlecht ist. Das ist eine belastende Situation - denn es kann ja alles, was sie sich aufgebaut haben, mit einem Mal zuende sein. Zumindest ist die Angst immer da."

Im Garten geht das Fest weiter, Harouna feiert mit. Seine Familie in Mali lebt nicht mehr, die Firma und viele Menschen haben ihm hier ermöglicht, hier eine neue Existenz aufzubauen - er hofft, für unbegrenzte Zeit.

"Ich bin ein ganz normaler Arbeiter wie die anderen - ich möchte auch arbeiten - in Deutschland arbeiten, wie ich in Deutschland bleiben möchte."

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