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StartseiteEuropa heuteGriechenland schränkt Hilfen ein 08.04.2019

FlüchtlingspolitikGriechenland schränkt Hilfen ein

In Griechenland leben derzeit mehr als 70.000 Geflüchtete - die meisten in Flüchtlingscamps. Über 20.000 Flüchtlinge, oft Familien mit Kindern, haben es aber besser: Dank eines Programms des UNHCR sind sie in Wohnungen untergebracht. Doch viele von ihnen sollen die Häuser jetzt verlassen.

Von Rodothea Seralidou

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Reza, Soraya und Mohammad (v.l.n.r.)  aus Afghanistan in ihrer vom UNHCR zur Verfügung gestellten Wohnung in Athen auf dem Boden sitzend. Mohammad´s Kopf liegt auf den Knien der Mutter. (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)
Reza, Soraya und Mohammad (v.l.n.r.) aus Afghanistan in ihrer vom UNHCR zur Verfügung gestellten Wohnung in Athen. (Deutschlandradio / Rodothea Seralidou)
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In der Wohnung von Reza und Soraya im dichtbesiedelten Athener Viertel Patisia. Sie leben in einem Zimmer, das ohne viel Schnickschnack eingerichtet ist: ein Bett, ein alter Fernseher, unter dem Bett die Spielsachen ihres dreijährigen Sohnes Mohammad. Küche und Bad muss sich die afghanische Familie mit einer weiteren Flüchtlingsfamilie teilen. Doch das macht der 25-jährigen Soraya nicht viel aus:

"Diese Wohnung ist eine große Hilfe für uns. Früher haben wir in einem besetzten Gebäude gewohnt, da hatten Rechtsextreme Feuer gelegt; ich hatte lange Zeit Albträume. Erst als wir hierhin gezogen sind, konnte ich den Schock langsam überwinden."

Seit zwei Jahren nun wohnt Soraya mit ihrer Familie hier. Die Wohnung hat ihnen die Hilfsorganisation Praksis zur Verfügung gestellt - eine Partnerorganisation des UNHCR. Deren Sozialarbeiter, Thanassis Papadopoulos, schaut regelmäßig nach dem Rechten - so auch heute. Der 28-jährige Reza erzählt ihm, sein Sohn Mohammad sei krank, sie seien gestern mit ihm beim Kinderarzt gewesen. Thanassis hört aufmerksam zu. Auch eine Geldhilfe gibt es im Rahmen des ESTIA-Hilfsprogramms: bei zwei Erwachsenen und einem Kind insgesamt 340 Euro.

Hunderte müssen ihre Wohnungen verlassen

Doch für Familien wie die von Soraya und Reza, die schon längst als Flüchtlinge in Griechenland anerkannt sind, soll die Unterstützung bald auslaufen. Die ersten 600 müssen ihre Wohnungen verlassen. Nur Flüchtlinge, die als "verletzlich" gelten, zum Beispiel kranke Menschen, Hochschwangere oder alleinerziehende Mütter mit Kleinkindern, bleiben davon verschont. UNHCR-Sprecher Boris Cheshirkov erklärt den Grund:

"ESTIA ist eigentlich ein Programm für Asylsuchende. Wenn das Asyl-Verfahren zu Ende ist, ist noch eine sechsmonatige Frist vorgesehen. Diese wurde bisher immer wieder aufs Neue verlängert, so dass mittlerweile Flüchtlinge im Programm sind, die schon seit mehr als 19 Monaten ihren Asylbescheid in der Tasche haben, einige schon seit mehr als zwei Jahren. Deswegen hat die griechische Regierung nun beschlossen, dass diese Flüchtlinge ihre Wohnungen verlassen müssen. Ein Grund dafür ist, dass weiterhin neue Flüchtlinge ankommen, die dringend Unterkunft und Unterstützung brauchen."

Der UNHCR-Sprecher hätte sich aber eine längere Übergangsphase gewünscht und sagt, es müsse nun mehr für die Integration der Flüchtlinge gemacht werden:

"Griechenland hat letztes Jahr eine Strategie vorgestellt, die klären soll, wie Flüchtlingen nach der Anerkennung geholfen werden kann: mit Sprachkursen, mit Bewerbungstraining und mit Hilfe bei der Arbeitssuche. Wir unterstützen nun die Regierung, diese Strategie auch umzusetzen. Denn durch die Wirtschaftskrise ist es sogar für Griechen nicht leicht, eine Arbeit zu finden. Für Flüchtlinge, ohne Sprachkenntnisse und ohne die Vernetzung von Familie und Bekannten, ist es noch schwieriger."

Griechisch lernen für eine bessere Zukunft

Die griechische Sprache lernen: Bisher passiert das nur sporadisch und wenn die Flüchtlinge selber nach Angeboten suchen. Für Reza und Soraya hatte das von Anfang an oberste Priorität. Sie besuchen einen kostenpflichtigen Griechischkurs für Ausländer an der Universität Athen. Eine Investition für die Zukunft, sagen sie. Was sie nach dem ESTIA-Programm erwartet?

"Es wird nicht leicht, wenn wir aus der Wohnung raus müssen, das wissen wir. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir Arbeit finden werden. Und wir legen für den Notfall Geld zur Seite: von den dreihundertvierzig Euro, die wir monatlich bekommen, mindestens hundert Euro. Wir haben ja ein Kind. Damit wir nicht auf der Straße landen."

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